„Der große Gatsby“ endet im Feuchtwanger Kreuzgang anders als gedruckt. Johannes Kaetzler mag das fatalistische Ende des Romans nicht einfach so stehen lassen. Er schenkt in seiner Bearbeitung zwei Figuren eine neue Chance. Wobei. Das könnte eine Illusion fürs Kitschgemüt sein, die kaum über die Morgendämmerung hinaus Bestand hat.
Nach Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ in der vergangenen Saison der Kreuzgangspiele nimmt sich der „Große Gatsby“ wie eine Fortsetzung aus. Anderes Jahrhundert, anderes Land. Andere Staatsform. Dieselben Triebkräfte. F. Scott Fitzgerald entwirft, wie Austen, das Panorama einer Klassengesellschaft.
Der Kern ist eine Romanze in den „Roaring Twentys“. Jay Gatsby setzt alles daran, Daisy, seine Jugendliebe, zurückzuerobern. Die stammt aus reichem Haus. Er nicht. Den Aufstieg in die Millionärsklasse ergaunert er sich. Seine rauschenden Partys sind legendär.
Johannes Kaetzler, ein Souverän der Romanadaption, hantiert frei mit dem Stoff. Er modelt ihn zu einem effektiven Freilichtstück für ein siebzehnköpfiges Ensemble um. Das sieht aus wie ein Prequel zu „Cabaret“, wartet mit Songs voller Retrocharme auf und mischt Komödienwitz mit Kammerspielpsychologie.
Zum knalligen Einstieg schwenkt Kaetzler kurz in den Ersten Weltkrieg zurück. Aus der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts lässt er in Werner Brenners hinterleuchtbarer Bühnen-Verbretterung das Jahrzehnt danach entstehen. Kaetzler zoomt geschmeidig zwischen der gesellschaftlichen Totalen und privaten Krisen, zwischen glitzernden Partys und überschminkter Tristesse hin und her. Ein Art-Déco-Portal wechselt dazu apart die Farben.
Die poetischen Qualitäten von Fitzgeralds Prosa bleiben bei einer Adaption, die nicht als Erzähltheater angelegt ist, notgedrungen auf der Strecke. Michael Reffi schafft mit seiner Musik aber einen Ausgleich. Seine Songs, wenn auch oft schief intoniert, sind der große Atmosphärenzauberer. Am besten singt Kirsten Schneider. Bei Marié Detlefsen sind Songs auch gut aufgehoben.
Der andere Gute-Laune-Macher sind die hinreißenden Stil-Kostüme von Bernhard Westermann. Geblümter und glitzernder Chic. Pailletten und Straußenfedern ohne Zahl. Ein Fest der Schneiderkunst.
Gut getimt leistet Kaetzlers Inszenierung, was der Roman auch tut. Sie räumt den „Amerikanischen Traum“ elegant ab, wird zunehmend finsterer. Nach rund eindreiviertel Stunden sind die Illusionen wieder einmal zerplatzt. Die Welt der Schönen und Reichen, die hier einen Stich ins Operettenhafte hat, ist wieder einmal in ihrer egozentrischen Hohlheit entlarvt. Bewährte Übung.
Die Überraschungen stecken in vielen winzigen Details und der Besetzung, mit der Kaetzler bei zentralen Figuren Erwartungen unterläuft.
Nick Carraway, im Roman der Erzähler, ist ausnahmsweise kein glattrasiertes Fitzgerald-Alter-Ego. Joseph Reichelt leiht Nick seinen mächtigen Bart, sodass er wie ein wurzeliger Prophet aus all dem Luxus und den Moden heraussticht. Das ist eigenwillig interessant. Kirsten Schneider setzt Jordan Baker als eine lässige An-der-Tür-Lehnerin dagegen, die gern ins Unendliche schaut.
Lennart Matthiesen befreit den Gatsby von dessen Glamourboy-Image. Ein gesetzter Herr im Prince-of-Wales-Karo mit Schnauzer und Embonpoint, umflort von leiser Melancholie und unstillbarer Sehnsucht – Matthiesen spielt das fein aus.
Meike Pintaske macht bei ihrer Daisy die Brüchigkeit der mondänen Fassade sichtbar. Man sieht und hört ihr die Demütigungen durch ihren Ehemann an (öliger Großsprecher: Mario Schnitzler). Jaes Gärtner als Myrtle Wilson und Niklas Kappler als ihr vierschrötig puritanischer Gatte reizen die Tragik der Beziehung aus. Ulrich Westermann erscheint zwischendrin wie ein surrealer Zeremonienmeister.
Die größte Überraschung bahnt sich am Schluss an. Nick Carraway und Jordan Baker telefonieren, eine halbe Bühnenbreite getrennt, miteinander. Währenddessen geht sie, den Wählscheiben-Apparat in der Hand, langsam zu ihm. Beide legen auf, den Hörer jeweils auf die Gabel des anderen. Ob sich die Kabel zum Herzchen schlingen? Jedenfalls finden sich zwei, die sich im Buch verfehlen, und singen vom „shiny new life”.
Weil die Arbeiten von Johannes Kaetzler in den letzten Jahren immer deutlicher einen Zug zum Versöhnlichen haben, zum Aufmunternden, Hoffnungsvollen, mag das finale Duett ein Happy End sein. Wenn auch keines für die Ewigkeit.