In der Woche ab Montag, 6. August 1923, lädt Oberbürgermeister Dr. Wilhelm Borkholder zu einem Fleischgipfel ein. Hintergrund sind die zunehmenden Klagen, dass die Versorgung der Bevölkerung inzwischen äußerst mangelhaft ist.
Eingeladen zur Besprechung beim Stadtoberhaupt im Rathaus sind der Bürgermeister Emil Pörschmann, Stadtrat Samhammer, Schlachthofdirektor Betscher, der Leiter der Konservenfabrik Probach, Vertreter der Fleischerinnung und 14 Viehhändler.
Angesichts der Fleischknappheit seien die Großstädte dazu übergegangen, die Viehhändler direkt auf ihre Großmärkte zu locken, heißt es. Unter diesem Vorgehen leide die Fleischversorgung der mittleren und kleinen Städte schwer, weshalb die Versammlung auf die Viehhändler einwirkt , „daß sie auch dem Metzgergewerbe am Ort Schlachtvieh zum Kauf anbieten“, wie es in der Fränkischen Zeitung heißt. Die Händler erklären sich dazu bereit, sodass man sich Hoffnungen macht, den Fleischbedarf der Stadt Ansbach decken zu können, ohne auf anderen Viehmärkten einkaufen zu müssen. Aber: „Auf die Gestaltung der Preise einzuwirken, die eine unheimliche Höhe erreicht haben, wird aber leider nicht möglich sein.“
Grundübel ist die Inflation, die in dieser Woche gewaltig Fahrt aufnimmt: Lag der Dollarkurs Ende Juli noch bei 760.000 Mark, so wird die US-amerikanische Währung am Montagnachmittag mit 1,8 Millionen Mark notiert. „Die Markkatastrophe“ überschreibt die Fränkische Zeitung den Bericht – und rechnet vor, dass die Papiermark „nur noch den 400.000sten Teil des Friedenswertes“ habe. Folge: Die Waren des täglichen Bedarfs wie Brot oder Gemüse werden für breite Schichten der Bevölkerung unerschwinglich.
Im Ansbacher Verwaltungs- und Polizeisenat macht man sich deshalb Sorgen um die öffentliche Sicherheit. Wenn keine energischen Maßnahmen gegen die unhaltbare Versorgungslage getroffen würden, „lehne die Arbeiterschaft die Verantwortung ab, wenn es zu Gewalttätigkeiten komme“, heißt es in der Sitzung. Der Vorsitzende des Senats, Oberbürgermeister Dr. Borkholder, betont, dass es „Aufgabe der Staatsregierung wäre, dafür zu sorgen, daß wir eine stabile Währung bekommen“. Auf seine Anregung hin wird beschlossen, in einem Bericht an die Staatsregierung „auf die ernste Lage hinzuweisen, in der sich unsere Bevölkerung befindet“.
Große Attraktion der Kirchweih auf der Inselwiese ist Miss Santa Biaskania, die tollkühne Verächterin des Todes, auch das „Rätsel des 20. Jahrhunderts“ genannt. Die Frau lässt sich „lebend im Sarge metertief unter der Erde begraben“ und entsteigt danach quicklebendig dem Grabe. Das übersteigt selbst die Künste von Texas Jack, dem Meister aller Entfesselungskünstler.
Die Nationalsozialisten veranstalten im Onoldiasaal ihre „6. öffentliche Volksversammlung“. Hauptvortragender ist der völkische Wanderredner Heinrich Dolle, der über „Deutschlands Not und Rettung“ spricht. Juden haben keinen Zutritt. Dolle steht zu diesem Zeitpunkt der Spitze der NSDAP nahe. Beim ersten Parteitag in München im Januar 1923 steht er neben der Parteiprominenz auf der Rednerliste. Nach dem Hitlerputsch besucht Dolle den späteren Führer am 9. Dezember 1924 im Landsberger Gefängnis. Im Jahr 1926 kommt es zum Bruch mit der NSDAP, seinen antisemitistischen Ansichten bleibt Dolle aber treu.
Der 51-jährige ehemalige städtische Forstwart Xaver L. aus Dinkelsbühl ist am Landgericht Ansbach wegen fortgesetzter Bestechlichkeit angeklagt. Er hat von zwei begüterten Landwirten und vom Sinbronner Bürgermeister kleine Geschenke angenommen. Die eigneten sich im Gegenzug widerrechtlich eine Fichte und eine Tanne aus dem Dinkelsbühler Forstbezirk an. Im Gerichtsbericht heißt es: „Mit Rücksicht darauf, daß die meiste Schuld eigentlich die wohlhabenden Frevler trifft, die aus ganz gemeiner Gewinnsucht handelten, werden dem wenig intelligenten und noch nicht bestraften Angeklagten mildernde Umstände zugebilligt und auf eine Gefängnisstrafe von 6 Monaten erkannt.“
Arbeiteraufstand in der Motorenfabrik Karl Bachmann: Nachdem der nationalsozialistische Arbeiter B. seinen sozialistischen Kollegen den Tod gewünscht hatte, kommt es zum Streit in der Belegschaft, die am Freitag die Arbeit niederlegt. Die Direktion der Fabrik reagiert mit einer Zeitungsanzeige: „An unsere Belegschaft. Sie haben heute die Arbeit unbefugt verlassen. Gemäß § 123 Absatz 3 der Gewerbeordnung kündigen wir Ihnen hiermit fristlos.“ Die Kündigung gelte nicht für die Arbeitnehmer, die am Samstag ordnungsgemäß die Arbeit aufnähmen.
Bevor es zum Schlimmsten kommt, wird der Streik am Samstag durch eine Vereinbarung vor dem Schlichtungsausschuss beendet. Die Bedingungen der Vereinbarung lauten, dass der Arbeiter B. durch die Firma verwarnt wird und ihm für den Wiederholungsfall mit der Entlassung gedroht wird. Und dass die Gesamtkündigung von der Firma zurückgenommen wird und die Belegschaft am Montag die Arbeit wieder aufnimmt.
Die Eisengießerei, Maschinenfabrik und Motorenbau Bachmann – 1872 vom Ingenieur Karl Bachmann in der Oberhäuserstraße gegründet – stellt zunächst landwirtschaftliche Geräte her. Die Firma errichtet auch den Eisernen Steg, der von der Innenstadt über die Rezat zur Hindenburgkaserne führte. Während des Kaiserreiches baute Bachmann Motorenschlepper fürs Heer. Die Motoren für die Artillerie-Zugmaschinen lieferten die Bayerischen Motoren-Werke (BMW).
Nach dem Krieg kommen die Schlepper nur noch begrenzt in der Landwirtschaft zum Einsatz, ehe die Produktion im Jahr 1923 ganz eingestellt wird. Ab diesem Jahr werden bei Bachmann spezielle Dieselmotoren gebaut, aber auch Obstpressen, Schweinestallungen, Turbinen oder schmiedeeiserne Tore. Die Firma produziert bis in die 30er Jahre.