Rothenburg als Romanerzähler für das Jubiläumsjahr | FLZ.de

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Veröffentlicht am 26.11.2023 13:37

Rothenburg als Romanerzähler für das Jubiläumsjahr

Buchautor Markus Grimm (Mitte) lässt die Stadt in seinem neuen Roman selbst ihre Geschichte erzählen. Bei der Buchvorstellung im Städtischen Musiksaal waren auch Verleger Herbert Löw (links) und Tourismusdirektor Dr. Jörg Christöphler dabei. (Foto: Karl-Heinz Gisbertz)
Buchautor Markus Grimm (Mitte) lässt die Stadt in seinem neuen Roman selbst ihre Geschichte erzählen. Bei der Buchvorstellung im Städtischen Musiksaal waren auch Verleger Herbert Löw (links) und Tourismusdirektor Dr. Jörg Christöphler dabei. (Foto: Karl-Heinz Gisbertz)
Buchautor Markus Grimm (Mitte) lässt die Stadt in seinem neuen Roman selbst ihre Geschichte erzählen. Bei der Buchvorstellung im Städtischen Musiksaal waren auch Verleger Herbert Löw (links) und Tourismusdirektor Dr. Jörg Christöphler dabei. (Foto: Karl-Heinz Gisbertz)

Die Vorstellung des Romans von Markus Grimm „Rothenburg ob der Tauber – eine Stadt erzählt ihre Geschichte“ bezeichnete Tourismusdirektor Dr. Jörg Christöphler als „Weltpremiere“.

Im Blick auf das Jubiläumsjahr 2024 (50 Jahre Reichsstadt-Festtage und 750 Jahre Ernennung zur Reichsstadt) meinte Christöphler: „Wir verstehen uns als breit aufgestellt.“ Herbert Löw, Verleger aus Sommerhausen, wies darauf hin, dass er bereits seit 15 Jahren mit Grimm zusammenarbeite.

Das im Rahmen der „Rothenburger Diskurse“ vorgestellte Buch sei ein „Produkt einer wunderbaren Arbeit der letzten Monate“. 2024 werde es ein Jubiläum mit atemberaubenden Highlights geben. „Ich freue mich jetzt schon auf die History-Events mit dem Spektakel im Kaisersaal und der Open-Air-Bühne auf dem Marktplatz.“

Spannende und amüsante Geschichten

Grimm – Autor, Schauspieler und promovierter Theologe ohne Konfession –, erzählte, dass es für ihn „ein Vergnügen“ gewesen sei, für das Jubiläumsjahr einen Roman zu schreiben. In seinem Buch kommt die Stadt selbst zu Wort und erzählt aus ihrem wechselvollen Leben. „Wie erlebt eine Stadt, was mit ihr durch die Jahrhunderte passiert ist?“ Grimm gelingt es, darauf mit spannenden und amüsanten Geschichten zu antworten. Einige Kostproben las er im Städtischen Musiksaal aus seinem neuesten Werk.

Auf der Bühne des Musiksaals standen drei Stühle in den Farben Gelb, Rot und Blau. Der Autor wanderte bei den Lesungen zwischen den Stühlen hin und her, und bei manchen Passagen las er auch stehend weiter. Mit insgesamt vier Beispielen entführte er das Publikum in die faszinierende Vergangenheit der alten Reichsstadt.

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Über ihre Entstehung lässt Grimm im ersten Kapitel seines Romans die Stadt in der Ich-Form berichten: „Meine Geburt“, heißt es da, „war sozusagen 1142, und mit 132 Jahren wurde ich am 15. Mai 1274 erwachsen. Der König hat an diesem Tag meine Stadt offiziell zur Reichsstadt erklärt. Ich weiß um die Schönheit, die viele Menschengenerationen durch ihrer Hände Arbeit geschaffen haben. Sie haben meine Stadt so unverwechselbar gemacht, wie sie heute ist. Dafür bin ich ihnen dankbar.“

In einem weiteren Kapitel berichtet die Stadt über ihren Bürgermeister Heinrich Toppler, dem völlig überraschend ein Prozess wegen Hochverrats drohte. Zu seiner Frau Margarethe sagte er damals: „Irgendwer lässt irgendwann meinen Kopf rollen.“ Anfang April 1408 warf man ihn in den Kerker unter dem Rathaus. Die Stadt erhob schwerwiegende Vorwürfe gegen ihn. Keiner konnte oder wollte sagen, warum Toppler zu Tode kam. „Ein Unglücksfall im Kerker? Verdeckte Hinrichtung? Wer konnte das schon wissen? Die Topplers verschwanden nach Nürnberg und wurden dort zu einem generationenlangen Patriziergeschlecht.“

Teuschlein predigte, „dass die Funken flogen”

Im Kapitel „Heiliges und anderes Blut“ geht es um die Rolle der Kirche im 16. Jahrhundert. „Früher hat die Kirche in alles eingegriffen, in jeden Winkel des Alltags. Die Kirche war so präsent wie das tägliche Brot.“ Am 15. April 1501 hat die Stadt mit dem Bildhauer Tilman Riemenschneider einen Vertrag über ein Altarbild in Holz für die Heilig-Blut-Kapelle geschlossen. Auch über den vom Rat der Stadt angestellten Prediger Johann Teuschlein wird berichtet: „Und predigen, das tat er, dass die Funken flogen. Oft nahm er die Juden aufs Korn. Er war es, der die Vertreibung der Juden erreichte. Am Fest Mariä Lichtmess 1520 verließen die letzten Juden die Stadt.“

Anfang Mai 1525 brach mit den aufständischen Bauern der gewaltsame Umbruch aus. Am 4. Juni 1525 wurden die Bauern vernichtend geschlagen. „Auf dem Marktplatz meiner Stadt rollten die Köpfe. Die Gottesdienste waren wieder katholisch. Die Reformation meiner Stadt war zerschlagen.“ Wenn die Stadt auf ihr Leben zurückblickt, darf natürlich ein Name nicht fehlen: Georg Nusch, geboren am 8. Januar 1588. Als der Dreißigjährige Krieg ausbrach, war er gerade selber 30.

Die Leerung des Pokals in einem Zug

Grimm lässt die Stadt die Geschichte von ihrer Rettung so erzählen, wie sie zweieinhalb Jahrhunderte später berühmt geworden ist. Der kaiserliche Heerführer Tilly stand 1631 schon seit zwei Tagen mit 60.000 Mann vor der Stadt, die protestantisch war. Tilly kämpfte für den katholischen Bund und bot überraschend eine Wette: „Du Kellermeister, füllst den Pokal von neuem, und sollte einer von den Herren es vermögen, ihn auf einen Zug zu leeren – nun, dann mag Gnade sein.“ Tilly soll gesagt haben: „Bei Gott, er trinkt ihn aus.“ Allgemeiner Jubel bricht aus. Das Publikum im Ratssaal bejubelt die Uraufführung des Volksschauspiels vom „Meistertrunk“, den Georg Nusch soeben vor aller Augen vollführt hat. Es ist der 5. Juni 1881.

Am Ende des Buches heißt es: „Ich bin in der Gegenwart angekommen. Heute schwärmen fremde Besucher aus der ganzen Welt herbei. Der Tourismus ist explodiert. Meine Stadt hat überlebt. Sie liegt mir am Herzen. Wir sind miteinander verbunden.“


Von Karl-Heinz Gisbertz
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