Vor ein paar Jahren unterrichtete er noch am Neustädter Gymnasium. Einige werden sich dort ganz sicher noch an Kai Ulmer erinnern. Heute grüßt er unter Palmen, denn den bayerischen Lehreralltag hat er gegen Costa Rica eingetauscht. Ein außergewöhnlicher Mann, ein außergewöhnliches Leben.
Der Unterricht in den Tropen ist für den 51-jährigen Kai Ulmer mittlerweile Alltag: er arbeitet bereits zum zweiten Mal im Auslandsschuldienst. In Peru sammelte er während eines achtjährigen Aufenthalts wertvolle Erfahrungen in seinem Beruf. Nach einem fünfjährigen Zwischenstopp in Neustadt ist er mittlerweile in Costa Rica gelandet.
Kai Ulmer wurde die Leidenschaft für lateinamerikanische Kulturen und die Affinität zur spanischen Sprache praktisch in die Wiege gelegt. Als Sohn eines Auslandslehrers lernte er bereits in jungen Jahren den Schulalltag in Kolumbien, Deutschland und Mexiko kennen. Seine Grundschulzeit und seine ersten Gymnasialjahre erlebte er in Bad Windsheim, sein Abitur machte er, gemeinsam mit seiner späteren Frau, an einer deutschen Schule in Mexiko. „Als wir damals das Abitur in den Händen hielten haben wir uns praktisch geschworen, dass wir später auch mal ins Ausland gehen.“
Der Bund unterhält weltweit rund 140 Auslandsschulen, an denen deutsch-europäische Werte in den Schulalltag integriert werden. Lehrerinnen und Lehrer haben die Möglichkeit, den deutschen Schulalltag für eine gewisse Zeit zu verlassen und durch die Zentralstelle für Auslandswesen (ZfA) rund um den Globus an deutsche Auslandsschulen vermittelt zu werden.
2007 ergatterte der Pädagoge eine Stelle an einer Begegnungsschule in Lima, der Hauptstadt Perus. Etwa eineinhalb Jahre zuvor hatte die Familie den Bewerbungsprozess begonnen. Zu präzise Vorstellungen von der neuen Heimat dürfe man nicht haben, weiß Ulmer mittlerweile: „Die Kernfähigkeit, die man mitbringen muss, ist definitiv Flexibilität.“ Er selbst hatte sich zuerst für Tokio interessiert, doch landete – ein Jahr früher als geplant – in Peru.
Ana Luz, die älteste Tochter Kai Ulmers, besuchte, ebenso wie ihre Schwester, in der peruanischen Hauptstadt einen spanisch-sprachigen Kindergarten. So lernten die Mädchen praktisch ganz nebenbei die bis dato fremde Sprache. Zur Schule gingen die beiden dann in die deutsche Auslandsschule, an der ihr Vater Geschichte und Deutsch als Fremdsprache unterrichtete.
Ganz nach dem Motto „Wer nicht fortgeht, kommt nicht heim“ schätzte Kai Ulmer die Zeit in seinem heimischen Franken nach einem Auslandsaufenthalt viel mehr. Fünf Jahre lang unterrichtete er nach der Rückkehr aus Lima am Gymnasium in Neustadt, in dieser Zeit brachte er lateinamerikanisches Flair ans FAG: Spanisch mit Leidenschaft, mit Geschichte und Geschichten aus dem prallen Leben in Peru – die Schüler wussten seine ansteckende Begeisterung zu schätzen.
Bleiben aber wollte er nicht: „Unter uns Auslandsleuten gibt es den Begriff des Auslandsvirus. Das heißt, wenn man einmal davon gepackt ist, will man immer wieder raus“, sagt Ulmer. Er ist begeistert vom interkulturellen Dialog, will die Lebensweise seines Gegenübers verstehen. „Das Gefühl zwischen zwei Welten pendeln zu dürfen, ist ein einmaliger Rausch.“ Mit mittlerweile drei Kindern packte er also 2020 erneut die Koffer. Diesmal verschlug es die Nomadenfamilie nach San José, die Hauptstadt von Costa Rica. „Nach fünf Jahren hat es uns eben wieder rausgezogen“. Das „Auslandsvirus“ hatte wieder zugeschlagen.
Seine heute 19-jährige Tochter Ana Luz empfand den Tapetenwechsel vor etwas mehr als zwei Jahren allerdings erstmal nicht so sehr als frische Brise – im Gegenteil: der Umzug riss sie aus ihrem gewohnten Umfeld, weg von ihren Freunden. „Das war superkomisch. Meine Freunde haben mir geholfen, meine Klamotten zu packen, dabei kamen die Trauer über den Abschied und die Vorfreude zusammen,“ erzählt Ana Luz von ihren letzten Tagen vor der Abreise. Nachdenklich ist sie heute, wenn sie an diese Tage denkt – ein wenig zerrissen fühlte sie sich damals. Gleichzeitig ist sie dankbar und teilt die Begeisterung ihres Vaters, denn auch wenn die Abschiede schwer fallen: „Trotzdem würde ich es tatsächlich jedes Mal aufs Neue machen. “
Immerhin: Dank der modernen Technik ist Ana Luz nicht gänzlich abgeschnitten von Deutschland, jenem Teil der Welt, den sie immer noch als Zuhause betrachtet – ein Zuhause unter mehreren: Die 19-jährige nutzt die sozialen Medien und Videoanrufe, um trotz der achtstündigen Zeitverschiebung mit ihren deutschen Freunden im ständigen Austausch zu bleiben.
Als kommissarischer Schulleiter am Colegio Humboldt in San José gestaltet Kai Ulmer ein Schulumfeld mit, das durch fünf Prozent deutsche und 95 Prozent einheimische Schüler geprägt ist. „Die Begegnung der beiden Kulturen ist in jeder Sekunde und in jedem Winkel der Schule zu bemerken. Das ist spannend, aber auch herausfordernd“ erzählt er.
Als Schülerin fiel Ana Luz von Anfang an die unkomplizierte Freundlichkeit bei ihren Mitschülern auf. Mit offenen Armen sei sie von den Einheimischen empfangen worden. Der Dialekt der Ticos, wie die Costa Ricaner genannt werden, stellte ihr Spanisch anfangs auf die Probe, doch trotz der Sprachbarrieren und Pandemie-bedingten eineinhalb Jahre Distanzunterricht fiel es ihr dank der herzlichen Art ihrer Mitschüler leicht, Freundschaften zu schließen.
An der Privatschule treffen nicht nur Kinder aus verschiedenen Kulturen, sondern auch aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen aufeinander. Die Förderung von Bildung durch Stipendienprogramme hat an der akademischen Eliteschule vom Kindergarten bis zum Abschluss einen extrem hohen Stellenwert. Das Abitur öffnet die Tür zum Studium an deutschen und europäischen Hochschulen.
Die Vorbereitung der Schülerinnen und Schüler auf den costaricanischen Abschluss, das Bachillerato, sowie ein Jahr später auf das deutsche Abitur erfolgt durch rund 20 deutsche Lehrkräfte und etwa 60 einheimische Pädagogen auf spanisch und deutsch. Ana Luz ist zufrieden mit ihrem Abitur. Sie meint der Ortswechsel habe ihren Abschluss nicht beeinträchtigt, da alle abiturrelevanten Fächer auf deutsch unterrichtet wurden.
Das Aufeinandertreffen der costaricanischen Unterrichtsmethoden und den Vorstellungen aus 16 deutschen Bundesländern – besonders vor dem Hintergrund des föderalistischen Bildungssystems in der Bundesrepublik – verläuft weder typisch noch immer unproblematisch. Der Schulleiter betrachtet die Begegnung, wenn die Beteiligten kompromissbereit sind, jedoch als Gewinn für das gesamte Kollegium: „Es ist spannend und inspirierend wenn zum Beispiel bayerische und niedersächsische Kollegen nach einem gemeinsamen Lehrplan unterrichten müssen“. In Deutschland unvorstellbar - in Costa Rica möglich. Wer dann wohl der Exot ist? Der Bayer? Oder der Niedersachse?
Während seiner Zeit als Lehrer in Lateinamerika ist Kai Ulmer beurlaubter Landesbeamter. Er und seine Familie sind keine Auswanderer im eigentlichen Sinne, vielmehr sehen die Ulmers ihre Auslandsaufenthalte als „geliehene Zeit in neuen Kulturen“. Das Leben in Deutschland möchte Kai Ulmer trotz der Erlebnisse in Lateinamerika keinesfalls vollständig hinter sich lassen: „Man merkt im Ausland dann doch, wo die Heimat eigentlich ist“.
Der Auslandsvirus scheint hoch infektiös zu sein: auch Tochter Ana Luz spielt mit dem Gedanken in die Fußstapfen ihres Großvaters und ihres Vaters zu treten. Aus der deutschen Komfortzone auszubrechen und immer wieder ein Zuhause an verschiedenen Orten der Welt zu finden, das kann auch sie sich für ihr Leben sehr gut vorstellen. In dieser Familie scheint es schwer zu sein, dem Virus zu entkommen.