Derzeit gastiert der Circus Barelli in der Stadt, doch nicht immer ist das mit bunter Unterhaltung, atemberaubender Artistik, Tierdressuren und spaßiger Clownerie verbunden. Mit einem Trauermarsch vom Festplatz am Schießwasen zum Friedhof gedachte die Zirkus-Familie der ehemaligen Direktorin Rolina Spindler-Barelli.
2014 war die langjährige Chefin überraschend mit nur 61 Jahren verstorben, auf dem Gottesacker an der Mönchsrother Straße fand „die weltbeste Circus-Direktorin” ihre letzte Ruhestätte. Hier liegen viele Schausteller, Artisten und Komödianten aus ganz Deutschland begraben. Insofern ist das Gastspiel in Dinkelsbühl „für unsere Familie weit mehr als nur eine weitere Tournee-Station”, hieß es schon im Vorfeld einigermaßen bedeutungsschwanger: „Es ist ein Ort voller Erinnerungen, voller Nähe – und voller Dankbarkeit.”
Beinahe die komplette Besetzung mit 60 Angestellten und zehn Mitgliedern aus dem engsten Familienkreis macht sich am Nachmittag auf den Weg. Auf einem Hänger hinter dem eigentlichen Reklamewagen spielt die Zirkus-Kapelle, nach und nach trudeln viele ehemalige Weggefährten, Freunde und Familienmitglieder aus ganz Deutschland ein. Selbst aus Spanien ist Verwandtschaft angereist, um noch einmal Abschied zu nehmen und Rolina Spindler-Barelli zu gedenken.
Auch ein paar Zaungäste haben sich eingefunden und warten auf den Gedenkzug, der sich langsam vom Schießwasen über die Altstadt zum Friedhof schlängelt. Warum sie hier sind? „Aus Neugier”, sagt ein Mann, schließlich seien derartige Beerdigungen oder Gedenkveranstaltungen schon etwas Besonderes. Immer wieder würden hier in der Mönchsrother Straße Schausteller zu Grabe getragen, das sei jedes Mal ein riesiger Auflauf. „Einmal war sogar Freddy Quinn da”, wird da aus dem Nähkästchen geplaudert.
Eine der Hymnen des nach dem Zweiten Weltkrieg sehr bekannten Schlagersängers wird auch heute immer wieder gespielt: La Paloma, eines der Lieblingslieder der verstorbenen Direktorin. Es mag, wenn man so will, mit seinem Motiv der weißen Taube, die eine letzte Liebesbotschaft eines auf See verschollenen Seemanns überbringt, auch so etwas sein wie die perfekte Symbolik. „Das ist ein Gang, den wir wohl nur einmal im Leben machen werden”, sagt Tochter Ramona Barelli, dann stockt ihre Stimme. Nicht wenige Menschen haben rote Augen, nicht jede Träne wird verdrückt. Der älteste Sohn Timmy, der die Geschäfte mit seinem Vater Harry führt, muss das Saxophon immer wieder absetzen, weil ihn auch beinahe elf Jahre nach dem Abschied von der Mutter die Gefühle übermannen.
Leicht ist das Leben nicht, das die Familie Barelli seitdem führt. Der frühe Tod der Direktorin war zweifellos ein Einschnitt – und im Rückblick so etwas wie der ungewollte Startschuss für einen Neuanfang. Mit aufkommenden ethischen Bedenken der Gesellschaft, dem Verbot von Wildtieren, rückläufigen Zuschauerzahlen, hohen Betriebskosten und der Corona-Krise musste sich das Familienunternehmen neu erfinden. „Drei Jahre lang haben wir mit viel Hingabe und Leidenschaft an einem grandiosen Programm gearbeitet”, erzählt Senior-Chef Harry Barelli vom gelungenen Comeback im Vorjahr.
An ihrem Traum von der großen, bunten Zirkuswelt halten sie fest und leben ihn mit großer Intensität, was die Zahl von rund 4500 Besucherinnen und Besuchern an den ersten vier Tagen des noch bis Sonntag gehenden Gastspiels in Dinkelsbühl bestätigt. Dabei ist es eine Mixtur aus bewährter Tradition und der Kunst des klassischen Zirkus, mit der die Familie auf Tour quer durch die Lande geht.
Doch das „Programm der Extraklasse”, das mit preisgekrönten Artistinnen und Artisten, dem spektakulären Todesrad und der letzten großen Hochseiltruppe „keine Wünsche offen lässt”, will auch bezahlt sein. Zirkus ist teuer, weshalb auf der Homepage des Familienbetriebs explizit auf die hohen Unterhaltskosten für den laufenden Betrieb hingewiesen wird. 70 Menschen sind Teil davon, in 56 Wagen werden das große Kuppelzelt, die Tiere und die Künstler von Ort zu Ort chauffiert. Da kommt neben Kosten für Platzmiete, Benzin und Gehälter der Angestellten pro Tag ein hoher vierstelliger Betrag zusammen. „Ohne Familie geht das nicht”, sagt Senior-Chef Harry.
Besonderes Augenmerk wird auf die artgerechte Haltung der eingesetzten Pferde und Kamele gelegt. Sie gelten als „Teil der Familie und werden mit viel Liebe und Respekt behandelt”. Ganz so, wie es auch die frühere Direktorin hielt. Ihre Araber waren ihr ganzer Stolz. Davon zeugt auch am Grab ein Bild, das Rolina Spindler-Barelli im eleganten weißen Hosenanzug charmant lächelnd vor ihren Pferden zeigt. „Du bist und bleibst ein Teil unseres Lebens”, steht darunter. Gut möglich, dass das auch die Zuschauer spüren.