Es ist schon eine Weile her, dass Andreas Scholl in der Region aufgetreten ist. 2011 war das bei der Ansbacher Bachwoche. Am Sonntag gab der Countertenor, begleitet von Tamar Halperin am Cembalo, in Feuchtwangen ein Konzert mit Musik der Renaissance und des Barock. Christiane Karg hatte das Paar in ihre schöne Reihe KunstKlang eingeladen.
Andreas Scholl hat sehr viel dafür getan, den Klang eines männlichen Alts im Konzertbetrieb zu etablieren. Ihm gelang, was damals noch nicht selbstverständlich war, wenn ein Mann in einer Stimmlage sang, die gemeinhin als eine weibliche gilt: Es wirkte vollkommen natürlich.
Mitte der 90er waren seine ausnehmend schöne, modulationsfähige, bewegliche Stimme und seine Gestaltungskunst eine Offenbarung. Beide sichern ihm, das zeigt sich in der Rückschau, einen vorderen Platz in der Interpretationsgeschichte.
In diesem Jahr wird Andreas Scholl 59, ein Alter, in dem manch berühmter Tenor mehr Ruhm als Stimme besitzt. Und er, der Countertenor? „Vielleicht ist die Stimme irgendwann nicht mehr so frisch wie die eines Zwanzigjährigen, jedoch gewinnt sie mit den Jahren an menschlicher Tiefe”, sagte Andreas Scholl seinerzeit vor dem Auftritt bei der Bachwoche und ergänzte: „Aber natürlich muss man etwas für seine Fitness tun.” Er hat offenbar sehr viel dafür getan.
Wie alterslos steht er in der Johanniskirche auf dem Podium. Nach wie vor verblüfft, mit welcher Intensität er Texte aufschließt, wie er sie durch Klangfarben und Deklamation in Seelenportraits verwandelt, wie seine Stimme Kantilenen im Raum zu Leuchtbögen aufspannt.
Das Programm war klug gebaut. Es kreiste im ersten Teil um Selbstreflexionen und dunkle Affekte. „Menschliche Tiefe” lässt sich bei Dowland, Purcell, Neuwach und Krieger nun wirklich finden. Andreas Scholl lotete sie aus, er nutzte dazu auch nasale, gaumige, brustige Klänge in der mittleren Lage und überglänzte sie in der hohen mit einer Stimme, die wie eh und je etwas Orphisches besitzt– was etwa bei den melancholischen, lustvoll leidenden Dowland-Liedern oder auch später ins Szenische, Dramatische gesteigert beim Liebesglück und Liebesschmerz zweier Kantaten von Händel und Vivaldi etwas Tröstliches und Befreiendes ausstrahlt.
Ihm zur Seite am Cembalo saß Tamar Halperin. Wie sie ihn begleitete und Solostücke interpretierte, wie sie die Werke verband – das war nicht weniger eindrucksvoll. Improvisierend holte sie die Musik aus der Stille, ließ gern die Stücke erst zu sich kommen – und wieder verklingen. Purcells Ground in d-Moll klang bei ihr wie das Psychogramm eines verbitterten Grüblers, das ratlos auf einem einsamen a endet. Das Menuett aus Bachs G-Dur-Partitur überführte sie in eine eigene originelle Komposition, „Baustelle No. 1”, die Minimalistisches, auch Jazziges mit Bachs Original verblendet.
Der Beifall war groß. Als Zugabe führte das Ehepaar ein familiäres Wiegenlied auf, das Andreas Scholl geschrieben hat. Man hörte ihn hier auch als Bariton – eine feine Überraschung.