Helfer aus Neustadt erlebte Angst und Schrecken im Erbebengebiet | FLZ.de

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Veröffentlicht am 24.02.2023 12:55

Helfer aus Neustadt erlebte Angst und Schrecken im Erbebengebiet

Wie für die Menschen ist auch für die Tiere in Göksun eine Welt zusammengebrochen. Julia Taschner füttert die verängstigten Kreaturen. (Foto: Ibrahim Özdemir)
Wie für die Menschen ist auch für die Tiere in Göksun eine Welt zusammengebrochen. Julia Taschner füttert die verängstigten Kreaturen. (Foto: Ibrahim Özdemir)
Wie für die Menschen ist auch für die Tiere in Göksun eine Welt zusammengebrochen. Julia Taschner füttert die verängstigten Kreaturen. (Foto: Ibrahim Özdemir)

Erschüttert kehrt der Neustädter Ibrahim Özdemir aus dem Erdbebengebiet in der Türkei zurück – in mehrfacher Hinsicht. Er erfuhr schlimme Nachbeben am eigenen Leib. Und er erlebte Angst und Verzweiflung.

„Wir sollten alle mehrmals am Tag Gott danken, dass wir hier kein solches Unglück zu beklagen haben. Die Dinge, über die wir meckern, sind doch nur oberflächlich.“ Das sagt Ibrahim Özdemir mehrmals in dem Gespräch nach seiner Rückkehr aus der Provinz Kahramanmaras. Drei Tage lang hat er vor Ort erlebt, was das Erdbeben angerichtet hat. „Es ist schlimmer als alle Bilder, die hier zu sehen sind“, sagt er.

Nach dem Flug mit seinem Neffen Ömer Özdemir und dessen Freundin Julia Taschner besuchte er zuerst seinen Bruder in einem Dorf bei Göksun. Dessen Haus ist kaputt, aber er fand eine andere Bleibe. Von sonst etwa 2000 Einwohnern leben im Moment nur noch rund 30 Familien im Ort – diejenigen, die Tiere haben. Ibrahims Bruder besitzt Ziegen und Schafe, die er nicht im Stich lassen will, auch wenn seine Frau darauf drängt.

Ibrahim Özdemir wollte sich kurz frisch machen, als er das erste Nachbeben erlebte. Er versucht, Worte zu finden – für den Schrecken, den diese Naturgewalt auslöst: „Es ist unbeschreiblich. Als ob jemand von unten mit einem Maschinengewehr feuert. Oder als ob eine Atombombe unter dir gezündet wird und von der Seite lauter Panzerfäuste auf das Haus eindringen. Du weißt zuerst gar nicht, was du machen sollst.“ Die anderen Leute leider schon. Sie zählen auf drei. Wenn es dann nicht aufgehört hat, dann versuchen sie, ins Freie zu gelangen. „Viele sind von Balkonen gesprungen oder aus dem Fenster. Das Treppenhaus ist meist der gefährlichste Ort im Haus.“


Einer sagte, meine dreijährige Tochter ist immer noch unten.

Ibrahim Özdemir

Aus Özdemirs weiterer Verwandtschaft sind etwa zehn Menschen gestorben. Sein Neffe war als Soldat in der Region im Einsatz. „Ich wundere mich, dass er darüber noch reden kann. Er hat so viele Kinder aus den Trümmern gezogen, teils fehlten Gliedmaßen. So viele alte Menschen. Er hat so viele Leichen in Plastiksäcke verpacken müssen.“

Sehr viele aus Göksun – vor dem Beben eine Stadt mit 30.000 Einwohnern – sind inzwischen geflohen, in Richtung Kayseri oder weiter nach Ankara, oft zu Verwandten. Ibrahim Özdemir schätzt, dass nur noch zehn Prozent der Menschen da sind. Wenn die drei Helfer aus Deutschland bei Dunkelheit in die Städte und Dörfer gefahren sind, sahen sie kein einziges Licht mehr.

In ihre Häuser können die Betroffenen nicht zurück, weil alle gefährliche Risse haben. Doch die Grundbedürfnisse – Essen, Trinken und Wärme in Notzelten – seien gestillt. Die Katastrophenschutzbehörde „Afad“ macht nach Ibrahim Özdemirs Eindruck einen guten Job, wenn es auch ein bisschen länger gedauert habe, bis die Hilfe nach den Städten die Dörfer erreichte.

Die Özdemirs und Julia Taschner sind auch zum Helfen gekommen. Ibrahim Özdemir hat 10.000 Euro dabei. Es war die überwältigende Reaktion auf seine spontane Ankündigung, den gesamten Umsatz eines Tages in seinem Dönerlokal für das Erdbebengebiet zu spenden. „Die Leute haben mir den Laden leergeräumt“, ist er noch immer gerührt. Jeder Zweite oder Dritte, der ihm Geld gab, habe Tränen in den Augen gehabt. Auch danach hielt die Spendenbereitschaft an. Insgesamt kamen etwa 20.000 Euro zusammen. 10.000 Euro durfte der Neustädter aber nur auf einmal mit in die Türkei nehmen.

„Wir haben die Leute ganz vorsichtig angesprochen und gefragt, was sie brauchen. Ich hatte den Eindruck, dass viele noch gar nicht richtig realisiert haben, was passiert ist. Seit zwei Wochen leben sie in Angst.“ An diesem Punkt des Gesprächs wird Ibrahim Özdemir von Gefühlen übermannt. „Einer sagte: Meine dreijährige Tochter ist immer noch unten, unter den Trümmern. Das waren schlimme Momente: Wenn man den Schmerz in den Augen sieht...“

In diesen Augenblicken hat man das Gefühl, mit Geld wenig ausrichten zu können. Doch das wird sich ändern. „Diejenigen, die die Mittel haben, können woanders hingehen und dort neu anfangen. Aber die Armen können nicht gehen.“

Deshalb verteilt er das Geld an die Leute, bei denen er das Gefühl hat, dass sie es brauchen. Schließlich könnten sich die Nachbeben ein ganzes Jahr lang hinziehen, hat er gehört. Fast unvorstellbar, wie die Menschen das aushalten sollen. Schon die zwei Wochen, die sie durchgehend in Angst und Trauer leben, sind eine gefühlte Ewigkeit.


In spätestens zwei, drei Monaten werde ich wieder zurückkehren.

Ibrahim Özdemir

Selbst die Tiere seien total verängstigt. Das Trio aus Deutschland besorgte Futter. „In spätestens zwei, drei Monaten werde ich wieder ins Erdbebengebiet zurückkehren und den Rest der Spenden mitnehmen“, kündigt Ibrahim Özdemir an. Vielleicht können die Menschen, die gerade mit dem nackten Überleben beschäftigt sind, dann langsam beginnen, sich wieder etwas aufzubauen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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