In der Woche ab Montag, 28. Mai 1923, erreichen schlimme Nachrichten aus dem französisch besetzten Ruhrgebiet auch Ansbach: Wie die Fränkische Zeitung berichtet, ist am Wochenende der militante Aktivist Albert Leo Schlageter hingerichtet worden. Schlageter gehörte zur NSDAP-Tarnorganisation Großdeutsche Arbeiterpartei. Er war mit einigen Mittätern der Bildung einer kriminellen Vereinigung, der Spionage mit dem Ziel von Attentaten und vier Sprengungen angeklagt worden. Am 8. Mai 1923 wird er von einem französischen Militärgericht zum Tode verurteilt. Eine Revisionsverhandlung und das Gnadengesuch seiner Eltern bleiben erfolglos.
Am 26. Mai wird Schlageter auf der Gotzheimer Heide bei Düsseldorf erschossen. Er ist der einzige Attentäter aus dem damals so genannten aktiven Widerstand, der hingerichtet wird. Zehn weitere Täter werden zwar ebenfalls zum Tode verurteilt, dann aber zu Gefängnis oder Zwangsarbeit begnadigt. Schlageter wird nach seiner Hinrichtung nicht nur von rechten Kreisen zu einem Märtyrer erhoben. Und die Nationalsozialisten nutzen sein Schicksal für ihre Propaganda und stilisieren Schlageter zum „ersten Soldaten des Dritten Reiches“.
Dass Störche mit ihrem Ansinnen, auf aktiven Kaminen ihr Nest zu bauen, für Probleme sorgen, ist auch vor 100 Jahren ein Thema. Ein Storchenpaar hat sich für die Aufzucht seines Nachwuchses ausgerechnet einen Schlot der Hürner-Brauerei ausgesucht. Anders als heutzutage wird aber mit den brutwilligen Tieren im Jahr 1923 kurzer Prozess gemacht. Die Fränkische Zeitung schreibt: „Da hier seit einigen Jahren für diese sonst so beliebten Gäste keine geeignete Unterkunftsmöglichkeit besteht, werden sie infolge dieser ,Wohnungsnot’ wohl oder übel unserer Stadt wieder den Rücken kehren, zum Leidwesen unserer Kinderwelt, die dadurch die Gelegenheit verliert, dem Freund Adebar ihre Wünsche vorzubringen.“
Ganz klar, die Hürner-Bräu als größte und modernste der vielen Ansbacher Brauereien darf natürlich nicht blockiert werden. Denn angesichts der schweren Zeiten muss wenigstens das Bier fließen. Auch wenn die Preise für den Gerstensaft inzwischen horrend sind: Der bayerische Brauerbund und der Gastwirteverband haben sich geeinigt, ab 1. Juni 1100 Mark für den Liter dunkles Vollbier zu verlangen. Helles Vollbier kostet 1200 Mark, Export dunkel 1400 Mark, Export hell 1500 Mark, und die Maß Märzenbier schlägt mit 1500 Mark zu Buche.
Die Inflation treibt merkwürdige Blüten: Weil zum 1. Juni die Fahrpreise für die Eisenbahn drastisch steigen, herrscht in den Tagen davor großer Andrang an den Schaltern, denn vor dem 1. Juni gekaufte, noch relativ günstige Fahrkarten behalten bis einschließlich Sonntag, 3. Juni 1923, ihre Gültigkeit. Die Fränkische Zeitung berichtet: „In großer Zahl standen die Reiselustigen zum Teil bis gegen Mitternacht an, um sich noch eine ,billige’ Fahrt zu sichern. Sicher haben viele unserer verehrlichen Leser, daß sie sich, durch die Zeitung auf diesen Vorteil aufmerksam gemacht, noch gestern Fahrkarten für beabsichtigte Fahrten lösten, ein Vielfaches des Monatsbezugspreises unseres Blattes erspart.“
Wie weitreichend der Einfluss von Obrigkeit und Militär auf das Leben der Menschen ist, zeigt ein Blick auf die jährliche Fronleichnams-Prozession der katholischen Kirchengemeinde St. Ludwig, die laut Berichterstattung „in der seit Jahren üblichen Weise begangen“ wird: Es nehmen sowohl die Reichswehr als auch die Landespolizei teil.
Die ehemaligen Mitglieder des 13. Infanterie-Regiments treffen sich zum „Dreizehner-Tag“, um der gefallenen Kameraden im Weltkrieg zu gedenken. Nach einer Delegiertensitzung am Vorabend im Hotel „Zirkel“ sammeln sich die Teilnehmer am Sonntagmorgen in der Reitbahn, um zum Stadtfriedhof zu marschieren, wo eine Gedenktafel für die Gefallenen enthüllt wird.
Die „Kräuterverwertungsstelle Ansbach“ in der Turnitzstraße ruft in einer Anzeige zum Sammeln von Arznei- und Heilpflanzen auf und bietet deren Ankauf an. Gefragt sind unter anderem Blüten von Taubnessel und Kornblumen, aber auch die Blätter von Birke, Brombeere, Erdbeere, Huflattich und Tollkirsche. Auch Frauenmantel, Kreuzblume, Waldmeister und Brennnessel sind gefragt.