In der Woche ab Montag, 23. Juli 1923, beschäftigt sich der Ansbacher Stadtrat mit dem Sterben. Denn der Satz „umsonst ist nur der Tod, und der kostet das Leben“ stimmt angesichts der Hyperinflation schon lange nicht mehr. Wegen der galoppierenden Preise können sich viele Ansbacher die Beerdigungskosten nicht mehr leisten. Eine Kommission des Stadtrates will hier Abhilfe schaffen.
Bürgermeister Emil Pörschmann (SPD) trägt die Ergebnisse der Kommission im Rat vor. Demnach sollen schnellstmöglich 20 Särge zum Einzelpreis von 275.000 bis 290.000 Mark in Auftrag gegeben werden. Das ist deutlich günstiger, als auf dem freien Bestattungsmarkt verlangt wird: Dort kostet ein Sarg inzwischen eine halbe Million Mark. Auch mit einem Leihsarg will man es versuchen.
Um das zu finanzieren, beschließt der Stadtrat, einen Kredit über zwölf Millionen Mark aufzunehmen. Das Bauamt soll das nötige Holz an die Lieferanten ausgeben und die fertigen Särge aufbewahren und ausgeben. Als kurz vor der Sitzung noch ein Angebot einer Augsburger Firma über 175.000 Mark pro Sarg eintrudelt, beschließt der Rat kurzerhand, weitere fünf Millionen Mark lockerzumachen, um das Sonderangebot wahrnehmen zu können.
Bürgermeister Pörschmann hat noch einen weiteren Vorschlag, um die Bestattungskosten zu drücken: Es komme noch sehr häufig vor, „daß die Toten mit ganz guten Kleidern versehen werden“. Eine Verschwendung in den Augen des Sozialdemokraten. Man solle daher dazu übergehen, „Ersatzkleider aus Papier“ zu verwenden.
Auf seinen Antrag wird beschlossen, die Bevölkerung durch einen Artikel in der Tagespresse zu informieren, für drei Millionen Mark billige Sterbekleider zu beschaffen und diese zum Selbstkostenpreis an Angehörige Verstorbener abzugeben.
Die Stadträte erheben sich, um des nach „qualvollem Leiden“ verstorbenen Konditormeisters Daniel Hüttinger zu gedenken. Mit den Hinterbliebenen stehe auch der Stadtrat in tiefer Trauer an der Bahre eines ehrenwerten Bürgers, der der Stadt wertvolle und ersprießliche Dienste geleistet habe, so Oberbürgermeister Dr. Wilhelm Borkholder. Hüttinger war Leiter der Bezugsscheinstelle, Inhaber der Brotscheinabgabestelle des ersten Distrikts, Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr und Vorstand des Gewerbevereins.
Es gibt aber auch gute Nachrichten: Die seit Ende März geltende „Hundesperre“ ist aufgehoben. Wegen der grassierenden Tollwut waren Hundehalter verpflichtet, ihren Vierbeiner immer an der Leine zu führen und ausnahmslos einen Maulkorb zu verwenden. Frei umherlaufenden Hunden drohte gar der Tod.
Dennoch reißt der Ärger mit den Hundehaltern nicht ab. „Verschiedene Hundebesitzer haben ihre Hundesteuer noch nicht bezahlt“, heißt es im Stadtrat, „weil sie offenbar Valutaspekulanten sind und der Stadt erst das Geld gönnen wollen, wenn es keinen Wert mehr hat.“ Die Stadträte machen kurzen Prozess: Bei verspätet angemeldeten Hunden wird eine Gebühr von 100.000 Mark fällig.
Im städtischen Schwimmbad feiert der Schwimmverein Ansbach von 1920 sein alljährliches Schwimmfest. Bei herrlichem Wetter wird ein Vereinszweikampf gegen den 1. Erlanger Schwimmverein von 1910 ausgetragen. Die Ansbacher Schwimmerinnen und Schwimmer siegen mit 79 Punkten gegen die Erlanger Wassersportler mit 53 Punkten. Die Bevölkerung verfolgt die Wettkämpfe „mit großer Spannung“, wie die Lokalredaktion der Fränkischen Zeitung berichtet.
Der Gebirgstrachten-Verein Almenrausch und Edelweiß Ansbach veranstaltet im Hofgarten, in der Orangerie und im Steinsaal eine zweitägige „Volks- und Gebirgstrachtenschau“. Teil des Programms sind ein Preisschuhplatteln, ein Festkommers und ein Trachtenfestzug durch die Stadt. Die „verehrlichen Hausbesitzer“ werden gebeten, ihre Anwesen zu beflaggen und zu schmücken. „Zum Festzug werden die Eltern gebeten, Mädel und Buben über 6 Jahre mit Dirndl oder bayr. Kurzhösler zwecks Zusammenstellung einer Kindergruppe soweit möglich mittags um 1 Uhr an die Kaserne zu senden.“
Eine amtliche Bekanntmachung im Jargon der Zeit: „Der mittelfränkische Kreistag hat für das Rechnungsjahr 1923 für Unterstützungen von Blöden und Epileptischen in geeigneten Anstalten wiederum einen Betrag zur Verfügung gestellt. Näheres im Zimmer 9 des Rathauses.“