Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Der Kampf gegen Hitze und Staub | FLZ.de

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Veröffentlicht am 26.07.2025 12:00

Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Der Kampf gegen Hitze und Staub

Die Straßen Ansbachs - hier eine Postkarte mit der historischen Ansicht der Crailsheimstraße - sind in den 1920-er Jahren oft noch eine staubige Angelegenheit. (Foto: Sammlung Breitschwert)
Die Straßen Ansbachs - hier eine Postkarte mit der historischen Ansicht der Crailsheimstraße - sind in den 1920-er Jahren oft noch eine staubige Angelegenheit. (Foto: Sammlung Breitschwert)
Die Straßen Ansbachs - hier eine Postkarte mit der historischen Ansicht der Crailsheimstraße - sind in den 1920-er Jahren oft noch eine staubige Angelegenheit. (Foto: Sammlung Breitschwert)

In der Woche ab Montag, 20. Juli 1925, stöhnt die Stadt unter der bisher größten Hitzewelle des Jahres. Die Temperaturen hätten am Mittwoch bis zu 28 Grad Celsius im Schatten erreicht, berichtet die Fränkische Zeitung. Und in der Nacht sei die Temperatur nur auf 12,5 Grad gesunken.

Aus Unterfranken, der Pfalz und Norddeutschland werde von Temperaturen von 32 Grad Celsius und mehr berichtet, heißt es weiter. Am Donnerstag bringen heftige Gewitter dann aber Abkühlung. Die Gewitter verzögerten zwar die Getreideernte, wie die Lokalredaktion schreibt, sind aber „für die Fluren von großem Nutzen”.

Die Trockenheit im Sommer bringt auf Ansbachs Straßen ein besonderes Problem mit sich: die Staubentwicklung. Im Frühjahr hat man Versuche unternommen, dem Straßenstaub Herr zu werden, indem man Öl versprüht. „Die Erhebungen haben aber ergeben, dass Öl erheblich teurer ist als Oberflächenteerung”, heißt es in einem Bericht an den Stadtrat. Deshalb sieht man von weiteren Versuchen mit Öl ab. Und wo die Straßen noch nicht geteert sind, greift man auf den Sprengwagen mit Wasser zurück.

Rund 3000 Arbeitersportler marschieren ein

Zufrieden ist man damit in der Bevölkerung aber nicht. Den Stadtrat erreicht die Beschwerde eines Anwohners der Urlasstraße, dass der Sprengwagen die Urlasstraße nur acht Tage befahren habe, sich seitdem aber nicht mehr blicken lasse. Baurat Flach berichtet dem Stadtrat, der „Sprengakkordant” habe nach seinen Informationen nicht immer die schweren Pferde für die steile Straße zur Verfügung. Im Rat wird der Verdacht geäußert, die Strecke sei dem Akkordanten einfach zu beschwerlich.

Der Turn- und Sportverein Fichte bittet den Stadtrat um einen Zuschuss. Der Verein möchte mit 20 Mann an der ersten Arbeiterolympiade teilnehmen, die vom 24. bis 28. Juli in Frankfurt am Main stattfindet. Arbeiterolympiaden wurden zwischen den beiden Weltkriegen von den Arbeitersportverbänden organisiert, die den offiziellen Olympischen Spielen vorwarfen, nur dem Wettkampf der Nationen zu dienen.

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Tatsächlich marschieren am 24. Juli rund 3000 Arbeitersportler ohne Flaggen oder nationale Abzeichen unter den Klängen der Internationale ins neue Frankfurter Waldstadion ein. Nach Berichten gab es auch Massenübungen, an denen sich offenbar bis zu 100.000 Sportler beteiligten. Die Veranstaltung verzeichnete den Berichten zufolge an den vier Wettkampftagen rund 450.000 Zuschauer. Die Ansbacher Arbeitersportler sind dabei, denn der Stadtrat gewährt ihnen ein zinsloses Dahrlehen über 200 Mark, das „spätestens bis zum 31. März zurückgezahlt sein muß”.

Ein Sportereignis ganz anderer Art elektrisiert die Menschen in der Stadt: Die „Batscharifahrt”, ein 24-Stunden-Rennen für Pkw und Motorräder durch ganz Bayern, macht in Ansbach Station. Im von vielen Zuschauern gesäumten Zickzack-Kurs durch Brauhaus-, Schloß-, Bauhof-, Bau- und Nürnberger Straße passieren 51 Rennwagen die Stadt.

Name bezieht sich auf Zigarettenfabrik

Der merkwürdige Name des Wettbewerbs bezieht sich auf die 1899 von August Batschari in Baden-Baden gegründete Zigarettenfabrik. Die Firma macht sich nicht nur einen Namen mit ambitionierter Plakatkunst, sondern auch mit der Veranstaltung von Automobil-Wettbewerben. Die Firma Batschari geht später im Hamburger Reemtsma-Konzern auf. Die Zigarettenproduktion in Baden-Baden wird 1962 stillgelegt, das denkmalgeschützte Fabrikgebäude beherbergt inzwischen ein luxuriöses Hotel.

Zurück zur Batschari-Fahrt: Den Rettungsdienst entlang der Strecke Marktbergel-Ansbach-Heilsbronn versieht die Freiwillige Ansbacher Sanitätskolonne, die in diesen Tagen die Lieferung ihres neuen Sanitätsautos herbeisehnt. Der Bedarf an einem schnellen Krankentransport ist gegeben, hat doch die Kolonne in der ersten Jahreshälfte 1925 bereits 112 Einsätze abgeleistet. Der Wagen, der über zwei Tragen sowie fünf Sitzplätze verfügt und mit elektrischer Licht- und Heizanlage versehen ist, gewährleiste, dass der „Kranke rasch und auf schonendste Weise dem Arzte zugeführt werden kann”, schreiben die Sanitäter. Das Problem: Es werden noch edle Spender gesucht, um den modernen Krankenwagen zu finanzieren.

Michael Moll preist in einer Anzeige das von ihm hergestellte Limonadengetränk „Chabeso” an, das er insbesondere den Gastwirten, Kantinen und Anstalten ans Herz legt. „Chabeso” ist ein Getränk auf der Basis von Milchsäure. 1895 entdeckt man bei der Firma CH Boehringer Sohn in Ingelheim, dass sich Milchsäure durch Bakterien massenhaft herstellen lässt. Die Pioniere der Biotechnologie verkauften die Milchsäure zunächst als Backpulver, ab 1911 brachten sie die Limonadenmarke „Chabeso” auf den Markt. In den 1920-er Jahren verkaufte Boehringer den Grundstoff für die Limonade in Lizenz an Abfüll-Unternehmer wie Michael Moll in Ansbach. Heute ist Boehringer mit einem Umsatz von 26,8 Milliarden Euro (2024) das größte Pharmaunternehmen Deutschlands.


Winfried Vennemann
Winfried Vennemann
Redakteur
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