Früher waren die Waaghäuschen fester Bestandteil der Landwirtschaft und wurden regelmäßig zum Wiegen der Rinder und Schweine genutzt. Doch die Fleischerzeugung ist moderner geworden. Heute werden die Tiere nach der Schlachtung am Haken gewogen. Die Häuschen wurden mehr und mehr überflüssig.
In Fröschendorf, einem Ortsteil von Trautskirchen, ist das nicht so. Seit rund anderthalb Jahren erfüllt das bestehende Häuschen sogar zwei Funktionen. Zum einen wiegen die Wagyu-Rinderzüchter Elke und Michael Sieber dort zweimal jährlich ihre Tiere, zum anderen wurde die Hütte im Sommer 2022 mit einem Vordach versehen und dient seitdem auch als Buswartehäuschen.
Eigentümer ist die Gemeinde, die das Gebäude mit Hilfe des Regionalbudgets auf- und umrüstete. „Die Ortsgemeinschaft hatte sich damals an uns gewandt, weil das alte Buswartehäuschen stark sanierungsbedürftig war“, erinnert sich Bürgermeister Werner Wirth. Einfach erneuern wollte die Gemeinde es jedoch nicht, denn mit dem früheren Standort war niemand so recht zufrieden.
Unter der Linde an der Straße war es den Anliegern bei der Ein- und Ausfahrt auf ihre Höfe tagtäglich im Weg. Bei einem Ortstermin entstand die Idee, das ein paar Meter von der Straße entfernt stehende Waaghäuschen umzubauen. „Die Siebers haben uns damals darauf aufmerksam gemacht, dass sie die Anlage durchaus noch benutzen und benötigen. Deswegen haben wir nach einem Weg gesucht, beide Funktionen unter einen Hut zu bringen“. Schließlich wurde der Plan gefasst, einfach ein Vordach anzubringen. Ein lokaler Zimmermann erstellte einen Plan und setzte das Vorhaben um. Seitdem wartet dort morgens die Dorfjugend auf den Schulbus.
Zweimal im Jahr, zum Weideauf- und Abtrieb, gehen hinter dem Buswartebereich die Türen des Waaghäuschens auf. Denn dann ist jeweils Wiegetag bei der Herde der Siebers. Dafür werden die Tiere in den Wiegekäfig geführt, wo auf einer altmodischen mechanischen Waage ihr Lebendgewicht festgestellt wird.
Bis alle vermessen sind, vergeht fast ein ganzer Arbeitstag, denn einige Rinder zeigen sich kooperativ, andere eher weniger. „Für die Bewertung der Zuchtqualität und die Eintragung ins Herdbuch des bayerischen Fleischrinderverbands müssen wir dokumentieren, wie viel die Tiere zunehmen, daher müssen wir sie regelmäßig wiegen“, erklärt Sieber. Dass das Waaghäuschen direkt an seinem Hof steht, findet er daher sehr praktisch.
Ohne die Traditionseinrichtung müsste er ein eigenes Gerät anschaffen oder leihen. Über moderne Ausstattung verfügt die Waage zwar nicht und liefert auch keine grammgenauen Ergebnisse. Das muss aber auch nicht sein. Stattdessen überzeugt sie mit Einfachheit. „Wir haben bei der Anlage so gut wie keinen Wartungsaufwand, und kaputtgehen kann eigentlich auch nichts“. Nur hin und wieder muss der Raum sauber gemacht werden.
Die Fröschendörfer Elke und Michael Sieber züchten seit rund sechs Jahren Vollblut-Wagyus und haben mittlerweile über 30 Tiere. Diese werden entweder zu Zuchtzwecken verkauft oder zur Fleischerzeugung geschlachtet und direkt an Privatleute und die Gastronomie veräußert.
Das Fleisch der edlen japanisch-stämmigen Tiere liegt im Trend. Durch den Fettanteil von rund 50 Prozent, der die Muskulatur in Form einer feinen Marmorierung durchzieht, erhält es seinen charakteristischen Geschmack. Es ist deutlich teurer als das des heimischen Fleckviehs, da es ungefähr drei- bis viermal so lange dauert, bis die Wagyus schlachtreif sind. Außerdem benötigen sie Weidehaltung mit viel frischem Gras.
Die Eltern von Elke Sieber – Christa und Wilfried Bierlein – betreiben auf dem Hof außerdem Milchwirtschaft und halten aktuell rund 70 Milchkühe. Die Wagyu-Haltung hat sich als weiteres Standbein des Familienunternehmens im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim etabliert. „Wir haben mittlerweile Kunden in Deutschland und im europäischen Ausland. Viele davon kaufen nicht nur einmal bei uns, sondern kommen gern wieder“, sagt Sieber.