In der Woche ab Montag, 16. Juli 1923, spendet ein Unbekannter eine Million Mark zur Unterstützung notleidender Ansbacher. Mit der Summe ist allerdings in Zeiten der Hyperinflation nicht allzu viel Hilfe möglich. Zum Vergleich: Auf dem Schweinemarkt in Leutershausen kostet ein Paar Saugschweine 1.300.000 Mark.
Und wer sein kaputtes künstliches Gebiss verkaufen möchte, erhält dafür 500.000 Mark. Ein Kilogramm Brot kostet 2200 Mark. Anfang Oktober 1923 werden für ein Kilo Brot dann 14 Millionen Mark anfallen.
Wer Geld hat, gibt es aus im Juli 1923, weil es von Tag zu Tag an Wert verliert. So gehen die gut betuchten Bürgerinnen und Bürger nach wie vor gern ins ziemlich marode Schlosstheater an der Reitbahn. Hier wird gerade Rossinis komische Oper „Il Barbiere di Siviglia“ geboten – und der Kritiker der Fränkischen Zeitung ist entzückt: „Es gibt trotz der Zeiten Not doch auch lichtere Stunden. Man muß nur verstehen, sie zu wecken; das ist der unmittelbarste Eindruck, den man von den beiden wohlgelungenen Aufführungen der liebenswürdigen und witzigen Buffo-Oper mitheimbringt.“
Die Schwärmerei geht noch weiter: „Blitzblank wie eine Perlenschnur leuchteten die fioriturenverzierten Arien von Fräulein Holzapfel, schwang sich der junge helle Tenor des Herrn Kleinböhl über das Orchester.“
Wer allerdings das Kino den leuchtenden Arien vorzieht, schaut sich in den Bären-Lichtspielen „eine Film-Fantasie in zehn Akten“ an: „Im Rausche der Macht“ mit dem Stummfilmstar Gunnar Tolnaes.
„Durch Schienenwerfung infolge der großen Hitze entgleiste der Schnellzug D 54 München-Frankfurt-Köln bei Steinach“, vermeldet die Lokalredaktion. „Mit Ausnahme des Küchenmädchens vom Speisewagen, das ganz leicht verletzt wurde, kam bei dem Unfall niemand zu Schaden. Das Geleise war nach zwanzig Stunden wieder fahrbar.“
Mitte der Woche beenden „starker Regen und leichte Gewittererscheinungen die sehr heißschwülen Tage“, ist am Freitag in der Zeitung zu lesen. „Dies brachte eine mäßige Abkühlung. Die Vegetation hat die längst notwendige Auffrischung erhalten, baldige weitere Niederschläge wären aber dringend notwendig.“
Vor dem Ansbacher Landgericht muss sich die 39-jährige Gütlerin Ziegler wegen versuchter Abtreibung verantworten – und wegen Beihilfe dazu der 31 Jahre alte verheiratete Schlosser Pfann. „Völlig untaugliche Tropfen, wie sie vielfach von Nürnberg aus angepriesen werden, waren auch hier erfolglos. Die Beschuldigten werden zu je zwei Monaten Gefängnis verurteilt.“
Im Walfischsaal in der Maximilianstraße findet eine große Versteigerung statt: „2 Schreibtische, 1 voller Glasschrank mit Spiegeln, Küchenbüfett, Küchenschrank, Küchentisch, Anricht, Bettstatt mit Matratze, Teppich, fast neu, sehr schön, 4,50 Meter lang und 3,25 Meter breit, Fleischmaschine, moderne Waschmangmaschine, Gasherd mit Bratröhre, Nähtischchen, Handnähmaschine, 2 Waagen, Waschschaff und viele sonstige hier nicht genannte Gegenstände gegen Barzahlung.“ Weitere Informationen gibt es bei Auktionator Eugen Bub in der Brauhausstraße 44.
„Abhanden gekommen“ ist ein schwarz-weißes Kätzchen. „Abzugeben gegen Belohnung in der Uzstraße 8. Kennzeichen: schwarzer Fleck auf der Nase.“
Ein Bürger möchte eine Milchziege gegen Brennholz eintauschen, ein anderer bietet einen „großen Holzkoffer für Landpartien“ im Tausch gegen Lebensmittel an.
„Winke für Bahn-Reisen“ – so titelt die Zeitung zum Thema Landpartien. „Der während der Reisezeit, insbesondere zu Beginn der Schulferien einsetzende Andrang an den Personen- und Gepäckschaltern läßt es notwendig erscheinen, auf einige Vorteile, die die Abreise erleichtern und Aerger und unnötiges Hasten vermeiden, hinzuweisen“, heißt es da. „Das Lösen der Fahrkarte wird zweckmäßig schon am Tage vor der Abreise besorgt. Ueber die Belegung der Plätze in den D-Zügen kann man sich auch schon vor dem Betreten der Abteile an den Nummernschildern unterrichten.“
Vor Aufgabe des Reisegepäcks seien „alle älteren eisenbahn- oder postdienstlichen Beförderungszeichen zu entfernen“, betont die Lokalredaktion weiter. „Die Nichtbeachtung dieser wichtigen Vorschrift hat erfahrungsgemäß die meisten Verschleppungen zur Folge. Es ist haltbare und deutliche Anbringung der Anschrift des Eigentümers und des Namens der Abgangs- und Bestimmungsstation des Gutes erforderlich. Der Verschluß der Gepäckstücke muss sicher sein. Als Handgepäck dürfen nur leichttragbare Gegenstände in die Personenwagen mitgenommen werden.“
Wer nicht verreist, kann die Sommerferien – sie haben am 16. Juli begonnen – im städtischen Freibad verbringen. Die Wassertemperatur beträgt dort aktuell 20 Grad. Im Friseurgeschäft Krönert am Unteren Markt 20 gibt es die passenden Kopfbedeckungen für den Sprung ins Wasser: „Bademützen stets in reichster Auswahl und zu billigsten Preisen.“