Wenn die Eltern alt werden: Beratung soll Konflikte für Kinder vermeiden | FLZ.de

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Veröffentlicht am 13.08.2024 14:00

Wenn die Eltern alt werden: Beratung soll Konflikte für Kinder vermeiden

In immer mehr Haushalten im Landkreis Ansbach leben Senioren. Wenn die gesundheitlichen Beschwerden bei den Eltern im Alter zunehmen, hilft ihnen wertschätzende Begleitung. (Foto: Silvia Schäfer)
In immer mehr Haushalten im Landkreis Ansbach leben Senioren. Wenn die gesundheitlichen Beschwerden bei den Eltern im Alter zunehmen, hilft ihnen wertschätzende Begleitung. (Foto: Silvia Schäfer)
In immer mehr Haushalten im Landkreis Ansbach leben Senioren. Wenn die gesundheitlichen Beschwerden bei den Eltern im Alter zunehmen, hilft ihnen wertschätzende Begleitung. (Foto: Silvia Schäfer)

Wenn Eltern alt werden und die gesundheitlichen Probleme zunehmen, fragen sich irgendwann die erwachsenen Kinder, ob Mutter oder Vater noch zu Hause klarkommen. Wie könnte eine Lösung aussehen und wie spricht man das heikle Thema an, ohne jemanden zu bevormunden?

In Beratungsstellen gibt es geschulte Therapeutinnen und Therapeuten für Lebens- und Reflexionsfragen, die ihre professionelle Hilfe und wertschätzende Unterstützung anbieten. Wenn man in eine Sackgasse oder auf Umwege geraten ist beziehungsweise vor wichtigen Entscheidungen steht, die möglicherweise Konfliktpotenzial beinhalten.

Fachstelle für Beratungen im Landkreis Ansbach

Kreise und Kommunen, Wohlfahrtsverbände, kirchliche Träger und Privatpraxen für Selbstzahler bieten die Möglichkeit, sich beraten zu lassen. Der Landkreis Ansbach hat eine Fachstelle für Seniorenhilfeplanung eingerichtet, um Angebote für ältere und pflegebedürftige Menschen zu fördern. Ein Seniorenwegweiser bietet einen Überblick und Information zu Fragen rund um das Thema Älterwerden, darunter auch für eine aktive Freizeitgestaltung, ebenso Kontaktdaten zu Einrichtungen und Entlastungsangeboten.

Bei der Recherche stieß die FLZ auf eine Neuropsychologin aus dem Landkreis Ansbach. Sie arbeitet seit Jahren mit Schlaganfall- und Demenzpatienten und deren Angehörigen zusammen. Im Gespräch zeigt sie Wege auf, wie erwachsene Kinder mit dem heiklen Thema Wohnen im Alter behutsam umgehen können.

Als Tochter betagter Eltern hat sie sich auch schon mal eine Abfuhr geholt, wenn sie mit ihnen gesprochen hat. „Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht“, sagt die Mittfünfzigerin. Wegen ihres Angestelltenverhältnisses bei einem klinischen Unternehmen möchte die Ärztin bei diesem Thema nicht namentlich genannt werden. „Viele Ältere wollen auf keinen Fall aus ihrem gewohnten Zuhause ausziehen. Sie hängen an ihrem Haus oder ihrer Wohnung“, erklärt sie.

Festhalten an Vertrautem hat mit dem Alter zu tun

In Gesprächen mit Patienten höre sie immer wieder Sätze wie: „Ich möchte da leben, wo ich mich wohlfühle.“ Dieses Festhalten an Vertrautem und Gewohntem habe auch etwas mit dem Alterungsprozess zu tun, erläutert die Neuropsychologin. Je älter man werde, desto mehr Routinen und Abläufe habe man. „Das gibt Sicherheit.“

Die ältere Generation gehe noch davon aus, dass sie versuchen muss, so lange wie möglich fit zu bleiben, damit sie in ihrem eigenen Zuhause leben kann. „Im Grunde genommen ist das ein Hochrisikoverhalten.“ Bei Haushaltstätigkeiten komme es dann häufig zu Stürzen. „Die Wohnung sollte sich so lange wie möglich an die Bedürfnisse ihrer Bewohner anpassen.“ Erwachsene Kinder könnten ihre Eltern dabei unterstützen, was man bequemer machen kann. Stolperfallen beseitigen oder ein Nachtlicht, das sich wie Bewegungsmelder einschaltet.

Viele Ältere stürzen, weil sie nachts aufstehen und loslaufen, ohne das Licht anzuschalten, oder weil ihnen nach dem Aufstehen ein bisschen schwindelig ist. „Sie ignorieren das oder schämen sich, das zuzugeben“, erläutert die Spezialistin. Sie rät zu vorsichtigen Vorschlägen. Etwa: „Was hältst du davon, wenn wir das mal ausprobieren?“ Ihre Empfehlung: „klein anzufangen.“

Nicht immer droht gleich der Treppenlift

Es müssten nicht immer gleich große Dinge sein wie der Rollator oder der Treppenlift. Auch Handläufe im Bad oder im Flur könnten erste kleine Veränderungen sein. Es sei wichtig, Szenarien gemeinsam in einer nicht emotional angespannten Situation zu prüfen und durchzuspielen. „Das kann es leichter machen, eine neue Haltung zu entwickeln“, sagt sie.

„Ein Entschluss brauche Zeit, um zu reifen. Das Thema immer wieder mal ansprechen, nicht hopplahopp und am besten lange bevor es brenzlig wird.“ Die Psychologin erzählt von der Schilderung einer älteren Patientin. Die Tochter hatte der 82-jährigen Mutter beim Weihnachtsbesuch aufgetragen, zu überlegen, wo sie mal leben möchte, wenn es im Haus nicht mehr geht. Dann sollte noch schnell eine Familienkonferenz mit dem Bruder gemacht werden.

Das war der alten Dame zu viel. Die Diskussion endete im Streit. „Dieses Reingeschneit-Kommen, alle Probleme managen zu wollen, dann wieder verschwinden. Das klappt meistens nicht.“ Die ältere Generation würde die Notwendigkeit zu Veränderungen nicht einsehen. Darüber mit den Eltern zu sprechen, womöglich schon bevor dringender Handlungsbedarf besteht, weil die gesundheitlichen Beschwerden zunehmen, falle den erwachsenen Kindern alles andere als leicht.

Expertin: Probleme offen angehen

Genügt es, Hilfskräfte zu organisieren, die immer wieder nach den Eltern schauen? Sind Umbauten erforderlich? Oder sollte man den Umzug in betreutes Wohnen oder gar ins Pflegeheim in Betracht ziehen? „Es bringt nichts, die Probleme hinterm Berg zu halten“, so die Expertin.

Die jüngere Generation solle sich dabei selbst auf den Prüfstand stellen, ob sie das Thema deshalb nicht anspreche, weil sie an der Illusion so lange wie möglich festhalten wolle. Augen zu – bis es nicht mehr geht. Ist es nicht menschlich, vor Veränderungen Angst zu haben – gerade wenn sie das Zuhause, das Wohnumfeld betreffen?

Wie geht die Ärztin selbst mit ihren betagten Eltern um? „Ich versuche ihnen dabei zu helfen, im Alter besser klarzukommen. Dass sie weniger Kraft in unnötige Dinge stecken müssen. Dass sie es sich einfacher machen, durchs Leben zu gehen, und die Chance ergreifen, den Haushalt zu verkleinern.“

Es muss nicht alles schlechter werden

Diese Sichtweise versuche sie in kontinuierlichen Gesprächen mit den Eltern zu stärken, führt sie aus. Es müsse nicht alles schlechter werden, wenn sich etwas verändert, auch wenn man es unter dem Druck der Umstände macht.

„Ein essenzieller Punkt in der Konfliktlösung ist daher, Verständnis für die Perspektive des anderen aufzubringen. Dass es dabei vielleicht auch etwas Gutes zu erringen gibt und nicht nur etwas Schlimmes zu vermeiden.“

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