Seit Ende April 2024 ist Manuel Gerich Stadtbrandinspektor. Der 44-Jährige hat das Amt von Jürgen Holstein übernommen. Was sind für ihn die wesentlichsten Veränderungen in den vergangenen 19 Monaten gewesen?
Er nennt zuerst die gesamtpolitische Sicherheitslage. Für jede größere Veranstaltung muss ein Sicherheitskonzept erarbeitet werden. Dieses müsse regelmäßig angepasst und verändert werden. „Da ist die Freiwillige Feuerwehr selbstverständlich bei vielen Besprechungen schon im Vorfeld gefordert.“ Als Beispiele nennt Gerich die Stadtmosphäre, die Pfingstfeiertage, das Taubertal-Open-Air, das Weindorf, die Reichsstadttage und den Reiterlesmarkt.
Im Notfall müssten die Rettungskräfte mit ihren Fahrzeugen auch in die gesamte Altstadt einfahren können – trotz Pollern oder Terrorabwehrsperren. Dazu müssten die Sicherheitssperren von ihnen zunächst deaktiviert und anschließend wieder aktiviert werden. „Für alles, was beweglich ist, haben wir Schlüssel oder Sicherheitscodes“, so Manuel Gerich. Und: „Mit jedem Vorfall, der irgendwo in unserem Land passiert, müssen eventuell auch bei uns die Sicherheitskonzepte angepasst werden.“
Er sagt: „Als Stadtbrandinspektor muss ich die letzte Entscheidung treffen und verantworten.“ Dabei käme ihm die bereits vorher praktizierte gute Zusammenarbeit mit seinem Vorgänger Jürgen Holstein zugute.
Das Mediensystem und die sozialen Netzwerke seien für sein Handeln oft hinderlich. „Es entstehen Bilder und Nachrichten, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können.“ In seiner Führungsposition stehe er eigentlich ständig unter Beobachtung. „Es ist schade, wenn im Internet sofort Nachrichten verbreitet werden, ohne dass man vorher mit uns gesprochen hat.“ Oft müssten Entscheidungen binnen weniger Sekunden getroffen werden. Dass eigentlich unbeteiligte Menschen bei Einsätzen sofort zum Smartphone greifen, um das Geschehen zu filmen, sei bis jetzt aber nur in Einzelfällen geschehen. Manche würden mit Unverständnis und Kritik reagieren, „aber das hält sich bei uns Gott sei Dank noch in Grenzen.“
Schriftverkehr, Bürokratie, Organisation, Dokumentationspflicht und administrative Tätigkeiten nehmen kontinuierlich zu. Gerichs Vorgänger Jürgen Holstein, der weiterhin zu den Aktiven gehört, halte sich extrem zurück. „Da gibt es überhaupt kein Problem. Wir haben ein gutes Miteinander auf Augenhöhe und das klappt alles sehr gut.“
Als Stadtbrandinspektor nimmt Gerich auch einen Spagat zwischen seinen früheren und seinen jetzigen Aufgaben wahr. Im Notfall würde nun sein Wort gelten und er müsse meistens sehr schnell und sehr deutlich anordnen, wer für welche Tätigkeiten in Frage kommt.
Sukzessive möchte Gerich verschiedene Arbeitsbereiche auf mehrere Schultern übertragen. „Oft sind das Aufgaben, die keiner sieht.“ Da gehe es zum Beispiel um die Verwaltung der Einsatzkleidung, um die Beschaffung von Ersatzkleidung oder die Reinigung der Kleidung nach dem Einsatz. Weitere Bereiche seien der Atemschutz und die Schlauchtechnik. Der aktuelle Zustand des Materials müsse konsequent überprüft werden. Die Verantwortlichen sorgen dafür, dass die Gruppe nach dem Einsatz schnell wieder einsatzfähig ist. Sein Vorgänger habe mit dieser Strategie bereits begonnen und Gerich setzt diese nun konsequent fort.
Pro Jahr rückt die Rothenburger Wehr zu 180 bis 200 Einsätzen aus. Beim Großteil seien Menschen nicht unmittelbar gefährdet. Dennoch müsse man menschliches Leid zum Beispiel bei Verkehrsunfällen oder Reanimationen verkraften. Doch auch solche Erfahrungen würden sich dank der „hervorragenden Arbeit” der Rettungsstationen des BRK in Grenzen halten.
Etwa ein Drittel aller Tätigkeiten würden mit der Alarmierung von Brandmeldeanlagen zusammenhängen. Zunehmend würde die Feuerwehr auch zu Türöffnungen gerufen. Das hänge oft auch damit zusammen, dass Menschen alleinstehend sind und vereinsamen.
Wie verarbeitet der Stadtbrandinspektor intensive psychische Belastungen bei schwierigen Einsätzen? „Besonders belastend sind Einsätze mit Kindern oder Personen aus dem eigenen sozialen Umfeld.“ Jede Situation habe ihre eigene Dynamik. In der Einsatzhektik spüre man oft noch nicht, wie sehr einem dieser Notfall zu Herzen geht. „Oft tauchen die schrecklichen Bilder und die traurigen Gedanken erst auf, wenn man wieder zur Ruhe kommt. Bei Verkehrsunfällen schaue ich immer zuerst auf die Kennzeichen, denn ich muss überlegen, wen ich da ranlassen kann, und wie ich meine Mannschaft einteile. Wem kann ich was zumuten? Dann werden diejenigen, die Erfahrungen mit belastenden Situationen haben, vorgelassen. Ich als Einsatzleiter muss das immer im Blick haben.“
Zum Thema Krankenhaus meint der Stadtbrandinspektor, dass die Feuerwehr jetzt schon teilweise gefordert sei, wenn die Kapazitäten des Rettungsdienstes an ihre Grenzen kommen. Sollten Notärzte und Rettungsfahrzeuge aufgrund von längeren Transportzeiten vor Ort nicht zur Verfügung stehen, müsse die Feuerwehr eventuelle Ausfälle kompensieren. Längere Transportwege würden natürlich nicht nur für Probleme bei den gesetzlichen Rettungsfristen, sondern auch für mehr Alarmierungen der Feuerwehr sorgen. Deshalb müsse die Klinik in Rothenburg auf jeden Fall erhalten bleiben.
Gerich berichtet außerdem, dass es aktuell 77 Frauen und Männer in der Freiwilligen Feuerwehr sowie 15 Jugendliche bei der Jugendfeuerwehr gebe. „Mit insgesamt 14 Fahrzeugen sind wir gut ausgestattet”, sagt er außerdem. Er erklärt: Die Gefährdungspotenziale bestimmen die spezielle Ausrüstung der Wehr. Daher werde der Feuerwehrbedarfsplan ständig aktualisiert. Gerich: „Wir arbeiten kostenbewusst und transparent und sind für die Hilfe der Stadt Rothenburg sehr dankbar. Uns fehlt es an nichts.“
In die Zukunft blickend, äußert der Stadtbrandinspektor einen großen Wunsch: „Ich möchte die Wertschätzung des Feuerwehramtes fördern und die Bevölkerung um Verständnis für die eine oder andere menschliche Reaktion bitten. Wir sind einem erheblichen Stresslevel ausgesetzt und müssen manchmal innerhalb von Sekunden entscheiden. Das sollte in der Öffentlichkeit nicht überbewertet werden, denn im schlimmsten Fall geht es schließlich um Menschenleben.“