Westmittelfranken spielt plötzlich und ein wenig überraschend eine zentrale Rolle, wenn es um Elektrogroßgeräte in Deutschland und angrenzenden Ländern geht. Der chinesische Markenhersteller Haier Germany hat sich in Ansbach niedergelassen und baut gerade in Wörnitz noch einen zweiten Standort auf.
Eine Waschmaschine. Oben drauf noch eine. Und noch eine. Und noch eine. Und noch eine. Daneben ebenfalls. Fünf Waschmaschinen übereinander. Und dahinter auch. Hunderte Waschmaschinen stapeln sich im neuen Logistikzentrum von Haier Germany in Brodswinden, direkt an der Autobahnausfahrt Ansbach.
Rund 100.000 verschiedene Elektrogeräte vom Riesen-Kühlschrank bis zur Mikrowelle stehen in der gigantischen Lagerhalle mit fast 30.000 Quadratmetern Lagerfläche. Das Unternehmen P3 Logistics hat sie in den vergangenen Monaten hochgezogen. Der Schwerpunkt liegt auf der weißen Ware, also auf Waschmaschinen, Trocknern oder auch Küchenherden. Kleingeräte wie Toaster, Staubsauger oder Kaffeemaschinen machen etwa ein Viertel des Warenbestandes aus, erklärt Alexander Frombeck. Er ist Head of Supply Chain bei Haier, also der Chef der Wertschöpfungs- und Lieferketten.
Auch wenn der Name Haier manchem noch nichts sagt – viele Menschen haben schon lange Geräte des chinesischen Herstellers bei sich Zuhause. Oft, ohne es zu wissen. Denn Haier fertigt seit Jahren im Auftrag von vielen bekannten Marken. Und in einigen Segmenten ist das Unternehmen Marktführer. Nun will Haier unter eigenem Namen vor allem in Deutschland, aber auch in ganz Europa durchstarten – von Ansbach aus.
Haier ist von seinem neuen Distributionszentrum in Westmittelfranken begeistert. „Das ist genau auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten“, sagt Alexander Frombeck. Dabei war beim Bau noch gar nicht klar, wer Mieter werden würde.
Einer der Pluspunkte der Halle ist für Haier ihre Höhe: Mehrere Elektrogroßgeräte, die übereinander gestapelt werden, und dann muss noch Platz darüber sein, damit die Sprinkleranlage bei Bedarf richtig wirken kann. 16 Lkw-Stellplätze und 30 Laderampen, zum Teil sogar schallgedämmt für einen Betrieb in den Nachtstunden, sprachen ebenfalls für Ansbach. Und ein weiterer Aspekt war die Tatsache, dass P3 Logistics in Wörnitz eine weitere Halle baut, die sogar noch einmal um ein Drittel größer ist.
Während in Ansbach vor allem die Hauptmarke Haier ein Zuhause gefunden hat, sollen auf den rund 40.000 Quadratmetern in Wörnitz vor allem Hoover und Candy eingelagert werden, erklärt GBL-Chef Heinlein. „Das ist auch für uns ein Glücksfall.“ Was Haier und GBL in Ansbach geschafft haben, ist wirklich mehr als beeindruckend. In nur zwei Monaten war die riesige Logistikhalle zu fast 90 Prozent ausgelastet. Kaum läuft hier alles, ist auch Wörnitz schon kurz davor, ans Netz zu gehen.
Die beiden P3-Hallen sind nicht die einzigen ihrer Art. Überall entlang der A6-Ausfahrten schießen die riesigen Industriebauten seit Monaten aus dem Boden – und versiegeln viel Fläche, wie immer wieder kritisiert wird. Die Zahl der Arbeitsplätze bleibt hingegen überschaubar.
Hermes in Elpersdorf, das ehemalige Thermoselect-Areal in Brodswinden, Aurach und, und, und. Überall entlang der A6 stehen die überdimensionalen Betonbauten als Beleg des modernen Konsumverhaltens. Die Logistikbranche hat an dem Gebiet westlich von Nürnberg einen Narren gefressen.
„Es ist für Logistik eine starke Region“, sagt Reiner Heinlein, Geschäftsleiter bei der Firma Global Brands Logistics (GBL) aus Buchschwabach. GBL übernimmt für Haier den kompletten Vertrieb und die gesamte Lagerlogistik. Sogar den Webshop haben beide Unternehmen gemeinsam hochgezogen.
„Man kann von hier aus gut den gesamten DACH-Raum problemlos versorgen.“ DACH steht für Deutschland, Österreich und die Schweiz. Aber das Einzugsgebiet geht durchaus bis Polen und Frankreich.
Ein großer Vorteil ist die direkte Güterzugverbindung zwischen Hamburg und Nürnberg, macht Heinlein deutlich. So kommt die Ware, die Haier in China produziert und mit riesigen Containerschiffen nach Deutschland liefert, mit wenig Emissionen bis nach Ansbach. Von hier aus geht es dann in den Einzelhandel oder zu Küchenherstellern.
Die Entscheidung für GBL war aus Frombecks Sicht genau richtig. Denn der Mittelständler aus Mittelfranken hat allein in Deutschland 17 eigene Umschlagpunkte. Das macht den Vertrieb effizienter, weil die großen Lkw voll beladen auf die Reise durch die Republik und in angrenzende Bereiche gehen können. 150 Menschen arbeiten bei GBL, zehn Prozent davon aktuell in Brodswinden; in Wörnitz sollen es fast doppelt so viele werden.
Doch auch die Logistikbranche hat ihre Anforderungen hochgeschraubt. Die Elektrogroßgeräte werden zum Beispiel nicht mehr auf Paletten gepackt, um sie mit dem Stapler leicht aufnehmen zu können. Die Stapler haben Arme mit Platten dran. Mit denen greifen sie die Geräte und bringen sie von A nach B. Das ist schwerer, als es aussieht.
„Der Klammerdruck ist bei einem Kühlschrank anders als bei einer Waschmaschine“, erklärt Reiner Heinlein. Zu viel Druck kann Schaden verursachen, bei zu wenig Druck fällt das Gerät runter. Der Vorteil dieser Technik: Die Ware ist schon so verpackt, wie sie der Endkunde in Empfang nimmt. „Die Staplerfahrer müssen den ganzen Tag Tetris spielen – nur halt in echt“, sagt Fabian Vetter und lacht. Er ist bei GBL für Kontraktlogistik verantwortlich, also für die weiße Ware. Für den Standort Wörnitz ist er noch auf der Suche nach Mitarbeitern, die genau das können.
Trotz aller Begeisterung für den Standort Westmittelfranken: An einen Komplettumzug hierher ist nicht gedacht, stellt Haier-Manager Frombeck klar. Das deutsche Hauptquartier sitzt in München. Da bleibt es auch. Aber ohne Ansbach und Wörnitz kommt am Ende des Tages kein Haier-Gerät zu den Kunden.