Ein Kind gehört getauft. Da wären sich vor einigen Jahren die meisten Eltern wohl einig gewesen. Doch die Tendenz verändert sich. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern (ELKB) reagiert darauf. Im Bad Windsheimer Dekanat startet deshalb ein neues Tauf- und Segensprojekt.
In 15 Erprobungsräumen in ganz Bayern wird das Vorhaben jetzt getestet. Pfarrerin Heidi Wolfsgruber, Michael Wolf, Referent für Kirchen- und Gemeindeentwicklung am Landeskirchenamt der ELKB, und Bad Windsheims Dekan Jörg Dittmar initiierten das Projekt. Bei seiner vergangenen Stelle setzte Dittmar ein ähnliches mit um. „Dafür wurde eine breit angelegte Umfrage unter Eltern durchgeführt, warum sie ihre Kinder taufen lassen. Und wenn nicht, woran es liegt“, erklärt der Bad Windsheimer Dekan.
„Denn ja, die Taufzahlen sind nicht schön, auch im ländlichen Raum. Wir verlieren durch Nicht-Taufe mehr Menschen als durch Austritte.“ Im Jahr 2002 hatte man im Dekanat Bad Windsheim noch 184 Taufen registriert. Im Jahr 2024 waren es noch 111. „Wobei wir davon ausgehen, dass in dem Zeitraum die Geburtenrate stabil geblieben ist.“ Mit Blick auf ganz Deutschland waren 1960 von allen Kindern, die geboren wurden, 74 Prozent getauft worden, so Dittmar. Im Jahr 2018 seien es bundesweit nur 43 Prozent gewesen. Die Gründe dafür können vielfältig sein.
„Die Taufe ist nicht mehr so selbstverständlich“, findet Heidi Wolfsgruber. Die Eltern seien anders sozialisiert, Traditionen wiegen nicht mehr so viel. Auch die Frage der Paten spiele eine Rolle, denn dieser oder diese müssten unter anderem Mitglied einer christlichen Kirche sein.
Teils fürchten sich Eltern zudem davor, gewisse Weichen für ihr Kind zu stellen. Manche wollen es selbst entscheiden lassen, ob der Sohn oder die Tochter sich taufen lassen wollen oder nicht. Während Großeltern früher deutlich mehr Mitsprache hatten, würden sie sich heute bei Entscheidungen rund um das Kind mehr zurückhalten. Hinzu komme, dass die Taufe als „Aufwand“ gesehen werde, den manche Eltern in der Babyphase als stressig empfinden, so der Dekan. Wurde sie früher eher klein gefeiert, werde sie heute oftmals als großes Fest zelebriert.
Für die beiden Geistlichen ist die Taufe „ein symbolisches Mitgehen mit der Lebensgeschichte von Jesus Christus“. Eine „ganz bestimmte Kraft des Loslassens“ liege darin. „Das machen wir jedes Jahr von Karfreitag bis Ostern, aber eben auch an der Taufe“, sagt Dittmar. Loslassen, Leid annehmen, Ohnmacht erleben und daraus wieder auftauchen. Ein zweites Element sei bei der Taufe die Besonderheit des Lebens zu feiern.
„Was uns bei der Umfrage besonders bedrückt hat: Eltern sagten, dass sie den Eindruck haben, dass in der Kirche nur komplette Normalfamilien willkommen sind. Also: Mama, Papa, Kinder“, beschreibt Dittmar. Alleinerziehende oder Patch-Work-Familien fühlten sich nicht erwünscht, „was wir nicht ausstrahlen möchten“. Auch besteht laut der Umfrage viel Beratungsbedarf beim Thema Taufe. Eltern würden diesen aber nicht bei der Kirche decken, sondern eher online, im Bekanntenkreis oder gar nicht.
„Wir müssen unser Angebot neu aufstellen“, bilanziert der Dekan. Dazu beitragen soll das neue Tauf- und Segensprojekt im Dekanat Bad Windsheim. Grundlage ist ein „Tauf-Büfett“, das Ideen enthält, mit denen über die Taufe informiert, sie bekannter gemacht und in Kontakt mit Menschen gekommen werden soll. Heidi Wolfsgruber, die auch in der Erwachsenenbildung tätig ist, steht als Ansprechpartnerin zur Verfügung.
Dafür ist sie mit einer Viertelstelle für die Jahre 2025/2026 beschäftigt. Die Landeskirche finanziert dies zum Großteil, das Dekanat Bad Windsheim trägt 20 Prozent. Die Kirchengemeinden sollen sich an den Ansätzen ausprobieren. Allen voran die Kirchenvorsteherinnen, die das Büfett bei einer Tagung im Wildbad Rothenburg im Januar erstmals präsentiert bekommen haben. Anschließend sollen die Erfahrungen geteilt werden. Wolfsgruber wiederum spiegelt diese in die Pfarrkonferenz.
Immer wieder wird sich in den zwei Jahren getroffen und ausgetauscht. Die Koordination liegt bei der „Segen.Servicestelle“. „Nach zwei Jahren wird geschaut, was sich überall getan hat“, sagt Dittmar.
Offensiv wollen die Geistlichen künftig über die Taufe reden und beratend zur Seite stehen – egal, ob sich der Einzelne dann dafür entscheidet oder nicht. Zum Büfett gehören auch Babysegnungsgottesdienste – quasi die Vorstufe zur Taufe ohne jede Verpflichtung. Durch sie wollen die Verantwortlichen ins Gespräch mit den Menschen kommen. Dafür müssen weder Eltern noch Kinder Mitglied der Kirche sein. Zudem sind die Segnungen kostenlos.
So manche Pfarrerinnen und und so mancher Pfarrer mussten sich daran erst gewöhnen, sahen das Angebot anfangs teils kritisch. Wer eine Segnung hat, könnte eine Taufe nicht mehr wollen, wurde als Sorge genannt. Aber: „Wir sehen uns nicht als Verkäufer von Langzeitverträgen. Wenn wir durch einen Segen in Kontakt treten können, dann machen wir das“, betont Dittmar. „Er wird auf seine Weise wirken. Und ja, das ist ein Experiment.“
Ob das Angebot ankommt? „Es ist ergebnisoffen“, sagt Wolfsgruber. „Das ist für uns der erste Aufschlag. Wir dürfen Erprobungsraum sein und lernen.“ Dass von außen auch Widerstand kommen könnte, schließt die Pfarrerin deshalb nicht aus.
Der erste Babysegnungsgottesdienst ist für Sonntag, 20. Juli, von 15 bis 17 Uhr in St. Kilian geplant. Bewusst habe man sich für einen Zeitraum ohne festen Beginn entschieden, um Flexibilität zu ermöglichen. Verschiedene Pfarrer werden vor Ort sein. So können auch mehrere Babys gleichzeitig gesegnet werden. Eine Anmeldung ist nicht nötig.
Ebenfalls Teil des Büfetts sind beispielsweise ein Taufflyer, der bei Hebammen und Ärzten verteilt werden soll. Auch ein extra Glockenläuten zur Geburt eines Kindes auf Dörfern gehört dazu. Zudem soll ein Taufstein durch verschiedene Kitas wandern und dort zum Einsatz kommen. Und auch ein Taufkoffer mit pädagogischem Material könnte in den Einrichtungen Einzug finden. „Wir arbeiten auch mit Familienstützpunkten zusammen und wollen auf verschiedenen Ebenen Gesprächsangebote schaffen“, erklärt die Pfarrerin weiter.
Übrigens: Im Dekanat Bad Windsheim überlegt man derzeit, die Pflicht, dass Paten Kirchenmitglied sein müssen, abzuschaffen, sagt Dittmar. Stattdessen sollen diese sich lediglich bereit zeigen, sich mit kirchlichen Themen zu beschäftigen.