Der Uehlfelder Norden wird mehr und mehr zum sozialen Zentrum des Ortes: Gegenüber vom Vitanas-Seniorencentrum will das Blaue Kreuz rund fünf Millionen Euro in ein Wohnheim für 28 ehemalige Alkohol-Suchtkranke investieren. Grund: Der bisherige Standort im Dachsbacher Ortsteil Rauschenberg ist in die Jahre gekommen und soll geschlossen werden.
Um die Anwohner transparent zu informieren, lud Bürgermeister Detlef Genz am Donnerstagabend zu einer Bürgerversammlung. Vertreter vom Blauen Kreuz und die Planer informierten umfassend über das Projekt, anschließend waren die Uehlfelderinnen und Uehlfelder an der Reihe und durften Fragen stellen.
Das Rauschenberger Wohnheim ist „auf Dauer nicht mehr zukunftsfähig“, erläuterte Blaues-Kreuz-Prokurist Alfons Montag, der eigens aus der Bundeszentrale in Wuppertal angereist war. „Aber wir möchten in der Region bleiben.“ Entsprechend habe man sich im Aischgrund umgeschaut, auch mit der Stadt Neustadt Gespräche geführt.
Letztlich kristallisierte sich das Areal gegenüber vom Vitanas-Seniorenheim Uehlfeld aber schnell als Favorit heraus. Dort will das Blaue Kreuz nun ein Wohnheim errichten, bei Bürgermeister Genz fand die Idee auch gleich Anklang.
Der Rauschenberger Einrichtungsleiter Joachim Lorenz betonte: „Wir haben viele Erfolge gehabt, viele ehemalige Suchtkranke in Arbeit gebracht und ganz normal integriert.“ Die Bewohner ziehen zumeist nach der Alkohol-Entgiftung vom Bezirkskrankenhaus zur weiteren Therapie ins Blaue-Kreuz-Wohnheim in Rauschenberg. Im Schnitt bleiben die Klienten ein bis zwei Jahre, „manche aber auch länger“, informierte Lorenz. Einer wohne schon seit 30 Jahre in Rauschenberg.
Derzeit seien im Dachsbacher Ortsteil 26 Klienten untergebracht, die von 24 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut werden – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. „Es ist immer jemand da“, betonte Lorenz. Das Blaue Kreuz sei für Suchtkranke auch durchaus Anlaufstelle, auch wenn man keine offizielle Beratungsstelle sei, zeige man Betroffenen bei Bedarf die nächsten sinnvollen Schritte auf.
Bastelangebote, Holzbrenn-Arbeiten, Glasmalerei oder Hausarbeiten: Sie werden beschäftigt und „sind komplett mit integriert“, erläuterte Lorenz. „Sie fallen im Dorf nicht auf.“ Wichtig für Suchtkranke sei eine feste Tagesstruktur und Beschäftigung. „Wir haben nur ganz wenige Rückfälle.“ Und: „Es ist noch nie jemand in Rauschenberg besoffen rumgekugelt“, Anwohner müssten sich also keinerlei Sorgen machen, die Patienten seien gut betreut.
Wer sich davon überzeugen will, ist zum Sommerfest der Einrichtung in Rauschenberg am 26. Juli von 13 bis 18 Uhr eingeladen, dann wird es auch Hausführungen geben. Montag: „So können Sie sich alles vielleicht ein bisschen besser vorstellen.“
Im geplanten Uehlfelder Wohnheim soll es Gemeinschaftsbereiche, Säle und Therapieräume geben, neben drei Wohngruppen, erläuterte Eva Sambale, Geschäftsführerin beim Neustädter Büro „Saco“. 28 ehemalige Alkohol-Kranke könnten so einen Platz finden, jeder habe sein eigenes Badezimmer. Vorne an der Kreisstraße soll das Gebäude dreigeschossig werden, nach hinten zur Siedlung dann nur noch zweistöckig. Für die Oberflächenentwässerung muss das Blaue Kreuz Zisternen bauen – verpflichtend.
Damit Klienten und Mitarbeiter immer einen Parkplatz finden, werden zudem vom Blauen Kreuz 16 Stellplätze errichtet – und es wird eine separate Einfahrt von der Kreisstraße geben, um die Siedlung am kleinen Zeckernberg verkehrstechnisch nicht stärker zu belasten. Das sei auch bereits mit dem Landratsamt abgeklärt, das für die Kreisstraße zuständig ist, erläuterte Architekt Frieder Müller-Maatsch.
Allerdings habe es hierfür gewisse Auflagen gegeben. Zum einen wird ein Stück weiter ortsauswärts eine Verkehrsinsel als Querungshilfe für die Gänsweiher-Bürger errichtet. Die Spur ortseinwärts werde ein wenig verschwenkt – in der Hoffnung, dass die Autofahrerinnen und Autofahrer dann abbremsen, so Müller-Maatsch.
Entsprechend soll auch die Ortstafel rund 200 Meter weiter ortsauswärts versetzt werden, was bei den Anwohnern gut ankam. Bislang durfte der Verkehr bis zum Altenheim noch mit 100 Stundenkilometern fahren, ganz legal. Das sei schon „fast fahrlässig“, befand Genz. Im Rahmen einer Verkehrsschau seien diese Schritte zugesagt worden, wenn das Wohnheim wie geplant gebaut wird.
Für dieses Blaues-Kreuz-Vorhaben muss der Bebauungsplan „Am kleinen Zeckernberg“ geändert werden, der Rat hat hierfür schon den Aufstellungsbeschluss gefasst. In diesem Zuge wird auch gleich eine Fläche definiert, auf der das Uehlfelder Seniorencentrum später erweitern könnte. Die Auslegung startet am 18. Juli.
Von den Bürgern wurde der Wunsch geäußert, die Spur an der Verkehrsinsel auch ortsauswärts zu verschwenken. Denn das größere Lärmproblem seien Auto- und Lasterfahrer, die schon recht früh im Ort wieder Gas geben. Das berichteten mehrere Anwohner. Einer schlug sogar vor, auf der Insel einen festen Blitzer zu installieren. „Wir haben an der Insel lange rumgebastelt“, erläuterte Müller-Maatsch. „Aber ich werde noch mal mit dem Landratsamt sprechen.“ Auch die Fußwegverbindung werde in diesem Zuge verbessert – von der Gänsweiher-Siedlung Richtung Altort. Hierfür stehen laut Müller-Maatsch wohl auch Mittel der Städtebauförderung zur Verfügung.
Eine Uehlfelderin erkundigte sich nach dem Zeitplan. Eva Sambale rechnete mit einem bis anderthalb Jahren Bauzeit. Wenn die Änderung des Bebauungsplans und die Finanzierung gut laufen, könnte im Sommer 2025 Baubeginn für das Wohnheim sein, erläuterte die Planerin.
Eingezäunt werden soll das Grundstück vorerst nicht, antwortete Blaues-Kreuz-Prokurist Montag auf eine Bürgerfrage. „Unsere Klienten sollen möglichst nah am normalen Leben sein. Das sind ganz normale Menschen wie Du und Ich, das Wohnheim soll kein Gefängnis werden“ – im Gegenteil: „Unsere Bewohner sollen sich darin wohlfühlen.“ Und Müller-Maatsch betonte die Vorteile für die Anwohner: bessere Fußwege, eine Versetzung des Ortsschildes und eine Querungshilfe über die viel befahrene Kreisstraße. Kritik gab es denn auch nicht mehr.