Erst ignoriert, jetzt Naturjuwel: Warum die Espe im Kreis NEA Forscher verzückt | FLZ.de

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Veröffentlicht am 03.06.2026 14:00

Erst ignoriert, jetzt Naturjuwel: Warum die Espe im Kreis NEA Forscher verzückt

Während das „Zittern wie Espenlaub” mit negativen Gefühlen wie Angst oder Frieren verbunden ist, geht einem beim Anblick der Herbstfärbung das Herz auf.  (Foto: Sven Finnberg)
Während das „Zittern wie Espenlaub” mit negativen Gefühlen wie Angst oder Frieren verbunden ist, geht einem beim Anblick der Herbstfärbung das Herz auf. (Foto: Sven Finnberg)
Während das „Zittern wie Espenlaub” mit negativen Gefühlen wie Angst oder Frieren verbunden ist, geht einem beim Anblick der Herbstfärbung das Herz auf. (Foto: Sven Finnberg)

Dr. Heinz Bußler aus Feuchtwangen grantelt am Telefon erst einmal ein wenig. Er hat vor fünf Jahren den Großen Pappel-Prachtkäfer Pecilonota variolosa im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim wiederentdeckt. Nur eins – und nicht das auffälligste – Insekt, das auf den diesjährigen Baum des Jahres, die Zitterpappel, angewiesen ist.

„Ich hasse es, wenn von sensationellen Funden gesprochen wird”, liefert der Insektenkundler die Erklärung für seine abwehrende Haltung. „Wenn Sie den Käfer in Ihrem Haus finden, zertreten Sie ihn.” Also gut, keine Sensation. Aber sehr plötzlich wandelt sich die Stimmung des Angerufenen. Darauf angesprochen, warum er häufig im Landkreis NEA unterwegs ist, gerät er ins Schwärmen.

Baumzusammensetzungen wie nach der Eiszeit

„Ich fahr' ins Paradies”, sagt er. Damit meint er die historische Mittel- und Niederwaldbewirtschaftung, die dort noch erhalten ist. „Da gibt's noch Baumzusammensetzungen, wie sie sich nach der letzten Eiszeit herausgebildet haben.” 21 Baumarten könnten in einem Mittelwald wachsen. „Die Staatsforsten rühmen sich schon, wenn sie in einem Waldstück drei haben.”

Die Zitterpappel, auch als Espe oder Aspe bekannt, sei eine Pionierbaumart. Im Mittelwald wird abschnittsweise, meist alle 30 Jahre, eine Fläche auf Stock gesetzt, nur ein paar alte Bäume bleiben stehen. Bis zum nächsten Hieb verändert sich der Standort von einem sehr lichten zu einem immer enger bewachseneren: Besondere Standortbedingungen ermöglichen die Ansiedlung besonderer Pflanzen und Tiere.

Die Zitterpappel war lange nicht besonders interessant

Wirtschaftlich war die Zitterpappel nicht sehr interessant und wurde früher oft entnommen. Olaf Schmidt, der vonseiten der Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft über den Baum des Jahres informiert, beschreibt den Bedeutungswandel der Baumart vom Forstunkraut zur Zukunftsbaumart. Bei der Naturverjüngung, als Lebensraum für viele Insekten und als Biotopbäume spiele die anspruchslose Art eine große Rolle.

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Die Espe ist also einer der Bäume, die auf den Flächen des Nieder- und Mittelwalds nach dem Stockhieb als erstes wiederkommen, ohne dass man sie extra anpflanzen müsste. „Man nennt das Wurzelbrut”, erläutert Dr. Bußler. Das heißt, im Umkreis von 25 Metern um einen (früheren) Baum sprießen Pflanzentriebe aus den oberflächlich wachsenden Wurzeln.

Unter ihrem Schirm wachsen Buchen und Fichten heran

Zusammen mit anderen Pionierarten – auch in den letzten Jahren machten sie den Baum des Jahres unter sich aus – bietet sie einen lichten Schirm, unter dem dann Buche, Fichte oder Tanne gut wachsen können, schreibt Olaf Schmidt über die Espe. Sven Finnberg, der Stadtförster von Bad Windsheim, in dessen Wäldern die alte Bewirtschaftungsform noch zu finden ist, ergänzt: Die Espe wachse auch auf anderen Kahlflächen, zum Beispiel nach einem Borkenkäferbefall oder Stürmen. Allerdings fehle dann die „Habitattradition”. Das heißt: Wo bisher nur Fichten wuchsen, dauert es geraume Zeit, bis sich mit den Zitterpappeln auch die zugehörigen Käfer oder Schmetterlinge ansiedeln – anders als im Mittel- oder Niederwald mit seiner ungebrochenen Habitattradition.

Finnberg beschreibt, dass viele der Insekten, die auf der Zitterpappel zu finden sind, früher die Schwarz- und Silberpappeln besiedelten. „Die standen früher überall entlang der Aisch. Inzwischen werden sie vom Wasserwirtschaftsamt wieder angesiedelt.”

Reich gedeckter Tisch für Vögel

Mit den Insekten bietet der Baum auch einen reich gedeckten Tisch für Vögel und stellt mit seinem weichen Holz außerdem in verhältnismäßig kurzer Zeit den Raum für Spechthöhlen oder Fledermaus-Behausungen bereit. „Kurze Zeit” ist dabei relativ: 60 Jahre muss eine Espe alt sein, um sich für den Höhlenbau zu eignen. Gegenüber einer Buche mit 120 Jahren und einer Eiche mit 150 Jahren ist sie damit ein Jungspund.

Dr. Bußler hat recht: Für Begeisterung bei Nicht-Fachleuten im Umfeld der Espe wird wohl nicht vorrangig der von ihm und Simon Thorn in Lenkersheim für Nordbayern wiederentdeckte Große Pappel-Prachtkäfer sorgen. Eher schon einige der prächtigsten einheimischen Tagfalter, der Große Eisvogel und der Kleine Schillerfalter, die auf die Baumart angewiesen sind, weil die Raupen deren Blätter fressen. Der Große Eisvogel allerdings, muss Finnberg enttäuschen, ist in der Gegend kaum noch zu finden: Er kommt mit dem Klimawandel schlecht zurecht und hat sich in die Rhön und das Fichtelgebirge zurückgezogen. Anders der Kleine Schillerfalter: „Da merkt man deutlich, wenn Espen in der Nähe sind.”


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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