Angst vor Verfolgung, vor Zerstörung, einer riskanten Reise und einem schwierigen Neuanfang. Das Buch „Rahil – Flucht in ein neues Leben“ erzählt von den traumatischen Erlebnissen einer syrischen Familie. Moneer Ballish und Hans Emmert erhoffen sich dadurch, mehr Verständnis und Toleranz bei Kindern und Jugendlichen.
Als Moneer Ballish, seine Frau und die vier Kinder an einem Freitag von dem Besuch bei der Großmutter zurückkamen, standen sie vor den Trümmern ihres Zuhauses. Ihr Haus in Damaskus ist explodiert. Eine Autobombe war Schuld. Es folgte eine kräftezehrende und riskante Flucht aus Syrien, bis die sechsköpfige Familie vor etwa neun Jahren im Landkreis Ansbach in Schillingsfürst ankam.
Gemeinsam mit dem Schillingsfürster Hans Emmert entschied sich Ballish dafür, seine Erfahrungen aufzuschreiben, um daraus ein Buch zu machen. Es basiert aber nicht nur auf persönlichen Erlebnissen. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive eines jungen Mädchens namens Rahil. Übersetzt aus dem Arabischen bedeutet das „Reisende“. „Rahils Geschichte ist zwar ein bisschen traurig, aber die Realität ist schmerzhafter“, sagte Ballish.
Am Anfang waren es Schreckensbilder. Da tropfte die Angst raus.
„Ich glaube, dass das Buch wirklich eine Lücke schließt“, sagte Landrat Dr. Jürgen Ludwig, der die Veröffentlichung unterstützte. Es soll schaffen, dass sich Schülerinnen und Schüler auf einer Augenhöhe begegnen, sagte er. Zudem könne es ihnen das Verständnis dafür vermitteln, was ihre Klassenkameraden erleben mussten. „Wir haben uns kennengelernt durch den Deutschkurs“, erzählte Emmert bei der Buchvorstellung im Landratsamt. „Am Anfang hatte ich keine Genehmigung für die Sprachschule“, sagte Ballish.
In Damaskus hat Ballish, der mittlerweile in Nürnberg lebt, als Innenarchitekt gearbeitet und die künstlerische Gestaltung einiger Gebäude übernommen. Relativ schnell hat Emmert die Begabung des heute 57-jährigen Syrers entdeckt, nachdem dieser ihm ein paar seiner Bilder zeigte. „Da habe ich sofort gedacht: der Mann ist Künstler.“ Emmert habe ihm empfohlen, seine Erlebnisse in seiner Kunst zu verarbeiten. „Am Anfang waren es Schreckensbilder. Da tropfte die Angst raus aus den Bildern. Das ist wirklich unter die Haut gegangen“, erzählte er.
Schnell folgten die ersten Ausstellungen: auf dem Weihnachtsmarkt in Schillingsfürst, im Schloss und im örtlichen Museum. Aus dem Titel „Syrien ohne Farben“ wurde mit den Jahren „Farben beginnen wieder zu leuchten“. Für Ballish bedeutet Farbe Leben. Dass es dem Syrer nach einer gewissen Zeit wieder besser ging, spiegelte sich in seinen Bildern wider. Mittlerweile hat der 57-Jährige an einigen Schulen in der Region Kunstprojekte zusammen mit Schülerinnen und Schülern gemacht, die Themen wie Toleranz und Krieg behandelten.
Für das Kinderbuch hat er mehrere Bilder gemalt, die darin abgedruckt sind. Sie zeigen die Protagonistin in verschiedensten Situationen und machen ihre Emotionen sichtbar. Neben einem arabischen Gedicht beinhaltet das Buch auch eine deutsch-arabische Vokabelliste und ein Plätzchenrezept, das in der Geschichte eine Rolle spielt.
Nach einer gefährlichen Bootsfahrt, tagelangen Märschen zu Fuß, Hunger und Krankheit sind Rahil und ihre Familie in der neuen Heimat angekommen. In Deutschland steht das junge Mädchen vor einer weiteren Hürde: dem ersten Schultag. In der Schule ist es am Anfang alles andere als leicht für sie.
Dass es vielen Flüchtlingskindern aktuell so geht, wissen Ballish und Emmert genau. „Ein Kind mit anderer Hautfarbe, anderer Religion, das ist genauso wertvoll“, betonte Emmert. Die beiden Männer wollen ihr Werk künftig in Schulen vorstellen und darüber mit den Schülerinnen und Schülern diskutieren. Das Buch gilt als „Mutmach-Geschichte“, so Emmert. Es soll zeigen, dass „es dann doch klappen kann“.
Nach dem Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad hofft Künstler Ballish, dass die Farbe bald nach Syrien zurückkehrt – wie in seine Bilder. Um sein Heimatland in den nächsten Jahren wieder sorglos besuchen zu können, versucht er, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung für Deutschland zu bekommen. Hierfür benötigt er einen unbefristeten Job. Eine schwierige Sache.
Sein syrisches Studium wird nicht anerkannt. „Deshalb habe ich keine Chance als Innenarchitekt zu arbeiten.“ Ballish hat die Ausbildung zum Betreuungshelfer absolviert, um in der Pflege arbeiten zu können. „Er wird überall hingehalten, aber bekommt keine Stelle“, so Emmert. „Was mir nicht in den Kopf geht: dass wenn jemand will, man nur vor verschlossenen Türen steht.“
Sein Wunsch: mit der Aufenthaltsgenehmigung eine Brücke zwischen Deutschland und Syrien zu bauen. Zwischen zerrissener Heimat und Familie.