Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Hamsterkäufe und Kirchweih | FLZ.de

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Veröffentlicht am 02.08.2023 16:12

Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Hamsterkäufe und Kirchweih

Das Gasthaus zum Küchengarten an der Bahnhofstraße auf einer historischen Aufnahme aus dem Privatarchiv des Heimatforschers Hartmut Schötz. Das Gasthaus wurde bei den Bombenangriffen im Jahr 1945 komplett zerstört. (Repro: Lara Hausleitner)
Das Gasthaus zum Küchengarten an der Bahnhofstraße auf einer historischen Aufnahme aus dem Privatarchiv des Heimatforschers Hartmut Schötz. Das Gasthaus wurde bei den Bombenangriffen im Jahr 1945 komplett zerstört. (Repro: Lara Hausleitner)
Das Gasthaus zum Küchengarten an der Bahnhofstraße auf einer historischen Aufnahme aus dem Privatarchiv des Heimatforschers Hartmut Schötz. Das Gasthaus wurde bei den Bombenangriffen im Jahr 1945 komplett zerstört. (Repro: Lara Hausleitner)

In der Woche ab Montag, 30. Juli 1923, steht die Stadt ganz im Zeichen der Kirchweih. Die Gastwirte überbieten sich mit mehr oder weniger originellen Veranstaltungen – und im Hofgarten gibt die Kapelle des 21. Infanterie-Regiments gleich zwei festliche Konzerte.

Geopolitisch wird die Woche aber überschattet vom unerwarteten Tod des amerikanischen Präsidenten Warren Gamaliel Harding (58). Der einflussreiche Zeitungsverleger und Republikaner war 1920 mit großem Abstand gewählt worden. Am Abend des 2. August stirbt Harding im Palace Hotel in San Francisco, vermutlich an einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall. Die wahre Ursache wird nie bekannt, weil seine Witwe eine Autopsie verweigert.

Für die Ansbacher sind diese Geschehnisse ganz weit weg. Blickt man über die Grenzen der Region hinaus, so ist die Bevölkerung vor allem von einem Eisenbahn-Unglück mit 60 Toten und ebenso vielen Verletzten geschockt. Am Dienstag, 31. Juli, um 4 Uhr morgens fährt der D-Zug 88 Hamburg-München auf einen im Bahnhof Kreiensen bei Kassel wartenden Zug auf.

Unter den Todesopfern ist auch der 23-jährige Student Alfred Cramer, der auf dem Weg von Kiel nach Ansbach ist, um dort seinen Onkel, den Seifenfabrikanten Hans Vogelhuber zu besuchen. Glücklicher dran ist die junge Ansbacherin Christine Seßner, Tochter des Bäckermeisters Georg Seßner aus der Triesdorfer Straße. Sie kommt bei dem Unglück mit dem Schrecken und einer leichten Quetschung davon.

Am Kirchweih-Sonntag ist der Hofgarten ab 13.30 Uhr gesperrt. Denn um 14.30 und um 19.30 Uhr marschiert dort die Kapelle des 21. Infanterie-Regiments auf – „bei jeder Witterung“, wie es in einer Anzeige der Fränkischen Zeitung heißt. Wer den Konzerten unter der Leitung von Musikmeister Ludwig Gaul lauschen will, muss Eintritt zahlen.

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Weniger förmlich geht es im Gasthof „Stadt Würzburg“ an der Promenade zu, wo der „Fidele Franzl“ von Samstag bis Montag drei Schrammel-Konzerte gibt. Zum Tanz wird am Sonntag im Onoldiasaal und im Gasthof „Zum Walfisch“ aufgespielt. Und der Schützenverein „Diana“ lädt zum Königs- und Kirchweih-Schießen ins Gasthaus „Zum Augustiner“ ein.

„Gute Deutsche sein, aber Bayern bleiben“

Gesellig geht es auch im Gasthaus zum Küchengarten zu, wo der Bayerische Heimat- und Königsbund „In Treue fest“ zusammenkommt. „Kein Geheimbund, keine bewaffnete Macht und keine politische Partei“ will der Verein sein, sondern „ein Herzensbund offener Bekenner zu den Idealen der Väter“. Die Königstreuen wollen „gute Deutsche sein, aber Bayern bleiben“.

„Sua C“, ein Mittel für erkältete Schweine, ist in der Germania-Drogerie zu haben. In der Werbe-Annonce spricht ein zufriedener Anwender: „Das Zeug hilft. Ich gebe meinen Schweinen seit 5 Tagen SUA C und bin mehr wie zufrieden. Sie husten nicht mehr, sind wieder flott auf den Beinen und fressen wie noch nie. Mutter meint, wenn’s noch so weiter ginge, könnte ich die Biester noch auf die Mastviehausstellung schicken.“

Die Ansbacher Eisen- und Eisenwaren-Geschäfte bleiben ab sofort an drei Werktagen geschlossen. Der Grund: Die seit Wochen andauernden Hamsterkäufe der Bevölkerung haben dazu geführt, dass den Geschäften die Waren ausgehen.

Der 36-jährige Viehhändler und Metzger Ernst S. ist wegen Widerstands und Beleidigung am Landgericht Ansbach angeklagt. Der „schwer vorbestrafte“ S. verbüßt gerade eine Freiheitsstrafe bis Mai 1924 in der Strafanstalt Lichtenau und soll dort einen Gefangenenwachtmeister bedroht und beleidigt haben. „Da der Angeklagte nach dem Gutachten des Anstaltsarztes ein schwerer Psychopath ist, wird er unter Annahme mildernder Umstände zur Gefängnisstrafe von 3 Monaten verurteilt“, heißt es im Gerichtsbericht.

Der Ansbacher Stadtrat diskutiert über die mögliche Einführung einer zusätzlichen Getränkesteuer auf Wein, Bier oder Schnaps. Der Stadtrat Seitz bemerkt dazu, das Bier sei sowieso so teuer, „daß man den Tropfen, der einem noch vergönnt ist, nicht auch noch verteuern sollte“. Die Maß Bier kostet zurzeit 8400 Mark. Rechtsrat Böhner verweist aber „auf die verschiedenen Feste und den dabei zutage tretenden Bierkonsum und die dadurch der Stadt zufließenden bedeutenden Einnahmen“ die sie äußerst notwendig brauche. Mit elf zu acht Stimmen wird der Getränkesteuer letztlich zugestimmt.


Winfried Vennemann
Winfried Vennemann
Redakteur
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