Ein besonderer Höhepunkt beim Wettringer Viehmarkt war die Lesung von Mundartgedichten der Wettringerin Inge Hahn aus ihrem Gedichtband „Laafe lasse“. Darin begibt sie sich auf Spurensuche in der Region. Sie erzählt von alten Traditionen, vom Leben auf dem Land und von der Rolle der Frau im Dorf – alles im klangvollen Hohenlohe-Fränkisch.
Zum Einstieg las Hahn ein von künstlicher Intelligenz erzeugtes Liebesgedicht vor, doch es klang eher hölzern, gefühlsarm, worthülsig. „KI kann viel“, sagte Hahn, „aber Dialekt und Gefühl kann sie nicht.“
Was etwa ist ein „Gnooschbeidl, fragt sie. Die Wettringer wussten das natürlich. Es ist der kleine Bub, der keinen Spinat mag, trotz wiederholter, liebevoller Essensaufforderung durch die Mama. Die Mutter ist hinterher grün im Gesicht – vom Spinat und vom Ärger, der Kleine quietscht vor Vergnügen ob des lustigen Spiels. Da sitzt der Opa, der in der Bihunsuppe verzweifelt nach dem Huhn sucht, um nach kurzem Probieren der neuen kulinarischen Kreation den Löffel weglegt. „Ja, einer, der nicht alles isst, das ist ein Gnooschbeidl, den gibt es seit ewigen Zeiten”, erklärte Hahn.
Den Wettringern ist die Tradition des „Ouklopfe Hämmerle“ bestens bekannt. Zunächst hatten die Kinder Runkelrüben ausgehöhlt und Kerzen hineingestellt. Dann liefen sie von Haus zu Haus, klopften an, sagten ein Gedicht auf und baten um Brot, Äpfel, Birnen. Hahn hat zu den überlieferten Worten ein Parallelgedicht geschrieben. Im Mittelpunkt: Halloween – ein herber Kontrast zur alten Tradition, nicht nur wegen des Kürbisses statt der Rübe.
So mancher Städter, so manche Städterin tut sich schwer mit dem Leben auf dem Land, so Inge Hahn. Das Getratsche gemäß dem Motto „Haschd scho gherd?“ sei nicht immer schön, doch wo sonst halten die Menschen so zusammen? Wo wird man mit Namen angesprochen und freundlich gegrüßt, in ein angenehmes Gespräch verwickelt? Auf dem Land, und das sei eine immer wieder schöne Erfahrung. In der Stadt sei der Mensch anonym.
Inge Hahn erzählte auch von sich: Sie wurde 1959 in Reichenbach bei Wettringen geboren. Auf die Oberschule wollten ihre Eltern sie nicht schicken, meinte sie lachend. Ihrem Volksschullehrer – er war übrigens unter den Gästen – habe sie es zu verdanken, dass sie in Rothenburg das Gymnasium besuchen durfte. Er habe ihre Eltern angerufen und sie davon überzeugt. In den Ferien wurde auf dem heimischen Bauernhof gearbeitet. Später hat sie Grundschullehramt in Würzburg studiert und 40 Jahre lang unterrichtet.
Erst im Ruhestand hat sie Zeit gefunden, um ihre Gedichte und Geschichten in fränkischer Mundart aufzuschreiben. Und dann gab es noch einen Schwenk zu einem unserer größten deutschen Dichter. Ja, der Ur-Ur-Großvater von Johann Wolfgang von Goethe war ein Wettringer. Das ist in der Chronik des Ortes nachgewiesen und Inge Hahn folgte seinen Wurzeln ganz genau. Schließlich zitierte sie sein Gedicht „Gefunden“ mit dem Anfangsvers „Ich ging im Walde so für mich hin“ und brachte anschließend ihre fränkisch-hohenlohische Dialektvariante, warmherzig und heimatverbunden.