Bad Windsheimerin näht für Sternenkinder: Wenn die Welt zusammenbricht, ist sie da | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 12.09.2025 10:02

Bad Windsheimerin näht für Sternenkinder: Wenn die Welt zusammenbricht, ist sie da

Tanja Rechter ist stellvertretende Vorsitzende bei „Gemeinsam für Sternenkinder und Frühchen in Franken” und lagert die vom Verein genähten Klamotten auf ihrem Dachboden. (Foto: Anna Beigel)
Tanja Rechter ist stellvertretende Vorsitzende bei „Gemeinsam für Sternenkinder und Frühchen in Franken” und lagert die vom Verein genähten Klamotten auf ihrem Dachboden. (Foto: Anna Beigel)
Tanja Rechter ist stellvertretende Vorsitzende bei „Gemeinsam für Sternenkinder und Frühchen in Franken” und lagert die vom Verein genähten Klamotten auf ihrem Dachboden. (Foto: Anna Beigel)

Das Thema ist ein Tabu: Sternenkinder. Es sind die Kinder, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben. Aber trotzdem gibt es sie, auch in Westmittelfranken. Tanja Rechter aus Bad Windsheim ist es ein Anliegen, die Eltern solcher Kinder, aber auch die von Frühchen, zu unterstützen. Das macht sie mit ganz viel Herzblut.

Die 51-Jährige ist stellvertretende Vorsitzende im Verein „Gemeinsam für Sternenkinder und Frühchen in Franken”. Seit 2019 engagieren sich die aktuell sieben aktiven Mitglieder für betroffene Familien. Sie nähen Kleidung, basteln Erinnerungsstücke und versorgen damit Kliniken sowie Angehörige und Eltern. Frühchen erhalten vom Verein ein komplettes „Home-Coming-Set”: eine Wochenausstattung, damit sie die erste Zeit gut überstehen. Schließlich gibt es für diese kleinen Größen auf dem normalen Markt kaum passende Klamotten. Auch für Sternenkinder wird genäht – Klamotten für die Bestattung oder Erinnerungsstücke für die Familie. „Den Eltern hilft es, die Kinder anzuziehen”, sagt Rechter.

„Manchmal kommt dann danach eine Geldspende an”, sagt die 51-Jährige. Die Eltern sind dankbar. „Die haben in dem Moment nicht den Kopf dafür, weil da eine Welt zusammenbricht.” Das Stofflager des Vereins befindet sich in Bad Windsheim. Genau genommen auf dem Dachboden des Privathauses von Tanja Rechter. Vorsitzende ist Kerstin Strampfer-Ilkiz aus Erlangen. „Ich bin dazu gekommen, weil ich gern bastle”, sagt Rechter, „ich wusste nicht mehr, wohin mit meinem Zeug”. Rechters Steckenpferd sind die Lagerverwaltung und die Perlen-Engel. Letztere bastelt sie auch gern mal am Abend beim Fernsehen. „Das ist für mich Me-Time.”

Leute kommen mit Tränen in den Augen

Im Bekanntenkreis hatte Rechter schon von Sternenkindern mitbekommen. Jeder und jede kennt jemanden, es wird nur nicht darüber gesprochen. Das wollen Rechter und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter ändern und das Thema enttabuisieren. Deshalb ist die Bad Windsheimerin oft auf Veranstaltungen zu finden. Am Stand kommt sie ins Gespräch, klärt auf, hat ein offenes Ohr. „Wenn die Leute kommen, haben sie oft schon Tränen in den Augen.” Sie drückt ihnen dann ein genähtes Herz oder einen Perlen-Engel in die Hand. „Da braucht man gar nicht reden”, sagt sie. Die Geste allein spendet Trost.

Wie viele Bodies, Strampler, Mützen, Socken, Einschlagdecken und Co. sie aktuell gelagert hat, kann Rechter nicht sagen. Aber es sind viele. Kistenweise stapeln sich die von den Vereinsmitgliedern genähten Klamotten – alles nach Größen sortiert, alles kostenfrei für die Familien. Oft werden Stoffe gespendet, aber vieles muss auch gekauft werden. Hinzu kommen Knöpfe, Plastiktüten, Versandmaterial und so weiter. Der Verein kann all das nur mithilfe von Spenden stemmen.

Die Mitglieder sind weit über Westmittelfranken verteilt

Die meisten Sachen werden direkt über Kliniken, Hebammen, Bestattungsunternehmen und Co. vermittelt. So haben einige Krankenhäuser in der Region immer einen Vorrat da. Aber es gibt auch Fälle, in denen Eltern den Verein direkt kontaktieren. Manchmal haben sie auch besondere Wünsche: ein spezielles Muster oder ein personalisiertes Kleidungsstück als Erinnerung. Rechter und die anderen versuchen immer ihr Bestes. Die Mitglieder sind weit verteilt: Rothenburg, Neustadt, Bad Windsheim, Leutershausen, aber auch Erlangen oder Nürnberg. Meistens wird also allein daheim gebastelt und genäht.

Aktuell hat der Verein einen Spenden-Stopp verhängt. Zu viele Stoffe sind im Lager. Aber nicht alles ist verwendbar, erklärt Rechter. Geeignet sind Jersey und Baumwolle. Dunkle Farben oder gar Motive wie Totenköpfe sollen nicht geschickt werden. Auch Rot sei „auf keinen Fall” geeignet, da die Haut der toten Kinder dadurch anders aussehe. Klamottenspenden bringen dem Verein übrigens auch nichts – schon gar keine Brautkleider, betont Rechter. Was der Verein nicht verarbeiten kann, wird weiter gegeben oder vernäht und verkauft. Der Erlös geht wieder dem guten Zweck zu.

Krankenschwestern strahlen bei der Übergabe

Der Verein freut sich übrigens auch über Näherinnen und Näher. Wer damit etwas Gutes tun möchte, kann sich melden und zeigen, wie er oder sie arbeitet. Dann wird alles Weitere besprochen, denn ganz einfach ist es nicht. „Es sind halt sehr spezielle Sachen.” In extremen Fällen ist eine Einschlagdecke für ein Sternenkind zum Beispiel auch mal nur zehn Zentimeter groß.

Obwohl es immer wieder sehr traurige Momente gibt: Tanja Rechter gibt dieses Engagement auch sehr viel. So trifft sie ab und zu Eltern mit ihren Kindern, die vor vielen Jahren mal als Frühchen vom Verein versorgt wurden und jetzt groß sind. Oder „wenn ich Zeug im Krankenhaus abgebe, strahlen die Schwestern”. Schwierig sei jedoch oft die Kontaktaufnahme mit Institutionen. In einem Jahr habe der Verein 200 Briefe verschickt. Fast keine Antwort kam. „Die haben keine Zeit dafür.”

Wer für seine Einrichtung Interesse an den Produkten hat, selbst betroffen ist oder sich mit seinen Nähkünsten engagieren möchte, kann sich bei Tanja Rechter unter 0151/55575074 oder tanja.rechter@gmx.de melden.


Anna Beigel
Anna Beigel
Redakteurin für Westmittelfranken und Landkreis Ansbach
north