23. LeseLust in Ansbach: Wovon Anja Gmeinwieser und Esther Schüttpelz erzählen | FLZ.de

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Veröffentlicht am 23.04.2026 18:34

23. LeseLust in Ansbach: Wovon Anja Gmeinwieser und Esther Schüttpelz erzählen

Stellte „Wir Königinnen” vor: Anja Gmeinwieser. (Foto: Martina Kramer)
Stellte „Wir Königinnen” vor: Anja Gmeinwieser. (Foto: Martina Kramer)
Stellte „Wir Königinnen” vor: Anja Gmeinwieser. (Foto: Martina Kramer)

Inzwischen erfreuen sich die Doppellesungen im Rahmen von LesArt und LeseLust stetig wachsender Beliebtheit. Dies zeigte die Veranstaltung mit Anja Gmeinwieser und Esther Schüttpelz am Mittwoch im Kunsthaus Reitbahn 3.

Es hat schon fast Tradition, dass es vornehmlich junge Frauen sind, die ihre Werke präsentieren. Im vorigen Jahr waren Martina Bogdhan und Elli Kolb mit ihren Romanen zu Gast. 2026 setzen Schüttpelz und Gmeinwieser, beide das erste Mal in Ansbach, dies fort – allerdings mit einem ganz anderen Themenschwerpunkt.

Auf der Reise zu sich selbst

Auf der Straße unterwegs sind die Heldinnen ihrer beiden Bücher: die eine im Laster, die andere im Auto. Beide bleiben namenlos und biographisch wenig greifbar. Denn sie sind unterwegs auf einer besonderen Reise, die zu einer Selbsterfahrung wird. Und die Lesenden werden Zeugen dieses Prozesses.

Ganz unterschiedlich im Stil sind diese beiden Werke. In „Wir Königinnen“ schildert Anja Gmeinweiser die zufällige Reise einer jungen Frau in einem Laster, der trächtige Kühe quer durch Europa bugsiert. Eigentlich wollte die Ich-Erzählerin wandern und allein sein, was ihr in dem ausgestorbenen Teil Norditaliens irgendwo in den Alpen zunächst auch gelingt. Bis sie auf Anna trifft, die Fahrerin des Viehtransporters. Die hat ein Gewehr in der Hand, aus dem sie kurz zuvor einen Schuss abgegeben hat. Allerdings nicht auf die Protagonistin, wie sich bald darauf herausstellt.

Nachdem der anfängliche Schrecken überwunden ist, entwickelt sich bald große Nähe zwischen den beiden Frauen. Spontan beschließt die namenlose Heldin, als Beifahrerin an der Tour Richtung Türkei teilzunehmen. Es wird ein abenteuerlicher Trip, der viel vom harten Job der Brummifahrer verrät – dazu noch für eine Frau.

Zur Recherche im Lastwagen unterwegs

Gmeinwieser hat dazu eigene Erfahrungen im Lastwagen gesammelt, was viel zur Glaubwürdigkeit ihrer Schilderungen beiträgt. Ihre Sprache ist prägnant, die Dialoge häufig kurz, und werden mittels eines Übersetzungsprogramms oder auf Englisch geführt. Die Beschreibungen sind mitunter knapp und sparen so manches aus, was sich die Lesenden selbst weiter ausmalen können.

Diesen Kniff, der sehr zur Spannung beiträgt, wendet auch Esther Schüttpelz an. Sie lässt so manches ungesagt und deutet vieles nur an. Ihre Heldin gerät ebenfalls ungeplant auf ihre Fahrt ins Unbekannte. Durch eine Umleitung verpasst sie nach dem Kinobesuch mit einer Freundin die Abzweigung nach Hause. Und plötzlich fährt sie ins Blaue hinein. Allmählich erkennt sie dabei, dass sie sich mit zunehmendem Abstand von ihrem Zuhause immer freier zu fühlen beginnt. Denn dort wartet ein gewalttätiger Mann, der sie dominiert. Seltsamerweise wird ein Umkehren auch deshalb erschwert, weil ständig „Grüne Welle“ herrscht, wie der Romantitel andeutet.

Doch wie so oft im Leben: Gerade als sich die namenlose Protagonistin mit ihrem Zustand anzufreunden beginnt, begleitet vom warmen Licht der Morgensonne nach durchfahrener Nacht, als sie bereit ist, sich zu entspannen und loszulassen, da rumpelt es gewaltig. Und auf der Straße liegt ein totes Reh. Die Heldin, von einem Weinkrampf geschüttelt, sieht sich selbst in diesem Tier. Ein ergreifender Abschnitt, ohne rührselig zu sein, den Schüttpelz vorträgt. Zugleich eine Schlüsselstelle, die die innere Wandlung der Fahrerin zwischen den Welten anzeigt.

Zwei junge, talentierte Schriftstellerinnen mit ganz individuellen Werken, die doch so manches gemeinsam haben. Eine spannende Begegnung.


Von MARTINA KRAMER
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