Einen ungewöhnlichen Ort für ihr Nest haben sich zwei Weißstörche in Bad Windsheim herausgesucht. Sie haben sich auf dem Rücken einer der beiden Adler-Skulpturen niedergelassen, die auf dem Rathaus zu Füßen der Justitia ausharren. Zwischen den Flügeln der Vögel bauen sie eifrig an einem Horst für den Nachwuchs.
Wer etwas über Störche wissen will, fragt Erwin Taube vom Landesbund für Vogelschutz (LBV). Er ist im Landkreis als Experte für diese Vogelart bekannt, beringt regelmäßig den Nachwuchs der Tiere und hat jüngst für Ipsheim an einer digitalen Storchenkarte mitgewirkt. Von dem Storch, der seit Kurzem auf dem Bad Windsheimer Rathaus ein Nest baut, hatte Taube allerdings noch nichts gehört.
Doch er weiß, dass Störche sich nicht immer einen potenziellen Brutplatz aussuchen, der auch aus Sicht des Menschen ein guter ist. Dazu gehören beispielsweise Schlote, die noch beheizt werden. Sobald die Tiere brüten, dürfe man das Nest dort nicht mehr einfach herunterreißen. Außerdem bedeute ein entfernter Bauversuch nicht zwangsläufig, dass der Storch das Weite suche. „Diese Tiere können sehr hartnäckig sein. Es kommt vor, dass die einfach weiter bauen.”
Und sie seien schnell. Innerhalb von einer Woche könnten sie ihr Nest bauen und brüten. Hausbesitzer seien wenig begeistert von solchen Untermietern, so der Experte. Zwar würden die Dachziegel ein Storchennest durchaus gut aushalten und dadurch nicht kaputtgehen. Doch eine Verschmutzung der Dachrinnen sei meist nicht zu vermeiden.
Dass Störche sich für ihr Nest scheinbar ungewöhnliche Plätze aussuchen, sei derzeit gar nicht so ungewöhnlich, erklärt Taube. Als Grund dafür nennt er die mittlerweile große Anzahl der Tiere. Während es im Jahr 1985 im Landkreis gerade mal ein einziges Paar gab, sind es nun allein in Ipsheim mehr als 30 Paare.
Auf dem Kirchendach in Ipsheim habe sich beispielsweise an jeder Ecke ein Storch heimisch eingerichtet. Diese unmittelbare Nähe zueinander werde eigentlich vermieden, so Taube. Doch geeignete Plätze gebe es nun mal nur in beschränkter Anzahl, sodass die Tiere sich mittlerweile gegenseitig dulden würden. „Auch, wenn es unüblich ist.”
Grundsätzlich würden sich Störche als Plätze für den Nestbau „dominante und hohe Gebäude” aussuchen. „Von denen sie weit hinaus in die Landschaft schauen können.” Bäume werden selten und nur im Notfall genutzt. Sie seien Taube zufolge schlichtweg zu niedrig.
Es könne zudem beobachtet werden, dass in Bereichen, in denen sich bereits einige Tiere niedergelassen hätten, andere folgen würden. „Menschlich gedacht, könnte man vielleicht sagen, dass es sich aus Sicht der Tiere dort, wo schon andere sind, scheinbar gut leben lässt.” Dass zum Beispiel das Nahrungsangebot gut sei.
So befindet sich auch der Storch auf dem Bad Windsheimer Rathausdach in guter Gesellschaft. Auf dem Steinhaus am Marktplatz hat ebenfalls ein Paar gebaut, genauso wie auf dem Pfarrhaus neben der Stadtkirche St. Kilian. Und eine Kamera auf dem Turm der Spitalkirche zeigt auch dort ein bezogenes Nest.
Im vergangenen Jahr hatten zehn Paare in Bad Windsheim gebrütet. Auf der großen bayerischen Weißstorchkarte des LBV sind sie aufgelistet. Neben den genauen Koordinaten des Horst-Standortes, gibt es zusätzlich Angaben zur Anzahl des Nachwuchses, der dort jeweils aufgezogen worden ist. Informationen zum Brutverlauf sind ebenfalls abrufbar.
So sind beispielsweise zwischen 2021 und 2025 insgesamt 14 Jungvögel aus dem Horst ausgeflogen, der auf dem Schlot eines Gebäudes an der Kegetstraße zu finden ist. Insgesamt 48 Jungvögel sind hingegen in den Jahren von 2007 bis 2025 auf dem Dach des Ochsenhofes aufgewachsen. Und auf dem Dach der Spitalkirche wurden zwischen 2009 und 2025 insgesamt 44 gezählt.
Erwin Taube plant, Jungstörche im Mai wieder zu beringen. Das dient der Wissenschaft. Denn durch die Ringablesung lassen sich Zugrouten, Überwinterungsgebiete, Brutplätze und Populationsbewegungen erfassen. Erst in dieser Woche hat er von einem toten Storch erfahren, den er 2022 im Nest auf dem Ochsenhof beringt hatte. Da er unter einem Stromleitungsmasten gefunden worden war, liegt die Vermutung nahe, dass er dagegen geflogen und so zu Tode gekommen ist.
Diesem Storch hatte sich zudem eine Schnur um das Bein gewickelt und es eingeschnürt. Taube mutmaßt, dass er sich bei einem Besuch auf einer Mülldeponie darin verfangen hatte. Dass die Tiere immer wieder auf Deponien etwas zu fressen suchen, birgt viele Gefahren. Denn sobald sie etwas fressen, was sie nicht verdauen können, sei das mitunter lebensbedrohlich. Taube weiß von einem Fall, bei dem in den Mägen von zwei Störchen solche Gummibänder gefunden wurden, wie man sie um Gemüse herumwickelt. Die Tiere waren verendet. Einer lag tot im Nest, der andere darunter.
Im Falle des Storches, der sich den Adler-Rücken auf dem Bad Windsheimer Rathausdach für sein Nest ausgesucht hat, soll sich am Montag entscheiden, ob es dort verbleibt. Dann nämlich ist die Freiwillige Feuerwehr wieder vor Ort, um mithilfe der Drehleiter noch einmal wegen der Rathausuhr nach dem Rechten zu schauen, deren Zeiger sich verhakt hatten. Im Zuge der Aktion soll geschaut werden, ob bereits ein Ei im Nest liegt, erklärte Thomas Schuh vom Bauamt auf Nachfrage unserer Redaktion. Sollte das der Fall sein, werde man den Storch in Ruhe brüten lassen und das Nest erst im Herbst entfernen. Ohne ein Ei hingegen werde man den Bau bereits jetzt beseitigen.