Wieso es am Theater Ansbach bei „Des Kaisers neue Kleider” einen Aufruhr gibt | FLZ.de

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Veröffentlicht am 30.11.2025 17:00

Wieso es am Theater Ansbach bei „Des Kaisers neue Kleider” einen Aufruhr gibt

Die zwei rebellischen Schalksnarren mischen den Kaiserhof auf – eine Szene mit Margherita Campostrini, Otto Beckmann, Nicole Schneider und Sophie Weikert. (Foto: Jim Albright)
Die zwei rebellischen Schalksnarren mischen den Kaiserhof auf – eine Szene mit Margherita Campostrini, Otto Beckmann, Nicole Schneider und Sophie Weikert. (Foto: Jim Albright)
Die zwei rebellischen Schalksnarren mischen den Kaiserhof auf – eine Szene mit Margherita Campostrini, Otto Beckmann, Nicole Schneider und Sophie Weikert. (Foto: Jim Albright)

Ein Zufall, der Zeitgeist, die Weltlage? Wahrscheinlich von allem etwas: Die festen Theater in der Region, die in Ansbach und Dinkelsbühl, haben als Weihnachtsstücke Stoffe von Hans Christian Andersen auf die Bühne gebracht. Beide spielen frei mit ihnen.

Beide spielen so frei, dass beide unter der Märchenpoesie in aller Klarheit Heutiges, politische, gesellschaftskritische Lesarten sichtbar machen. In Dinkelsbühl, wo Jasmin Meindl „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ inszenierte, traten Aspekte wie Vertreibung, Abweisung, Angst vor dem Fremden in den Vordergrund. In Ansbach ermuntert Frank Siebenschuh mit seinem Märchen-Ensemble das Volk zu einer kleinen Revolte. „Des Kaisers neue Kleider“ ist eine Abrechnung mit den Selbstdarstellern, Ausbeutern, Machthabern und Autokraten der Welt. Freilich nie plump, nie todernst, sondern mit einem Spaß an Scherz, Satire und absurden Zuspitzungen.

Ironischer Blick auf das Märchen

Das Stück ist eine Märchenadaption von Georg A. Weth. Die Figuren handeln nicht nur, sie erzählen, was sie denken. Ihre Rede ist dabei mit comichaften Inflektiven wie glubsch und schmatz gespickt. Was an ironischer Distanz darin angelegt ist, verstärkt Regisseur Frank Siebenschuh durch seinen artifiziellen Spielstil.

Aus Hans Christian Andersens Betrügern, die mit der Dummheit und Eitelkeit des Kaisers Geld verdienen wollen, sind in Ansbach zwei weißgeschminkte, buntscheckige Narrenfiguren geworden, die dem selbstverliebten Kaiser eine Lektion erteilen. Kein schlesischer, ein clownesker Weberaufstand also.

Der Regent, der gern eine orange-blonde Tüllperücke trägt, lebt seine Prunksucht und seinen Kleidungsfimmel auf Kosten seines Volkes aus. Die rebellischen Schalksnarren weben einen teuren, neuen Stoff, bekanntermaßen einen, der nicht existiert, aber von dem alle vorgeben ihn zu sehen, weil sie fürchten, als dumm zu gelten. Frank Siebenschuh setzt dies mit spielerischer Leichtigkeit, gemächlich und heiter bis grotesk in Szene.

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Tame Priwitzers pointiert reduzierte Ausstattung ist nicht weniger ironisch als die Regie. Klare, leuchtende Farben dominieren. Ihr Bühnenbild, die Apsis eines Thronsaals mit einem goldenen Sofa-Thron und Neon-Kronleuchter, strahlt in Orange, Weiß, Blau und Gold. Priwitzer stellt in schönster Künstlichkeit eine bonbonbunte Scheinwelt aus Stoffbahnen her, in der sich der Kaiser, der Hofmarschall und das Narren-Paar wie Spielzeugfiguren ausnehmen, zum einen dank Priwitzers Kostümen, zum anderen wegen Siebenschuhs abgezirkelter, choreographierter Personenführungen.

Ein bubenhaft eitler und tragikomischer Kaiser

Siebenschuhs Ansatz ist heikel, weil das Märchenpersonal zu kalten Karikaturen werden könnte. Das werden sie aber nicht. Das Schauspielquartett dosiert seine Mittel genau und sammelt Sympathiepunkte für seine Figuren, allen voran die Narren, Margherita Campostrini und Sophie Weikert, sogar der Kaiser, so hinreißend wie ihn Otto Beckmann spielt, besitzt etwas Drolliges in seiner bubenhaften Eitelkeit. Als ihn Selbstzweifel befallen, ist das ein tragikomischer Moment. Und Nicole Schneider lässt bei ihrem Hofmarschall die Machtgelüste eines Unterdrückten aufblitzen.

Was die Produktion noch brauchen könnte: etwas mehr Zug und ein paar Minuten weniger bei den pantomimischen Zwischenspielen. Das Ende dann ist großartig. Der Kaiser tritt in Unterwäsche vors Volk, also vors Publikum. Niemand traut sich, ihm zu sagen, dass es keine neuen Kleider gibt. Die Narren aber schon. Das ist ihr Plan. Sie gehen zu den Zuschauerinnen und Zuschauern, ermuntern sie, die Wahrheit zu rufen. Die machen mit. Und auf einmal ist ein Aufruhr der Aufrichtigen im Gange. Sehr schön. Das kann man in den Alltag mitnehmen.


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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