„Man fühlt sich wie ein Alien – nicht auf dem richtigen Planeten.“ So beschreibt Melanie S. ihren Autismus. Weil es sicher vielen anderen genauso geht, hat sie gemeinsam mit der Kontakt- und Informationsstelle Selbsthilfegruppen (KISS) Ansbach eine neue Gruppe für Autisten auf die Beine gestellt. Am Samstag war das erste Treffen.
Melanie S. heißt eigentlich anders, aber will ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Sie ist 33 Jahre alt und wohnt im Landkreis Ansbach. Schon mit neun Jahren hat sie gemerkt, dass sie anders ist. In ihrer Ausbildung zur Heilerziehungspflegerin hat sie dann für einen anderen Menschen einen Autismus-Test gemacht und dabei gemerkt, dass ihr einige Punkte selbst bekannt vorkommen.
Da war sie 19. Ein paar Tests später (alle waren positiv) war sie dann überzeugt, dass sie Autistin ist. Das war eigentlich ein gutes Gefühl, sagt sie. Aber auch ein beängstigendes, denn „man kann nichts daran ändern“. Eine offizielle Diagnose gab es aber nie. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“
So geht es vielen. Daher gibt es nun Raum für Austausch, Probleme und Anstöße unter Autistinnen und Autisten in Ansbach. „Ich habe Probleme im Alltag und wollte andere treffen, die dasselbe haben“, erklärt Melanie S., wie es dazu kam.
Ihr Freund hat dann eine Selbsthilfegruppe vorgeschlagen. Aber weil die Gruppen in Erlangen und Nürnberg schon voll waren, hat Melanie S. bei Kiss in Ansbach angerufen und ihr wurde vorgeschlagen, eine eigene zu gründen. Das Ganze ging ziemlich schnell, erst im Januar hat sie angefragt, zwei Termine und einen Flyer später hat es dann geklappt.
Die Treffen finden seit vergangenem Samstag zweimal im Monat statt, immer am ersten und dritten Samstag. Wer kommen mag, muss sich nicht vorher anmelden. „Ich wollte es so unkompliziert wie möglich machen, weil wir Autisten nicht gern telefonieren“, so S. Außerdem kennt sie die Bedenken der Betroffenen. Sich anzumelden und dann aber das Gefühl zu haben, nicht willkommen zu sein und gehen zu wollen.
Nicht nur Betroffene, auch Angehörige können kommen, zum Beispiel von Kindern, denn die Teilnahme ist ab 18 Jahren möglich. Mit der Gruppe will die 33-Jährige Gleichgesinnten helfen, aber auch sich selbst. „Ich will mich mit anderen austauschen, die sich so fühlen wie ich.“
Das erste Treffen am Samstag war gut. „Es war eine schöne Atmosphäre“, berichtete Melanie S. im Nachgang. Insgesamt waren vier Personen da, die Gruppe kann also noch etwas anwachsen, auf etwa zehn bis zwölf Personen.
Vor allem Alltagsprobleme werden vor Ort besprochen. So gibt es für S. beispielsweise oft soziale Situationen, in denen sie merkt, sie „gehört nicht dazu“. Zum Beispiel werde ihr oft gesagt: „Da hast du vergessen, Danke oder Bitte zu sagen“ oder „schau nicht so grimmig“. Sie findet, Autistinnen verhielten sich oft „so menschlich wie möglich, damit keiner merkt, dass man falsch ist“.
Neben den sozialen Komponenten ist auch ihr Kälte-, Hitze- und Schmerzempfinden kaputt, sagt sie. S. verbrennt sich beispielsweise oft, „weil ich nicht weiß, wenn es heiß ist“; beim Zahnarzt braucht sie nie eine Narkose. Licht ist ihr oft zu grell, Geräusche sind zu laut. Beim Einkaufen geht sie lieber nur in kleine Läden und ganz früh am Morgen. Zu viele Reize, die überfordern könnten.
Melanie S. kann dem Autismus aber auch viel Positives abgewinnen. So fällt es ihr beispielsweise einfacher, an einer Sache dranzubleiben. „Egal wie schwierig, es muss jetzt fertig werden“, sonst droht sogar innerlicher, körperlicher Schmerz. Außerdem hat sie ein extrem gutes Gedächtnis und auch ihre Pünktlichkeit und Ordentlichkeit schätzt Melanie S. Aber: „Kennst du einen Autisten, kennst du nur einen“, sagt sie. Das Spektrum ist riesig.
Als Metapher für Autismus findet die 33-Jährige einen Schmetterling geeignet. „Wenn er zu ist, ist er nicht schön, aber wenn er seine Flügel öffnet, sieht man etwas, was man nicht erwartet hat.“
Von der Gesellschaft würde sie sich wünschen, dass sie nicht vorschnell urteilt. „Es würde schon helfen, wenn Leute mehr nachfragen und nicht immer direkt davon ausgehen, dass man die gleichen Dinge will, die sie wollen.“
Das nächste Treffen der neuen Selbsthilfegruppe für Autistinnen und Autisten findet am Samstag, 1. März, von 9 bis 10.30 Uhr bei Kiss Ansbach (Bahnhofsplatz 8) statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Die Treffen sind kostenlos, es kann auf freiwilliger Basis gespendet werden (eine Box steht bereit). Weitere Infos gibt es per Mail an ansbach@kiss-mfr.de