Das Erbsengäßchen zwischen Wenggasse und Rödergasse sorgte in der Altstadt für Diskussionen: Der Grund ist, dass das historische Pflaster entfernt und durch ein Betonpflaster in Muschelkalkoptik ersetzt wurde. Die Bauarbeiten sind abgeschlossen. Zum Kreis der Kritiker zählt die Hoteliersfamilie Berger.
Stephan Berger, 63 Jahre alt, wohnt mit seiner Familie im Erbsengäßchen. Er geht hier jeden Tag ein und aus und erlebt mit, wie sich der neu verlegte Bodenbelag bereits jetzt verändert. Sein Fazit: „Der Beton wird immer unansehnlicher.“ Und: Das Pflaster sei für ihn ein Mahnmal, wie man es nicht macht. Berger zeigt auf bereits abgeplatzte Ecken der einzeln verlegten Steine. „Das war beim Anliefern ganz sicher nicht so“, vermutet er.
Aufhören damit, bitte sofort aufhören.
Gedauert hatte die Baumaßnahme knapp ein Jahr, von Mai vergangenen Jahres bis Februar 2025. Gekostet hatte sie an die 300.000 Euro, teilt Thomas Müller von der Stadtverwaltung mit. Ursprung der Arbeiten war die Erneuerung der Gas-, Wasser- und Stromleitungen durch die Stadtwerke – die Stadt ließ zudem die Kanalsanierung erledigen.
Und das Ergebnis? Eine Gasse, die sich von den anderen in Rothenburg deutlich abhebt, finden Stephan Berger und seine Tochter Lissi Berger. Die 29-Jährige appelliert an die Verantwortlichen seitens des Rathauses: „Aufhören damit, bitte sofort aufhören.“ Die eher aufgeräumte, cleane Optik des Gässchens passe nicht zum Rest der Altstadt.
Lissi Berger mache sich Sorgen, dass das Erbsengäßchen erst der Anfang war und weitere Gassen der Stadt in Betonoptik umgestaltet werden könnten. Lissi Berger ist sich sicher: „Durch solche Maßnahmen werden immer weniger Touristen nach Rothenburg kommen“, prophezeit sie. Denn die mit Kopfsteinpflaster belegten verschlungenen Gässchen seien unter anderem der Grund dafür, dass Touristinnen und Touristen sie besuchen.
Stephan Berger stimmt zu: „Ich bin Rothenburger, deshalb trauere ich um das Kopfsteinpflaster im Erbsengäßchen. Ich glaube, so viel Sentimentalität kann man sich leisten.“ Für ihn sei das Pflaster ein Teil der „authentischen Geschichte“ der Stadt, und mit Geschichte sei er aufgewachsen, sagt Berger. Für ihn habe jeder Pflasterstein im Erbsengäßchen eine eigene Geschichte erzählt. „Bestimmt gibt es einen Rothenburger, der sagt, auf den Stein bin ich 1939 beim Fangenspielen draufgefallen und habe mir blutige Knie geholt.“ Jedoch sei er sich bewusst, dass die Entscheidung für Betonsteine aus Kostengründen gefallen war. „Manchmal muss man im Leben kleine Opfer bringen“, bedauert er.
Über die Optik der Gasse möchte Berger kein gutes Wort verlieren: Sie wirke für ihn nun eher wie ein Industriedenkmal, betont er. Und fügt hinzu: „Sie fragen mich nach meiner Meinung, die sag ich Ihnen ganz ehrlich.“ Über den Punkt, dass das neue Erbsengäßchen für Menschen mit einer Behinderung, mit Einschränkungen oder einem Kinderwagen deutlich leichter begehbar ist, sind sich die Bergers im Klaren. Jedoch sind sie der Meinung, dass es auch andere Wege in der Stadt gebe, die genutzt werden können.
Wie eine einzige Note eine Komposition herabsetzen kann, setzt auch ein nicht authentisches Gässchen den historischen Anspruch, den Rothenburg an sich hat, herab.
Dass sich viele Bürgerinnen und Bürger der Stadt ein anderes Pflaster gewünscht hätten, steht für die beiden außer Zweifel. Richtig einbezogen bei der Planung des Umbaus hätten sie sich auch nicht gefühlt, sagt Lissi Berger. „Es ging alles ziemlich schnell.“
Aber: Die Bergers haben das Erbsengäßchen für sich gerettet. „Ein bisschen“ zumindest, sagt Stephan Berger und grinst verschmitzt. Ab und an, wenn sie nachts um zwölf nach Hause gingen, hätten sie den einen oder anderen Pflasterstein in der Dunkelheit mitgenommen. „Und dann haben wir die Steine im Garten versteckt“, so Berger.
Bei seiner kritischen Haltung zur Erbsengäßchen-Gestaltung bleibt er aber: „Wie eine einzige Note eine Komposition herabsetzen kann, setzt auch ein nicht authentisches Gässchen den historischen Anspruch, den Rothenburg an sich hat, herab.“