Rund um Uffenheim: Mit der Drohne gegen den Mäh-Tod | FLZ.de

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Veröffentlicht am 16.05.2025 20:00, aktualisiert am 17.05.2025 17:11

Rund um Uffenheim: Mit der Drohne gegen den Mäh-Tod

Die Drohne hat sich für den Jägerverein Uffenheim und Umgebung jetzt schon gelohnt: Auch dieses Kitz konnte mit dem technischen Helfer gefunden werden. Vor dieser Technologie war die Suche nach dem Rehnachwuchs deutlich aufwendiger und längst nicht so erfolgreich. (Foto: Johannes Zimmermann)
Die Drohne hat sich für den Jägerverein Uffenheim und Umgebung jetzt schon gelohnt: Auch dieses Kitz konnte mit dem technischen Helfer gefunden werden. Vor dieser Technologie war die Suche nach dem Rehnachwuchs deutlich aufwendiger und längst nicht so erfolgreich. (Foto: Johannes Zimmermann)
Die Drohne hat sich für den Jägerverein Uffenheim und Umgebung jetzt schon gelohnt: Auch dieses Kitz konnte mit dem technischen Helfer gefunden werden. Vor dieser Technologie war die Suche nach dem Rehnachwuchs deutlich aufwendiger und längst nicht so erfolgreich. (Foto: Johannes Zimmermann)

Wenn die Wolken in der Morgendämmerung lila werden, ist die Zeit für die Rehkitz-Retter vom Uffenheimer Jägerverein gekommen. Denn die Mahd-Saison ist wieder angebrochen, gleichzeitig setzen die Reh-Geiße ihre Jungen in die Wiesen. Eine schlechte Kombination. Um die Bambis vor dem Mäh-Tod zu bewahren, lässt ein Piloten-Quartett nun die Drohnen steigen.

Donnerstag, 7 Uhr: Die Augen sind klein, alle sind ein wenig müde. Die Wecker haben an diesem Tag schon sehr, sehr früh geklingelt. Denn die Uffenheimer Jäger sind wieder auf Rettungsmission unterwegs. Es ist der zwölfte Einsatz in diesem Premierenjahr – die Drohne hat sich der Verein erst im vergangenen Jahr gegönnt, nach einer großen Spendenaktion. 6000 Euro kostet so ein Exemplar, der Staat fördert, aber trotzdem bleibt ein gewisser Eigenanteil – und für den haben die Jäger gesammelt. Anfang Mai feierten die Uffenheimer ihre erste Rettungsaktion. Bislang läuft alles gut, sagen sie.

„Wir schießen nicht den ganzen Tag“

Treffpunkt am Pfahlenheimer Ortsschild: Herbert Korn gönnt seinen beiden Jagdhunden noch eine kurze Auslauf-Runde. Seit zwei Stunden ist der Drohnenpilot schon auf den Beinen. Mehrere Landwirte haben sich gemeldet und wollen mit der ersten Mahd frisches Futter für ihr Vieh einholen – sicher und ohne blutrünstige Zwischenfälle. Denn wenn die Klingen so ein Jungtier treffen, wird es unschön. „Der Tierschutz steht bei uns an oberster Stelle, niemand will ein Lebewesen verletzen“, sagt Gerhard Keller auch im Namen der Landwirte. Er koordiniert die Anfragen der Bauern.

Die Rehkitz-Rettung zeigt für ihn auch eines deutlich, was er schon seit langem versucht, in der öffentlichen Wahrnehmung klarzustellen: „Die Jäger schießen nicht den ganzen Tag – zum Glück.“ Die Aufgabenvielfalt ist bunt. Jagd ist gelebter Naturschutz, betont Keller, die Rehpopulation muss eingedämmt, Abschusszahlen müssen erfüllt werden. „Aber das ist nicht wie beim Metzger.“ Jagd bedeutet vor allem Geduld, Durchhaltevermögen und viel, viel Fachwissen. Das Jäger-Dasein im Mai steht derweil unter einem ganz besonderen Motto – im Zeichen der Rehkitz-Rettung.

Ein ehrenamtliches Piloten-Quartett

Vier Drohnen-Piloten hat der Jägerverein Uffenheim und Umgebung auf seiner Liste stehen. „Wir fliegen abwechselnd seit dem 1. Mai“, sagt Korn, bevor er die Drohne startet. Dü, dü, dü: Die Akkus blinken grün, der Bildschirm in seiner Hand leuchtet. Aber heute will die Drohne nicht gleich. „Das ist der Vorführeffekt“, sagt Revierpächter Hannes Steidl. Ein paar Knopfdrücke später surrt das Fluggerät. Korn weiß eben, was er da tut. Mit einem leisen „Srrrr“ schießt sie in die Höhe und bleibt bei hundert Höhenmetern stehen.

Unten am technischen Helferlein hängt eine Kamera mit zwei Betriebsarten: Wärmebild und Zoom. Herbert Korn braucht zum Start das Wärmebild. Denn genau das ist der Clou: Die Rehkitze werden in der noch kühlen Landschaft als rote Punkte angezeigt. Das ist auch der Grund, weshalb an diesem Morgen alle so früh aufstehen mussten.

Ab 9 Uhr wird die Umgebung zu warm

„Es wird von Montag bis Sonntag bei Tagesanbruch ab 5 Uhr oder je nach Größe der Grünfläche später geflogen“, erklärt der Pilot. „Sobald sich der Boden erwärmt, bei höheren Temperaturen, ist Schluss, spätestens um 9 Uhr“, sagt Korn und fokussiert seinen Blick wieder auf das Display. Später zu starten, ergänzt Gerhard Keller, wäre schwierig: „Sobald die Sonne zu hoch steht, erwärmen sich beispielsweise auch größere Erdhaufen auf den Feldern. Dann hätten wir zu viele Störtreffer.“ Doch im Morgengrauen ist eigentlich jeder rote Punkt auch ein Lebewesen. Über der ersten Wiese sieht Korn aber keine Auffälligkeiten.

Alle steigen in die Autos, fahren weiter zum nächsten Einsatzort, ein bisschen weiter weg vom Hemmersheimer Ortsteil Pfahlenheim. Die Wiese liegt ein ganzes Stück näher am Waldrand. Nachdem bei der Erstbegutachtung schon eine Reh-Geiß in hohen Hopsern am Bach stolziert, haben die Jäger so einen Verdacht. Herbert Korn legt Fußmatten auf den Grasweg. Die Drohne braucht möglichst einen festen Untergrund für den Blitzstart. Srrrr.

Keine zwei Minuten steuert der Pilot am Joystick. Dann taucht er auf, der rote Punkt. Ein Hase? Ein Fuchs? Ein Rehkitz? Um genau das festzustellen, nutzt Korn den Kamera-Zoom. Näher und näher kommt die Wiese auf seinem Bildschirm. Saftig grün. „Ja, wir haben eines.“ Auch wenn die Laien noch nicht so recht sehen, was er meint. „Da sind die weißen Punkte.“ Tatsächlich. Es braucht eine Prise Fantasie – und einiges an Erfahrung.

Viel Gras und ein vorbereiteter Karton

Die sammelt der Rentner gerade mit jedem Flug. Auch für ihn war das anfangs Neuland. Mittlerweile hat er aber super in seine Rolle reingefunden – und die gefällt ihm. Herbert Korn ist an der Steuerung in seinem Element. Krr, krr: Ein zweiter Jägerkollege rupft derweil Gras und legt es in den vorbereiteten Umzugskarton. Handschuhe werden übergestülpt.

Schritt für Schritt geht es näher Richtung Drohne. Am Standort angekommen, lotst Korn die Helfer, die er dann wiederum als rote Punkte auf seinem Display sieht. „Ein bisschen weiter links, noch fünf Meter, noch drei Meter, direkt vor dir“, ruft Korn. Hier soll etwas sein? Der Zweitjäger hat es schon entdeckt. Zusammengekauert liegt es da am Boden. Völlig hilflos. Es kann noch nicht stehen, geschweige denn fliehen. Zwei Wochen ist es höchstens alt. Ein Landwirt hat auf dem Traktor mit zwölf bis 15 Stundenkilometern beim Mähen nicht den Hauch einer Chance, das Kitz rechtzeitig zu sehen.

Die Geiß bleibt in Sichtweite

Die Helfer umlegen es mit viel Gras und heben es sachte an. Ab in den Karton. „Hach, ist das süß“, sagen Sabine Guntz und ihre Mutter am Feldrand. Ihrer Familie gehört die Wiese. Sie rufen zu Hause an und bitten den Mann, möglichst zügig mit dem Gespann anzurücken, damit das Kitz nicht zu lange ausharren muss. Die Geiß bleibt in Sichtweite, beobachtet ganz genau, was die Menschen da treiben. Durch das Fiepen des Nachwuchses werden Mutter und Kind bald wieder zusammenfinden.

Ohne den Uffenheimer Jägerverein hätte dieser Donnerstagmorgen blutig starten können. Wieder ein Tier vor großem Leid bewahrt. Nichts Neues: Auch früher hatten die Landwirte dieses Problem durchaus auf dem Schirm. „Für uns war es selbstverständlich, darüber zu reden“, betont Sabine Guntz. Aber die Vergrämung war aufwendig und unzuverlässig.

Gelbe Blinklichter und Parfüm-Zeitung

Gelbe Blinklichter wurden auf die Wiese gestellt, Menschen streiften über das Areal. Aber dabei kann es leicht passieren, dass ein Jungtier übersehen wird. „Am wirksamsten waren parfümierte Zeitungsschnipsel“, erinnert sich die Landwirtin. Diese Zeiten vermisst sie aber nicht: „Die Drohne ist schon was Schönes.“ Zusätzlich haben die modernen Mähwerke Piepser, so merken die Tiere, dass auf dem Feld eine Aktion läuft. Für den Landwirt ist das aber schrill, betont die Gruppe. Wer das länger hören muss, wird irgendwann verrückt, findet Keller.

„Zur Kitzrettung gehören natürlich nicht nur wir, die ehrenamtlich für den Jägerverein unterwegs sind“, sagt Herbert Korn, „sondern auch die Pflicht der Hundebesitzer, ihre Hunde an der Leine zu lassen. Freilaufende Hunde und Katzen gefährden die Kitze, junge Hasen und Wiesenbrüter genauso wie ein Landwirt mit seinem Traktor mit überbreitem Mähwerk.“ Entsprechend ist es auch für Gerhard Keller selbstverständlich, dass Jäger und Landwirte Hand in Hand arbeiten – fürs gleiche Ziel: fürs Tierwohl.

Vom ersten Fund am 7. Mai

Am Anfang hat es ein, zwei Flüge gebraucht, bis die Uffenheimer Teams eingespielt waren. Mittlerweile flutscht das alles. Das erste Kitz wurde heuer am 7. Mai gefunden, seitdem gesellten sich noch einige weitere dazu. Für die Uffenheimer Jäger steht fest: Die Anschaffung der Spezialdrohne, sie hat sich so richtig gelohnt.

Das Flugobjekt ist derweil wieder sicher auf den Fußmatten gelandet. Routiniert packt Herbert Korn alles in den schwarzen Koffer, der zwar so aussieht, aber dennoch keine Bombe beinhaltet. Die Piloten arbeiten ehrenamtlich, auf Spendenbasis. Für ein ausführliches Interview hat Korn aber keine Zeit. 7.48 Uhr: Er muss weiter, eine Wiese bei Langensteinach abfliegen. Die Sonne erhebt sich schon über den Wald. Eile ist geboten, bevor es zu warm wird.

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