In der Woche ab Montag, 5. Juni 1923, fiebern viele Ansbacher dem Landsturmtag und besonders dem Besuch „seiner Königlichen Hoheit“ Rupprecht von Bayern entgegen.
Während es in Leipzig und Feucht bei sozialdemokratischen Versammlungen zu tödlichen Zusammenstößen mit der Polizei kommt, stimmen sich in Ansbach Militärvereine und vor allem die ehemaligen Angehörigen des Landsturm-Infanterie-Ersatz-Bataillons Mittelfranken III.B.20 auf den Besuch des Kronprinzen ein. Rupprecht von Bayern, Oberhaupt des zum Ende des Ersten Weltkriegs entmachteten Hauses Wittelsbach, verbringt das Wochenende in der Stadt. „Diesem Besuche haftet keinerlei politisches Gepräge an. Der Ehrengast will sich als alter Soldat zu seinen ehemaligen Landstürmern gesellen und mit ihnen einige Stunden in kameradschaftlichem Geiste verleben“, zitiert die Fränkische Zeitung den Presseausschuss der Wiedersehensfeier.
Bei den Festreden schließt ein Staatsrat seine Ausführungen dann doch mit dem Wunsch, „dass uns ein Vaterland entstehen möge ebenso groß und herrlich wie es früher war“. Ein früherer Feldwebel hält eine bessere Zukunft nur für möglich, „wenn wir die früheren Verhältnisse bekämen und brachte ein mit brausendem Applaus aufgenommenes Hoch auf das Haus Wittelsbach aus“.
Die örtliche NSDAP-Gruppierung hingegen nimmt Reißaus. Mit dem Rad am Samstagnachmittag oder mit dem Zug am Sonntag, 4.50 Uhr, geht es für die Nationalsozialisten nach Hersbruck zur Fahnenweihe. Freuen dürfte auch sie die Nachricht aus dem Rheinland, dass der von den Franzosen erschossene militante Aktivist Leo Schlageter exhumiert wurde und in seiner Heimat Schönau im Schwarzwald beigesetzt werden soll.
Die wirtschaftliche Not greift weiterhin um sich, in der Schalkhäuser Straße bietet ein Ansbacher seine Honig-Schleuder und eine Wabenpresse im Tausch gegen Brennholz oder Lebensmittel an. Ein „stiller Beobachter“ kritisiert in der Fränkischen Zeitung die Klingelbeutel-Einlage von Fünf- und Zehn-Pfennig-Stücken oder Ein- und Zwei-Mark-Scheinen in der Kirche. „Weil diese Einnahme weder das Sammeln noch das Sortieren und zählen lohnt.“ Er empfiehlt Kirchenbesuchern, die nicht in der Lage sind, wesentlich mehr zu geben, das Einlegen lieber ganz zu unterlassen und denen, die in guten Verhältnissen leben, mehr zu spenden.
Auf die Gutscheine der Abonnenten des Schlosstheaters wird aufgrund „erhöhter Fahr- und Frachtpreise und der steigenden Geldentwertung“ eine Nachzahlung verlangt. Gespielt wird Shakespeares „Othello“ von der bayerischen Landesbühne München. Vor dem Landgericht Ansbach wird ein Mühlbesitzer wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Bei einer Treibjagd hatte sein Hund an der Leine gezerrt, wodurch sich ein Schuss aus dem gespannten Gewehr des Mannes löste, so die Anklage. Ein dabei getroffener Jagdgast erlag vier Tage später der Verletzung am Kopf. „Das Urteil lautet an Stelle der an sich verwirkten Gefängnisstrafe von zehn Wochen auf eine Geldstrafe von fünf Millionen Mark“, schreibt der Berichterstatter.
Im Stadtrat wird diskutiert, das Pflücken der Lindenblüten in diesem Jahr zu verbieten, da die Bäume „im vorigen Jahre sehr stark beschädigt worden sind“. Da es gegen ein gänzliches Verbot Bedenken gibt, wird beschlossen, das Pflücken dieses Jahr nur an ausgewachsenen Bäumen zu gestatten.