Wie nähert man sich einem Mann, der mit seinem filigranen Schnitzerhandwerk vor über 500 Jahren dafür sorgte, dass Kirchen mit Werken von ihm heute ziemlich berühmt sind? Nun, Schauspieler Markus Grimm ließ Tilman Riemenschneider einfach selber erzählen. Verbrieft ist keiner der Sätze. Aber vieles klang ziemlich plausibel.
Für Grimms Monolog in der Westempore von St. Jakob, dem Standort des von Riemenschneider zwischen 1500 und 1505 geschaffenen großartigen Heilig-Blut-Altars, gab es gleich zwei Anlässe. Zum einen hatten alle Gemeinden, in denen Gotteshäuser mit Riemenscheider-Werken stehen, am Samstag wieder Aktionen und Führungen organisiert. Zum anderen war da das Thema Bauernkrieg. Die Aufstände jähren sich heuer zum 500. Mal.
Tilman Riemenschneider war 1525 zu einem Verlierer dieser von der Obrigkeit niedergeschlagenen Revolte geworden, denn als Mitglied des Ratskollegiums in Würzburg hatte er seinerzeit mit den Bauern sympathisiert, was ihm Kerkerhaft und peinliche Befragungen, wohl auch unter Folter, einbrachte. Danach blieben Aufträge aus. Seine wirtschaftliche Existenz war ruiniert. 1531 starb er im Alter von 70 Jahren.
Anfang des 16. Jahrhunderts hingegen, als er für St. Jakob tätig gewesen war, hatte er zu den gefragtesten Vertretern seines Faches weit und breit gehört und konnte für seine Arbeit hohe Einkünfte erzielen.
Der Würzburger Schauspieler und Autor Markus Grimm, der schon mehrmals mit der Aufarbeitung und Präsentation historischer Stoffe in Rothenburg in Erscheinung getreten ist, entwickelte aus der wechselvollen Biografie Riemenschneiders sowie aus kunsthistorischen Erkenntnissen und Theorien zu seinem Werk eine reizvolle Performance, die die knapp 50 Zuhörerinnen und Zuhörer – viel mehr Stühle passen nicht in die Empore – am Samstag faszinierte.
Seinen Riemenschneider, der am Ende des Lebens steht und zurückblickt, stellte Grimm als Mann dar, der trotz des abrupten Endes der Karriere aus politischen Gründen nicht verbittert wirkt, sondern irgendwie mit sich im Reinen. „Gut im Geschäft“ sei er gewesen, berichtet der Bildschnitzer, der sich selber gar nicht als Künstler, sondern vor allem als Handwerker sieht. Eine Werkstatt mit bis zu 15 Beschäftigten habe er betrieben, was es ihm ermöglichte, sich selber beim Schnitzen auf die Gesichter der Figuren zu konzentrieren, während den Rest seine Gesellen und Lehrknaben erledigten.
Zentraler Teil der Performance ist die Interpretation eines Dialogs Riemenschneiders mit seinem Mitarbeiter Wilhelm, der kritisch anmerkt, dass die Figuren des Meisters ein bisschen zu altmodisch, weil zu wenig menschlich wirkten.
Riemenschneider verteidigt seine Linie, indem er betont, dass seine Figuren eben „in Gott ruhen“. Für Kunst, die den Menschen verherrliche, sei er nicht zu haben, lässt Grimm seine Figur argumentieren. Es folgen einige Gedanken zum Material. Hölzernes Bildwerk habe eigene Regeln. Wer das Holz lange genug betrachte und fühle, dem komme es beim Bearbeiten entgegen und trage die Stimmung des gesamten Werks.
Die großartige Arbeit Riemenschneiders stand am Abend auch noch bei mehreren Führungen mit Pfarrer Dr. Oliver Gußmann im Mittelpunkt. Kantorin Jasmin Neubauer spielte Orgelmusik. Zugänglich war überdies die Franziskanerkirche mit ihrem kleinen Altar, der ein Frühwerk Riemenschneiders ist. Oswin Voit und Ruth Baum musizierten mit Gitarre und Flöte.