Aus Feuchtwangen zu Erdbebenopfern: „Mit eigenen Augen sehen“ | FLZ.de

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Veröffentlicht am 27.02.2023 13:39

Aus Feuchtwangen zu Erdbebenopfern: „Mit eigenen Augen sehen“

Sibel Hürriyetoglu will bald wieder in die Türkei reisen. (Foto: Jasmin Kiendl)
Sibel Hürriyetoglu will bald wieder in die Türkei reisen. (Foto: Jasmin Kiendl)
Sibel Hürriyetoglu will bald wieder in die Türkei reisen. (Foto: Jasmin Kiendl)

„Antakya, wie wir es kennen und auch lieben, gibt es einfach nicht mehr“, sagt Sibel Hürriyetoglu. Diese „tolle und sehenswerte Stadt, in der Menschen unterschiedlicher Religionen friedlich miteinander leben und sich respektieren“, ist am schwersten von den Erdbeben in der Türkei getroffen.

Die Familie von Sibel Hürriyetoglu stammt aus der Provinz Hatay im Südosten der Türkei, Antakya ist deren Hauptstadt. Die meisten der Verwandten der 35-Jährigen leben in der Region nahe der Grenze zur Syrien. Ihr Großvater väterlicherseits kam Ende der 1960er Jahre als Gastarbeiter nach Feuchtwangen, wo Sibel Hürriyetoglu geboren wurde.

Zwei Stunden Warten bis zum ersten Kontakt

Den 6. Februar 2023 wird die zweifache Mutter wohl nie vergessen: Kurz nachdem um 4.17 Uhr Ortszeit in der Türkei und Syrien die Erde gebebt hatte, erfuhr sie in den Nachrichten davon. „Ich habe gleich versucht, meine Verwandten zu erreichen“, erzählt Sibel Hürriyetoglu. Doch sie kam nicht durch. Rund zwei Stunden hat es gedauert, bis der erste Kontakt zustande kam. Diese Zeit der Ungewissheit sei am schlimmsten gewesen.

Ihre Familie hat Todesopfer zu beklagen. Sie hat „viele Cousinen und Cousins in ihrem Alter mit Kindern verloren“, so die 35-Jährige. Einige seien erst nach zehn, elf Tagen aus den Trümmern geborgen worden. Bis dahin hatte man noch Hoffnung, dass sie vielleicht bereits gerettet und in ein Krankenhaus gebracht worden sind. Doch es sind nicht nur Familiengehörige von Sibel Hürriyetoglu gestorben, sondern auch Freunde, Bekannte und Nachbarn, die sie seit Jahren kannte. Von Kindesbeinen an verbrachte sie jeden Sommer vier bis fünf Wochen in Hatay.

Spenden gesammelt und an die richtigen Stellen gebracht

Anfangs „war ich nur am Weinen“, sagt die 35-Jährige. „Aber dann muss man versuchen, sich irgendwie zu fassen, wieder hochzukommen.“ Denn sie wollte helfen, zeitnah in die Türkei reisen. Und das tat sie. Sie sammelte privat Spenden und sorgte vor Ort dafür, dass das Geld auch dort ankam, wo es gebraucht wird. Vertrauen in die türkische Regierung hat sie diesbezüglich keines.

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Die 35-Jährige flog nach Antalya und kämpfte sich mühsam nach Hatay durch. Lang bleiben in der Region konnte sie aufgrund der immer noch starken Nachbeben nicht. Sibel Hürriyetoglu war es wichtig, ihre Verwandten, die überlebt haben, aber auch die Zerstörung mit eigenen Augen zu sehen. Letzteres „war schlimm“. Auch das Haus ihrer Großeltern in einem Vorort, 25 Kilometer von Antakya entfernt, ist betroffen. Seit sie Rentner sind, haben ihre Großeltern dort stets die Hälfte des Jahres verbracht.

„Die Menschen wurden ihrem Schicksal überlassen“

Nach einem Erdbeben zählten die ersten Stunden, um verschüttete Menschen retten zu können, betont Sibel Hürriyetoglu. Doch in der Türkei sei die offizielle Hilfe erst spät und teilweise noch gar nicht angekommen. „Die Menschen wurden ihrem Schicksal überlassen.“ Sie berichtet von katastrophalen hygienischen Zuständen vor Ort. Tote liegen in Decken eingepackt auf der Straße. Viele konnten aufgrund ihrer Verletzungen nur noch anhand ihrer Fingerabdrücke identifiziert werden.

Die, die können, sind inzwischen raus aus Hatay, erzählt die 35-Jährige. In Antalya unterhält die türkische Katastrophenschutzbehörde Afad ein Auffangzentrum, wo es Essen, Trinken, Kleidung und auch psychologische Hilfe gibt. „Das ist sehr gut organisiert.“

Wer sich dort meldet, wird auf Unterkünfte verteilt. In denen wohnen normalerweise die Angestellten der Hotels. Derzeit stehen sie noch leer. Doch ab April beginnt die Tourismussaison.

Antalya ist laut Sibel Hürriyetoglu inzwischen überfüllt, bezahlbare Wohnungen sind nicht mehr zu bekommen. Überwältigt war die 35-Jährige während ihres Aufenthalts in der Türkei jedoch von der enormen Hilfsbereitschaft der Menschen vor Ort für die Erdbebenopfer.

Existenzen zerstört: „Sie müssen bei Null anfangen”

Ihre Verwandten haben – wie so viele andere – „gar nichts mehr“. Über Jahre hart erarbeitete Existenzen sind zerstört. „Sie müssen bei Null anfangen“, so Sibel Hürriyetoglu. Doch die wenigsten hätten finanzielle Rücklagen oder seien versichert.

Die Menschen stünden dermaßen unter Schock, seien teilweise so verstört, dass sie gar nicht sprechen könnten. „Du redest mit denen und merkst, die sind einfach ganz woanders“, schildert die 35-Jährige ihre Eindrücke.

Viele konnten überhaupt nichts mitnehmen. Sie haben ihr Zuhause, Erinnerungsstücke verloren. Und sie fühlen sich nicht sicher, ihnen fehlt Vertrauen. Was, wenn sie mit Sack und Pack in ihre Städte und Dörfer zurückkehren und wieder ein so schweres Erdbeben kommt.

Auf dem Rückflug nach Deutschland sei sie voller Emotionen gewesen, erzählt die 35-Jährige. Aber froh, dass sie vor Ort war. Sie will bald wieder hin.

Am 24. März plant die städtische Musikschule, an der Sibel Hürriyetoglus Tochter Klavierunterricht nimmt, ein Benefizkonzert. Die Spenden, die dabei zusammenkommen, will die Feuchtwangerin selbst in die Türkei bringen.

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