Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Die Schmiede kämpfen ums Überleben | FLZ.de

foobarious
arrow_back_rounded
Lesefortschritt
Veröffentlicht am 06.05.2026 10:30

Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Die Schmiede kämpfen ums Überleben

Diese Aufnahme, entstanden in den 1920er-Jahren, zeigt den Blick vom Unteren Markt in die Uzstraße. Links das Geschäft von Gustav Oppel. (Repro: Alexander Biernoth)
Diese Aufnahme, entstanden in den 1920er-Jahren, zeigt den Blick vom Unteren Markt in die Uzstraße. Links das Geschäft von Gustav Oppel. (Repro: Alexander Biernoth)
Diese Aufnahme, entstanden in den 1920er-Jahren, zeigt den Blick vom Unteren Markt in die Uzstraße. Links das Geschäft von Gustav Oppel. (Repro: Alexander Biernoth)

In der Woche ab Montag, 3. Mai 1926, geben die sieben Schmiedemeister im Stadtgebiet bekannt, dass sie das Anwesen Schalkhäuser Straße 5 des verstorbenen Schmiedemeisters Georg Günthert käuflich erworben haben, „um dieses Geschäft eingehen zu lassen”. Hintergrund ist die immer schwieriger werdende Lage des Schmiedehandwerks in der Stadt.

Die Fränkische Zeitung berichtet: „Durch das Auflassen dieses Betriebes soll ein gewisser Ausgleich des Rückganges der Schmiedearbeiten, den die Zunahme der modernen Kraftfahrzeuge zur Folge hat, erreicht werden.” Ganz klar: Die Lastwagen ersetzen die Pferdefuhrwerke – und den Schmieden, die bisher auch für den Wagenbau zuständig waren, geht die Arbeit aus, zumal auch immer weniger Pferde für die Fuhrwerke beschlagen werden müssen.

Noch sind die wirtschaftlichen Verhältnisse der einfachen Leute schlecht, und nach wie vor zieht es die Menschen ins Ausland. Die Dampfer des Norddeutschen Lloyd Bremen, „Weser”, „Werra” und „Madrid”, bringen die Auswanderer nach Südbrasilien. Anlaufhäfen sind San Francisco do Sul und Rio Grande do Sul, mit „direkter Verbindung mit den deutschen Siedlungsgebieten”, wie es in einer Anzeige des Lloyd-Vertreters Gustav Oppel heißt. In seinem Geschäft am Unteren Markt 5 (heute Johann-Sebastian-Bach-Platz) gibt es außer den Schiffspassagen auch „kostenlose Auskunft und Prospekte”.

Ex-Regierungspräsident von Welser wird 85

Von Amtswegen warnt man, Agenten machten sich die Not weiter Bevölkerungskreise zunutze. Die „Auslandsstelle des Bundes für Siedlungen in Uebersee” ködere Auswanderungswillige mit der Aussicht auf Landbesitz. Tatsächlich landeten die Auswanderer als Arbeiter auf den Kaffee-Plantagen, heißt es.

Man gratuliert dem ehemaligen Ansbacher Regierungspräsidenten Freiherr Ludwig von Welser zum 85. Geburtstag. Prinzregent Luitpold von Bayern hatte den studierten Juristen 1897 zunächst zum Regierungspräsidenten in Speyer ernannt, 1902 folgte dann der Wechsel nach Ansbach. Sieben Jahre später ging von Welser dann in den Ruhestand. In Ansbach engagierte sich von Welser als Mitbegründer und erster Vorsitzender der Gesellschaft für Fränkische Geschichte. Den Ruhestand verbrachte von Welser auf dem Stammsitz seiner Familie in Neunhof bei Lauf an der Pegnitz. Hier stirbt er auch am 2. Weihnachtsfeiertag 1931 mit 90 Jahren.

„Ein Walzertraum” mit Dekoration und Orchester

Tragödie in der Kaserne des 17. königlich-bayerischen Reitertregiments: Der ehemalige Reiter der 3. Eskadron, Friedrich T., erschießt sich auf der Stube. Der junge Soldat hatte „wegen häuslicher Verhältnisse” seinen Abschied vom Militär nehmen müssen. Während er in der Kaserne vor seiner Abreise nach Jena auf eine Geldsendung seiner Eltern wartet, nimmt T. sich das Leben – wegen einer unglücklichen Liebe, wie die Kriminalpolizei vermutet.

In den Schloßlichtspielen läuft mit großem Erfolg der Stummfilm „Ein Walzertraum”. Der Film, 1925 in den UFA-Studios in Neubabelsberg und Berlin-Tempelhof, aber auch im Schloss Schönbrunn in Wien gedreht, ist ein großer Kassenerfolg und bringt dem Regisseur Ludwig Berger eine Einladung in die USA ein. Die Fränkische Zeitung berichtet, die Volksbildungsvereinigung habe es verstanden, „durch stimmungsvolle Dekoration einen entsprechenden Rahmen für das Ganze zu schaffen”. Die „prickelnden Strauß'schen Weisen” des Orchesters hätten die Zuschauer in die österreichische Kaiserzeit versetzt.

„Endkampf” um geraubten Kolonialbesitz

Auf „Ein Walzertraum” folgt eine Reihe von Wien- und Operettenfilmen – bis zum Welterfolg des Films „Der Kongress tanzt”. Dem Hauptdarsteller Willy Fritsch bringt „Ein Walzertraum,” den Durchbruch zu einer langen Schauspieler-Karriere.

Im Naturwissenschaftlichen Verein hält der Rechnungskommissär Klein einen Vortrag über die ehemalige Kolonie Deutschostafrika. Das Gebiet umfasste die heutigen Länder Tansania, Burundi und Ruanda sowie ein kleines Gebiet im heutigen Mosambik. Mit über 7,7 Millionen Einwohner war es die bevölkerungsreichste deutsche Kolonie.

Hungerkatastrophe nach dem Aufstand

Neben den Schönheiten der Natur thematisiert Klein, der mehrere Jahre als Forstamtmann in Ostafrika tätig war, wie man im Schutzgebiet Schluss gemacht habe mit der „alten Raubwirtschaft aus Weide und Brandkultur”. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg wurde im Versailler Vertrag festgelegt, dass Deutschland alle seine Kolonien abzugeben hatte, das Gebiet wurde zwischen Großbritannien und Belgien aufgeteilt.

Unter dem Beifall der Zuhörenden erklärt Klein, jeder Deutsche solle dazu beitragen, die ganze Welt aufzuklären, „daß Deutschland es verstanden hat, in selbstloser Weise zu kolonisieren”. Der „Endkampf um den wider alles Recht geraubten Kolonialbesitz” stehe noch bevor. Kein Wort darüber, dass man bei der Maji-Maji-Rebellion ab 1905 die Aufständischen mit der Taktik der verbrannten Erde bekämpft hatte. Man verbrannte die Dörfer und Ernten, schüttete Brunnen zu und nahm Angehörige der Anführer in Sippenhaft. In der folgenden Hungerkatastrophe sollen bis zu 300.000 Einheimische ums Leben gekommen sein.


Winfried Vennemann
Winfried Vennemann
Redakteur
north