Es ging um die Gefahr, wie die Bevölkerung durch Rechtsextremismus unterwandert werden kann. Dekan Uland Spahlinger begrüßte interessierte Bürgerinnen und Bürger im evangelischen Gemeindehaus St. Paul zum Vortrag von Dr. Matthias Pöhlmann mit dem Titel „Allianz des Misstrauens“.
Pöhlmann ist Kirchenrat und Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern sowie Lehrbeauftragter für Religionswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität sowie an der Universität der Bundeswehr München. Er beschäftigt sich schon seit über 30 Jahren mit Naturheilkunde und Esoterik und gilt als Experte auf diesem Gebiet.
Unter dem Begriff Esoterik versteht man einen „dritten Weg“ zwischen der Religion und der Wissenschaft. Gleich zu Beginn der Veranstaltung machte Pöhlmann klar, dass er keinesfalls die Esoterik per se an den Pranger stellen wolle. Vielmehr setze er sich für Demokratie und Vielfalt ein und wolle informativ über die Zusammenhänge aufklären, die mit dem Thema Esoterik einher gingen.
„Die sozialen Medien“, so Pöhlmann, „bieten eine optimale Möglichkeit zur Verbreitung von Verschwörungstheorien und alternativen Gedankenguts.“ Als Beispiel nannte er Chemtrails, über die fast jeder schon einmal etwas gelesen haben dürfte. Esoteriker seien der Annahme, dass die Kondensstreifen, die aus den Abgasen der Flugzeuge am Himmel sichtbar würden, in Wahrheit von einer geheimen Organisation versprüht würden, um die Menschheit zu vergiften. Auch ein Teil der Naturheilkunde beruhe laut dem Wissenschaftler auf Esoterik, doch dies sei zunächst nicht verwerflich.
Problematisch sei, dass das Gedankengut in diesem Milieu laut Pöhlmann inzwischen wesentlich weiter gehe. Esoteriker seien grundsätzlich der Ansicht, dass im Leben nichts dem Zufall überlassen sei. Jedes Ereignis würde von vornherein geplant werden. So stünden auf Querdenker-Demos Naturheilkundler, Reichsbürger und teilweise auch die Anhänger klassischer Sekten wie etwa Scientology nebeneinander, um ihre Weltanschauung unter dem Volk zu verbreiten. Auch zahlreiche in jüngerer Zeit gegründete Organisationen wie zum Beispiel die Anastasia-Bewegung und Q-Anon zählen laut Pöhlmann zu dieser Gruppierung.
Begünstigt durch Krisen wie die Corona-Pandemie gewinnen Pöhlmann zufolge rechte Esoteriker immer mehr Zulauf. Denn verunsicherte Menschen seien empfänglicher für alternatives Denken. Auch in Mittelfranken und in Ostwürttemberg sind inzwischen Vereinigungen aktiv, die solches Gedankengut teilen. Pöhlmann nannte als Beispiel den Verein „Mutter-Erde-Bayern e.V.“ in Wemding und gab als Indiz dafür die auch in diesem Verein vorkommende umgedrehte Bundesflagge (rot-gold-schwarz) an, die von Rechtsextremen häufig verwendet werde.
Neu ist Pöhlmann zufolge vor allem der verbreitete Glaube an Verschwörungserzählungen, den nach einer im Juni 2021 veröffentlichten Studie ein Fünftel der deutschen Bevölkerung teilt. Fast ein Viertel glaubt, dass geheime Organisationen einen großen Einfluss auf politische Entscheidungen hätten.
Was auf den ersten Blick dem einen oder anderen als harmlose Spinnerei erscheinen mag, birgt immensen gesellschaftlichen Sprengstoff, so der Experte. Verschwörungsmythen stellen für die Demokratie, die auf Konsens, Kompromissbereitschaft und Verhandlungsprozesse angewiesen ist, eine große Gefahr dar. „Der Verschwörungsglaube polarisiert und ist empfänglich für rechtsextremistisches und antidemokratisches Gedankengut“, erklärte Pöhlmann. Dadurch bestehe die Gefahr einer zunehmenden Radikalisierung und einer zunehmenden Bereitschaft zu Gewalttaten in der Bevölkerung.
Wie lässt sich diese Entwicklung eindämmen? Pöhlmann zufolge sei es wichtig, jungen Leuten eine sichere Zukunft zu ermöglichen sowie ihnen digitale und theologische Kompetenz beizubringen – etwa im Religionsunterricht. Besonders empfänglich für esoterische Theorien seien allerdings nicht Jugendliche, sondern auffallend oft Männer im fortgeschrittenen Alter. Hier helfe es, ein gesundes Kritikbewusstsein an den Tag zu legen und gegebenenfalls nach den Gründen zu fragen, wieso der Betroffene glaube, dass seine andere Weltanschauung die richtige sei. Denn mit Kontra-Argumenten – auch wenn sie noch so stichhaltig seien – könne man eher das Gegenteil bewirken und Esoteriker in ihrer Meinung bestärken, so Pöhlmann.