Am 12. März 1989, vor 35 Jahren, stellten Tim Berners-Lee und Robert Cailliau eine Idee vor, mit der sie die Welt verändern sollten: ein Hypertext-System, das die Basis für das Internet war. Was zunächst nur als firmeninterne Kommunikationsmöglichkeit gedacht war, etablierte sich schon nach kurzer Zeit international.
Heute ist das Internet kaum mehr aus der Gesellschaft wegzudenken. Doch wie war es früher? Früher, als es noch kein weltweites Netz gab. Als man als Kind noch draußen spielte, statt vor dem Bildschirm zu hängen. Als man noch den Duden und den mehrbändigen Brockhaus zu Hause stehen hatte und keine Anfrage über die Suchmaschine Google losschicken konnte.
Ingrid Soldner, 80 Jahre alt, erlebte beide Welten. Und kann beiden ihre Vor- und Nachteile zugestehen.
„Ich bin in die Nachkriegszeit hineingeboren“, erzählt Soldner. Sie erinnert sich, wie sie als junges Mädchen gemeinsam mit ihrer Mutter auf Stoppelfeldern nach Kartoffeln suchte. Sie musste mit der Familie früh aus dem Sudetenland über Schlesien nach Leer in Ostfriesland fliehen. In ihren Teenagerjahren verschlug es die Familie nach Amberg in der Oberpfalz. Nach einem Auslandsjahr in England kehrte sie nach Bayern zurück und arbeitete in ihrer ersten Stelle als Bürokraft – eine Ausbildung habe es damals noch nicht gegeben. 1962 wurde sie Vorstandssekretärin in einem Hohlglasunternehmen, das Braun- und Grünglas produzierte. Dort arbeitete sie in der Gehaltsbuchhaltung und tippte anfangs die Beträge noch auf der Schreibmaschine.
Mit der Zeit gab es bezüglich der Gerätschaften Neuerungen: Eine elektronische Rechenmaschine wurde angeschafft. Die Abrechnung der Firma führte Soldner dann per Fernschreiber, also einer Art Fax, durch: Dazu wurden Lochkarten zu einer Firma in Düsseldorf geschickt — die Beträge wurden in die Lochkarten eingestanzt und in Düsseldorf ausgewertet. Löhne gab es damals noch in bar – und das wöchentlich, erinnert sich Soldner. Auf die Münze genau musste sie die Beträge in Kuverts stecken, für jeden Mitarbeitenden gab es eines. Und: „Teilweise standen Frauen am Zahltag an der Pforte Schlange, um ihre Männer abzupassen, bevor sie ins nächste Wirtshaus gehen konnten“, erzählt Soldner.
Deshalb habe sich die Belegschaft zunächst auch gewehrt, Überweisungen des Lohns auf ein Konto zu akzeptieren — dann wäre ja herausgekommen, wie viel Lohn sie genau bekommen, erklärt Soldner lachend.
So sei man Anfang der 1980er-Jahre immer mehr im elektronischen Zeitalter angekommen, so Soldner. Eines habe auf dem anderen aufgebaut, bevor dann Ende der 1980er-Jahre das Internet aufkam. „Man hat sich mit dem Ganzen befasst und kannte sich aus“, erklärt die 80-Jährige. Mittlerweile hatte sie sich selbstständig gemacht und ein eigenes Unternehmen gegründet.
Dort konnte man Berufsbekleidung kaufen, auch Hemden und Schuhe. Rund zehn Jahre später, Ende der 1990er-Jahre, programmierte Soldners Sohn eine Website für das Unternehmen. „Ich kann ihn heute noch sagen hören: Ihr müsst unbedingt ins Internet, das ist die Zukunft“, erinnert sie sich.
Für das Unternehmen brachte es den Erfolg: Sie vergrößerten sich, es wurde sogar ein neues Lager gebaut, da das alte Lager aus allen Nähten platzte. „Wir haben immer gesagt: Wir machen es wie Bill Gates, wir fangen in der Garage an“, so Soldner.
Und der Plan ging auf: Die Firma versuchte, für alle Branchen etwas zu bieten, hatte Kundinnen und Kunden in der Schweiz und in Österreich. Der Arbeitsalltag in der Firma veränderte sich merklich. Während Soldner früher nachts gegen halb zwei noch Hemden umnähte, kamen nun Menschen ins Geschäft und fragten nach einem Kleid, das sie im Internet gefunden hatten: „Habt ihr das auch?“ Oftmals wurden aber auch mehr Teile als benötigt bestellt und dann wieder zurückgegeben: Da machte es einem das Internet leicht.
„Wir haben uns damit die Schnelllebigkeit einverleibt“, findet sie. Problematisch sieht sie auch die Anonymität, die mit der Weiterentwicklung des Internets einhergeht. Geschäftlich sei sie oft zu Kundinnen und Kunden gefahren, habe ganze Garnituren an Kleidung dabeigehabt. Dann wurde persönlich über die Lieferung gesprochen, die Männer und Frauen probierten die Kleidung an und Soldner konnte direkt Anpassungen vornehmen und beraten. Bestellen die Menschen online, fielen der persönliche Kontakt und die Beratung weg.
Als Einzelhandelskauffrau bemerke sie auch Veränderungen in der Stadt. Immer mehr Geschäfte schließen, Menschen gehen nicht mehr einkaufen und die Gemeinschaft bleibe auf der Strecke.
Dem entgegenzuwirken, ist Soldner, die sich auch im Seniorenbeiratengagiert, wichtig. Doch dafür müsse man selbst etwas machen. „Es passiert nichts, wenn Sie nicht selbst ein Lächeln schenken.“