Fünf Jahrzehnte lang wurde der Müll im schmalen Nüßleinsweg in Oberdachstetten (Landkreis Ansbach) direkt vor der Haustür abgeholt. Seit einigen Wochen ist das nun nicht mehr möglich. Aus Sicherheitsgründen, heißt es seitens des Landratsamtes. Die Anwohner der Sackgasse sind jedoch sehr unzufrieden und vermuten eher wirtschaftliche Gründe für die Neuerung.
Ältere Bewohner des Nüßleinsweges könnten beim Ziehen der Tonnen bis zur nächsten Straße, wo der Müll nun abgeholt wird, stürzen. Vor allem bei Schneeglätte im Winter würden die Senioren Probleme bekommen mit den Tonnen im Schlepptau. Diese Befürchtung haben Klaus Konrad und einige seiner Nachbarn. Konrad baut derzeit sein Elternhaus ganz am Ende der Sackgasse um und möchte seinen Lebensabend hier verbringen. Rund 150 Meter sind es von seinem Haus bis zum Platz für die Tonnen und Gelben Säcke.
Das Vorgehen bis Anfang dieses Jahres: Die Müllautos fuhren rückwärts in die Sackgasse hinein und vorwärts wieder hinaus, wie Klaus Konrad schildert. Wenden konnten die Entsorgungsfahrzeuge noch nie in dem Sträßchen.
„Nach gut 50 Jahren problemloser Abfallentsorgung im Nüßleinsweg wurde diese Ende Januar 2024 ohne Ankündigung und Einbindung der Anwohner eingestellt. Erst im Nachgang und auf Nachfrage wurden die Anwohner informiert“, führt Konrad aus. „Ohne Abstimmung mit den Anwohnern wurde durch die Gemeindeverwaltung eine Abfallsammelstelle definiert und dem Landratsamt gegenüber gemeldet.“
Eine solche Sammelstelle gibt es laut Konrad jedoch faktisch nicht. Stattdessen sollen die Mülleimer und Gelben Säcke bis zur Abzweigung des Nüßleinsweges in die Büttelbergstraße gebracht und dort am Rand einfach abgestellt werden.
„Durch die Behälter und Säcke ergibt sich eine Gefährdungslage für den Verkehr in der Büttelbergstraße sowie den Zufahrtsverkehr in den Nüßleinsweg“, ist Konrad überzeugt. „Zudem hat die Nachbarschaft in der Büttelbergstraße bereits ihren Unmut hinsichtlich zukünftig zu erwartender Verschmutzung durch verwehte und aufgeplatzte Säcke und umgefahrene oder umgeworfene Mülltonnen geäußert. Schäden, die aufgrund der Situation entstehen, dürfen nicht den Anwohnern des Nüßleinswegs angelastet werden.“
Konrad wandte sich an die für das Thema Müllentsorgung zuständige Stelle beim Landratsamt Ansbach. Die Antwort sinngemäß: Die Müllfahrzeuge dürfen aus Sicherheitsgründen nicht mehr rückwärts in die schmale Sackgasse hineinfahren.
Dies bestätigt die Pressestelle des Landratsamtes auf FLZ-Anfrage. „Bei einem Besichtigungstermin mit der Gemeinde und dem Entsorgungsunternehmen wurde festgestellt, dass beim Befahren des Nüßleinsweges die geforderten sicherheitstechnischen Vorschriften der Berufsgenossenschaft nicht eingehalten werden können und daher der Weg mit einem Entsorgungsfahrzeug nicht mehr befahren werden darf. Die Unfallverhütungsvorschriften sind Verordnungen und haben damit Gesetzescharakter“, heißt es in der Stellungnahme.
Und weiter: „Auch nach den Regelungen der Abfallwirtschaftssatzung dürfen Straßen nur befahren werden, wenn dies ohne Gefährdung der eingesetzten Fahrzeuge und ihrer Besatzung beziehungsweise der Anwohner möglich ist. Der Nüßleinsweg ist eine Stichstraße ohne ausreichende Wendeanlage. Sackgassen müssen nach den Vorschriften am Ende über eine geeignete Wendeanlage verfügen, damit ein Rückwärtsfahren der Abfallentsorgungsfahrzeuge nicht erforderlich ist.“ An der schmalsten Stelle weise der Nüßleinsweg eine Breite von drei Metern auf. „Das Müllauto misst bereits in der Breite 2,5 Meter. Schon für eine sichere Vorwärtsfahrt müssen aber beidseitig des Fahrzeugs 0,5 Meter Freiraum bestehen.“
Bundesweit seien „zahlreiche tödliche Unfälle im Zusammenhang mit Abfallentsorgungsfahrzeugen“ zu verzeichnen. „Besonders das Rückwärtsfahren stellt für sich allein schon einen gefährlichen Vorgang dar, wobei die Unübersichtlichkeit der Entsorgungsfahrzeuge diese Gefährlichkeit noch verstärkt“, so der Pressesprecher des Landratsamtes. Die Neuerung in Oberdachstetten diene „in erster Linie der Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger“.
Doch warum müssen in dem Viertel rund um den engen Nüßleinsweg und die ebenfalls schmale Büttelbergstraße überhaupt riesige Müllfahrzeuge eingesetzt werden? Könnte hier nicht mit kleineren Entsorgungsfahrzeugen gearbeitet werden? Das fragen sich die Anwohner. Offenkundig zählten aber „Wirtschaftlichkeit und Schnelligkeit“ mehr als der Service-Gedanke, meint Konrad.
„Eine Service-Orientierung erkennen wir nicht“, bedauert er. „Der Argumentation, dass moderne Mülltransporter mit viel Hightech ausgerüstet sind, EU-Normen unterliegen und größer in ihrem Umfang werden, können wir nicht viel abgewinnen. Eine sachliche Aufarbeitung und Lösungsfindung ist unser primäres Ziel. Eigentlich können wir ja auch nicht die einzigen Betroffenen im Landkreis sein.“