Es war wie im Schlaraffenland, antwortet Eva Franz auf eine Schülerfrage, wie sie sich nach der Befreiung gefühlt hat. Die etwas überraschende Beschreibung erklärt sich aus dem, was die heute 83-Jährige als Kind unter den Nazis erlitten hatte: Wenn man im KZ dem Hungertod ins Auge sieht, ist ein Stück Brot in Freiheit das Paradies.
In der Scheinfelder Gymnasiumsaula verdeutlicht die Diplom-Sozialwirtin Birgit Mair den versammelten Klassen der Pflegeschule und des Berufsschulzentrums (BSZ): Aus der Familie Christ (so lautete der Mädchenname von Eva Franz) haben nur der Vater, eine Großmutter und eine Tante das Massenmörder-Regime überlebt – und das eine Kind, das fortan der Augenstern der Familie war.
Die große Schwester zum Beispiel verhungerte in Auschwitz, in einer Baracke mit einem einfachen Strohsack und einer stinkenden Decke als Bett. Dorthin hatte das damals rassistisch-rechtsradikale Deutschland die Sinti-Familie im März 1943 deportiert, wie Eva Franz teils unter Tränen erzählt.
Mair leitet das in Nürnberg ansässige Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung. Dieses betreibt ein Projekt „Die letzten Zeugen“, das die Erinnerungen der noch lebenden Naziopfer bewahren und verbreiten will. Eva Franz gehört zu dieser schrumpfenden Gruppe der Überlebenden und hat sich dank Mairs Hartnäckigkeit überzeugen lassen, als Zeitzeugin auch in Schulen zu gehen.
Seit einigen Jahren ist Eva Franz regelmäßiger Gast im BSZ. Zum einen, weil sie – wie sie bekennt – die dortige Lehrerschaft sympathisch findet. Zum anderen und hauptsächlich aber, damit die nächste Generation nicht nur mit dem Verstand, sondern auch mit dem Herzen erfährt, was Nationalsozialismus bedeutet – und dass, wie Franz formuliert, „diese Zeit nie mehr wieder kommen soll“. Letzteres liegt auch und gerade in der Verantwortung der heute jungen Leute.
Das sehen auch Mair, BSZ-Leiterin Bettina Scheckel und der an der Schule für das Projekt zuständige Lehrer Jürgen Fritz so. „Nur nachdenken bringt nichts, man muss es mitfühlen“, sagt Fritz. Und Scheckel warnte in ihren Begrüßungsworten die Schüler vor: „Es ist ergreifend, aber da müssen Sie jetzt durch.“ Es ist, so findet die Schulleiterin, „extrem wichtig“ die geschichtlichen Hintergründe zu kennen, zumal „momentan das Land nicht auf einem guten Weg“ ist.
Eva Franz greift ab und zu zum Taschentuch. Ihr immer wieder stockender Bericht nimmt die ohnehin gesundheitlich angeschlagene Seniorin sichtlich mit. Im Lebensrückblick vermischen sich offenbar frühkindlich traumatisch-prägende Eindrücke mit der später erfolgten Aufarbeitung in der Familie, wohl insbesondere mit dem Vater.
Als fünffache Mutter hat Eva Franz später als Erwachsene ihre Frau gestanden. Doch ein Misstrauen bleibt offenbar. Sie möchte nicht, dass ihr Gesicht in der Zeitung erscheint – aus Angst vor Angriffen.
Dass es hierzulande – noch oder wieder – gewalttätige Rechte gibt, zeigte Mair im Anschluss an Franz mit einem Referat über die Opfer des NSU auf. Die Sozialwirtin ging dabei insbesondere darauf ein, dass die Tätersuche der Polizei sich zwar auf vielerlei, aber eben nicht auf rechtsextreme Kreise konzentriert hatte. Auch merkte Mair so mancherlei Verbindungen gewalttätiger Rechter zur AfD an.