Für Klaus Sommer bleibt der Starfighter sein Favorit | FLZ.de

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Veröffentlicht am 17.02.2024 09:00

Für Klaus Sommer bleibt der Starfighter sein Favorit

Klaus Sommer mit Erinnerungsstücken. (Foto: Nina Daebel)
Klaus Sommer mit Erinnerungsstücken. (Foto: Nina Daebel)
Klaus Sommer mit Erinnerungsstücken. (Foto: Nina Daebel)

Witwenmacher, fliegender Sarg. Klaus Sommer mag diese Namen nicht, mit denen der Starfighter, ein Kampfflugzeug aus der Zeit des Kalten Krieges, gerne medienwirksam betitelt wird. Dass viele seiner Kollegen damit verunglückt und gestorben sind, beschönigt er nicht. Auch er ist einmal damit abgestürzt. Doch für ihn bleibt der Starfighter sein Favorit.

Es gibt davon Schwarz-Weiß-Fotografieren, bei deren Anblick sich die Frage aufdrängt: Hat der Pilot das überlebt? „Ich bin raus aus dem Cockpit, bin vom Flugzeug weggelaufen und nach 20 Metern zusammengebrochen. Das war der Schock“, erinnert sich Klaus Sommer an den 2. November 1981.

Es war der Tag, an dem er mit dem Starfighter auf dem Militärflugplatz Decimomannu in Italien hatte notlanden müssen, nachdem es ein Problem mit einer offenen Schubdüse gegeben hatte. Doch die Seilfanganlage, mit der Flugzeuge bei der Landung auf kurzer Strecke abgebremst werden, funktionierte nicht. Das Kampfflugzeug schoss weiter und bohrte sich schließlich mit der Schnauze in einen Erdwall.

Einen Tag später schon wieder im Cockpit

Sommer ist schon einen Tag später wieder ins Cockpit gestiegen. Erst zusammen mit einem Kollegen, danach allein. „Hätte ich das nicht geschafft, wäre ich nie wieder geflogen“, sagt der 69-Jährige, der mehr als 3300 Flugstunden mit Kampfflugzeugen der Bundeswehr absolviert hat, davon 1357 Stunden auf dem Starfighter.

Acht Jahre lang war das Überschallflugzeug sein Arbeitsplatz. Stationiert war er damit in Memmingen. Den Standort hatte Sommer sich einst selbst aussuchen dürfen – weil er dazu bereit war, sich ins Starfighter-Cockpit zu setzen. Und das zu einem Zeitpunkt, als sich die Abstürze mit diesem Kampfflugzeug häuften und der Piloten-Nachwuchs deswegen plötzlich fehlte.

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Bei Abstürzen sind 916 Piloten gestorben

Die Bundeswehr verfügte damals über 916 Starfighter. Mit ihnen wurden mehr als 1,9 Millionen Flugstunden absolviert. Ein Drittel der Flugzeuge ging durch Unfälle verloren, 116 Piloten starben. „Das ist zugegebenermaßen eine sehr hohe Zahl. Allerdings relativiert sich das Verhältnis der Unfallträchtigkeit zu den geflogenen Stunden“, sagt Sommer.

Als Grund für den enormen „Blutzoll“ nennt er die komplexe Technik des Starfighters, die bei dieser zweiten Generation von Kampfflugzeugen nicht vollkommen ausgereift gewesen sei. Außerdem sei es als Flugzeug der Superlative und der Rekorde mit Höchstgeschwindigkeit, maximaler Steigrate und maximaler Flughöhe eine fliegerische Herausforderung gewesen. Der kleinste Fehler hätte fatale Folgen gehabt. „Bei der Geschwindigkeit kann ich keine Checklisten abarbeiten. Die Abläufe muss man sich drillmäßig antrainieren und im Ernstfall sekundenschnell reagieren.“

Die Maschine liebevoll „The Queen“ genannt

Trotz der Unfallserie schwärmt Sommer vom Starfighter und betont, dass alle Piloten die Maschine geliebt hätten. „Keiner von ihnen hätte je die Erlebniswelt dieser Art der Fliegerei missen wollen.“ So habe man die Maschine auch liebevoll „The Queen“ genannt oder „The Rocket with a man in it“.

Großen Respekt vor ihrer Bedienung habe man trotzdem gehabt. Die Abstürze und Verluste, so schmerzlich sie gewesen seien, hätten Sommer zufolge immer auch dazu beigetragen, das Flugzeug weiter zu entwickeln und zu optimieren. So sei jeder Unfall stets rekonstruiert und analysiert worden.

Ein Garant für den Frieden

Der Starfighter sei aber vor allem eine ideale Waffenplattform und militärisch das Beste gewesen, was es zu der Zeit gegeben habe. „Er lag in der Luft wie ein Brett.“ Und in Zeiten des Kalten Krieges sei er ein Garant für den Frieden gewesen.

Innerhalb von 15 Minuten hätte Sommer mit dem Starfighter in der Luft sein können. Mit einer Atombombe an Bord, die er hätte abwerfen müssen. Drei Mal in der Woche wurde alarmiert. Erst beim Erhalt des letzten Codes habe man gewusst, ob es sich um den Ernstfall handle, für den man auf Abruf bereit gestanden habe. „Es war immer spannend.“

Angst habe ihm die Arbeit nie gemacht, betont Sommer. Alle seien „hochmotiviert“ gewesen und hätten ihre Aufgabe als „Friedensdienst“ verstanden. Die Wahrscheinlichkeit, dass er die Atombombe tatsächlich hätte werfen müssen, sei gering gewesen, so der 69-Jährige. Denn die politische Lage sei damals als „relativ stabil“ eingeschätzt worden.

Die Motivation, von der Sommer sich stets hat leiten lassen, war der Wunsch, seinem Land dienen zu wollen. Er ist im Harz aufgewachsen und hat die deutsch-deutsche Grenze hautnah miterlebt: die Wachtürme, die Todesstreifen, die Abhöranlagen auf dem Brocken. „Das hat mich geprägt.“ Nach dem Abitur verpflichtete er sich für zwei Jahre bei der Bundeswehr. Er kam in die Flugsicherung, saß in Oldenburg im Tower und erledigte meist Zuarbeiten.

Der Vorgesetzte sah sein Talent

Bis sein Dienststellenleiter ihn dazu aufforderte, die Piloten-Laufbahn einzuschlagen. Er muss gesehen haben, was Sommer bislang verborgen geblieben war: Sein Talent fürs Fliegen. Und tatsächlich: Er hatte das berühmte „Gefühl im Hintern“, das fliegerische Gespür. Er bestand die Aufnahmeprüfungen, wurde zur Ausbildung nach Amerika geschickt. „Sozusagen vom Fußgänger zum Jetpiloten“, sagt Sommer, der insgesamt 23 Jahre lang in der Luftwaffe als Einsatzpilot tätig gewesen ist, neben dem Starfighter auch auf dem Panavia 200 Tornado und dem Jagdbomber Fiat G91.

Nachdem er im Alter von 41 Jahren fürs Überschallflugzeug zu alt geworden war, wurde er außer Dienst gestellt. Es folgten weitere 23 Jahre als Verkehrspilot und schließlich die Rente. Seither ist er in kein Cockpit mehr gestiegen. „Ich habe brenzlige Situationen erlebt und viel Glück gehabt“, sagt Sommer und betont, die Fliegerei nicht zu vermissen. Unter die Hobby-Piloten zu gehen und eine kleine Verkehrsmaschine zu steuern, wäre nichts für ihn. „Ich wollte immer richtige Flugzeuge und schnell fliegen.“ Deswegen bleibt er lieber ganz am Boden, spielt Tennis, geht schwimmen und fährt Motorrad.

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