Freilandtheater müssen mit großen Unsicherheiten leben. Im neuen Sommerstück des Freilandtheaters ist der Verlust von Sicherheiten sogar das zentrale Thema. Es ist so umfassend und radikal wie selten eine Produktion. Und es geht beileibe nicht um das Wetter.
Das war nur kurz ein Thema, weil es die Generalprobe zunichte gemacht hat und die erste Aufführung am Donnerstag Generalprobe und Premiere zugleich sein musste.
„Der Sommergast“ spielt in einem fränkischen Dorf im Sommer des Jahres 1965, und das ist schon alles, was man mit Sicherheit darüber sagen kann. Denn Autor und Regisseur Christian Laubert entzieht nach und nach alle vermeintlichen Sicherheiten – sowohl den Figuren als auch dem Zuschauer. Das ist wagemutig, weil es einerseits in der Handlung zu erheblichen Verwirrungen kommt, aber auch weil verschiedene Bedeutungsebenen verschränkt werden, was einer Entwirrung bedarf. Hier ein Versuch.
Wäre das Stück ein Schiff, wäre auf dem Deck, dem Ort, der für alle einsehbar ist, der Feriengast Emil Quandt zu sehen, der sich vorgeblich für Naturbeobachtungen in dem Dorf einquartiert. Dessen Bewohner reagieren mit Misstrauen und Spekulationen. Durch den Tod des alten Bürgermeisters gehen sie der „Bürgermeister-Schokolade“ verlustig und mit ihr der darin enthaltenen Droge, die sie 20 Jahre lang in emotionaler Ausgeglichenheit gehalten hat. Im Entzug kommen kollektive psychotische Schübe über die Menschen.
Unter Deck und damit nur angedeutet ist die deutsche Geschichte am Wirken. Die Schuld, die man während des Nationalsozialismus auf sich geladen hat, die folgende Zeit des Totschweigens, das Wirtschaftswunder, das Verweigern von Verantwortung. Aber die Zeiten änderten sich auch damals. Im Jahr 1965 endeten die ersten Auschwitz-Prozesse gegen frühere SS-Leute. Doch der große Umbruch, die sichtbare Revolte des Jahres 1968, ist noch Zukunft. Schwebezeit.
Laubert verlangt einiges von seinen Darstellern, größtenteils Laien, die sich zunehmend in diesen Wahn spielen müssen. Er verlangt noch mehr vom Zuschauer, der, will er mehr als Tollheiten an einem Sommerabend sehen, noch weiter hinabsteigen soll – in den Maschinenraum. Dorthin, wo die Technik eines Mysterienspiels am Werkeln ist.
Das Jedermann-Motiv und seine Allegorien samt der sieben Todsünden, die auch noch Platz gefunden haben, sind nur mit Mühe zu fassen, selbst wenn man darum weiß.
Für den Autor mag es hilfreich gewesen sein, diese Mechanik unter das Werk zu legen, denn es weist den Figuren bestimmte Zwecke zu. Für den Zuschauer, der all die Verklausulierungen mitdenken muss, ist es mühsam, weil es einen Dauer-Deutungszustand verlangt. Leichter tut man sich, wenn man auf die Brücke hinaufsteigt und von dort einen Ausblick in das Jetzt macht. Es weht ein klarer Wind, und die Sicht auf die gegenwärtigen Themen ist gut. Sicherheiten gehen verloren: Welche Nachricht ist wahr, wer sitzt einer Verschwörungstheorie auf, wem folgt die Masse und wie soll das alles nur weitergehen mit Kriegen und dem Klima?
Die Schokolade hat das Format eines Smartphones, aber es verzehrt sich nicht und die Droge ist grenzenlos verfügbar. Hier ist Lauberts gedanklicher Überbau gut sichtbar, der Blick weitet sich und das Übernimm-Verantwortung-Thema greift.
Ohne einen Sonderapplaus kommen sie nicht von der Bühne: Das Jugendensemble, weil es frei und unverstellt agiert und nicht nur eine Beinote ist. Die Feuerwehrkapelle, weil sie das Dazwischen-Gefühl in Klang gießt mit Latin- und Rock-Anklängen. Silas Hutzler, weil er trotz seiner Jugend die wichtige Rolle des Gemeindedieners und Verschwörungsphantasten vollblütig ausfüllt. Und Horst Faigle und Christian Laubert, weil in ihren Liedern das klar zur Sprache kommt, was das Textbuch nur murmelt.
Auch die Gattung „Komödie“ ist unsicher, weil sich tragische und komische Elemente abwechseln und vor allem weil der Ausgang offen bleibt. Es bleibt die Sache der Lebenden, die gegenwärtige Schwebezeit zum Guten zu wenden.