Was ist eigentlich Glück? Ruhm und Reichtum, Karriere und ein dickes Auto? Oder Freundschaft und Familie, Freiheit von Zwängen und Zeit für gute Gespräche? Über Achtsamkeit, Selbstfürsorge und Minimalismus wird viel geredet, über die berühmte Work-Life-Balance. Darum geht's auch in „Hans im Glück”, im Weihnachtsmärchen von Kommando Grimm.
Zumindest aus der Perspektive der großen Zuschauerinnen und Zuschauer. Das junge Publikum im Kindergarten- und Grundschulalter staunt eher über die tanzenden Lichter, den Bühnennebel, die farbenfrohen Kostüme und die klar und konkret geformten Tierköpfe, die die Schauspielerin und die Schauspieler wie Hüte tragen. Über den ganzen Theaterzauber eben, den das freie Ensemble Kommando Grimm auch in diesem Jahr in der Advents- und Weihnachtszeit in die Ansbacher Kammerspiele bringt.
Nach dem Schlussapplaus bei der Premiere am Sonntag wird gefeiert und getanzt wie immer. Nein, nicht ganz wie immer, ein bisschen verhaltener. Denn „Hans im Glück” ist anders als frühere Stücke aus dem Märchenwald: ruhiger, sanfter, manchmal fast melancholisch und weniger schräg. Es gibt nicht so viel zu lachen, dafür mehr zum Nachdenken. Darüber, welchen materiellen Ballast wir selber mit uns herumschleppen, welchen vermeintlichen Schatz, der uns den Schlaf raubt.
Der Grimm'sche Schwank „Hans im Glück” erzählt keine spannende Geschichte, es gibt keine böse Hexe, keinen bösen Wolf, keinen dramatischen Höhepunkt. Niemand wird in den Ofen geschubst, niemand aufgefressen. Stattdessen spaziert ein junger Mann durch die Welt, der seine kostbaren Besitztümer gegen weniger Wertvolles eintauscht. Den Klumpen Gold, den er als Lohn von seinem großzügigen Lehrherrn erhalten hat, gibt er her für einen alten Ackergaul. Den Gaul für eine Kuh, die keine Milch gibt. Die Kuh für ein Ferkel. Das Ferkel für eine Gans. Die Gans für einen Schleifstein, der dann in einen Brunnen plumpst.
Was für ein Abstieg, alles zerronnen. Die meisten von uns würden fluchen über so viel Pech und verbittert sein. Nicht aber Hans. Er sieht immer das Gute. Was für ein Glück, dass er den unglaublich schweren Goldklumpen los ist! Was für ein Glück, dass er so wundervolle Tauschgeschäfte mit hilfsbereiten Menschen gemacht hat! Sein Glas ist immer randvoll, er ist ein Meister im positiven Denken, ist naiv oder erleuchtet oder beides.
Josa Butschkau gibt den Hans als stets fröhlichen Gesellen, stets lustig unterwegs und mit einem Lied auf den Lippen. Auch wenn ihn das Pferd abwirft und die Kuh tritt und es mit der Liebe anfangs nicht so super läuft. Am Ende schon, denn er und die Verkäuferin Amalia kommen sich ein wenig näher. Friederike Neutze spielt diese patente Verkäuferin, die zwar sehr geschäftstüchtig ist, jedoch ein gutes Herz hat und richtig wütend wird, weil ihr Vater sich nur noch um das blöde Gold kümmert, aber nicht mehr um sie. Neutze ist auch die derbe Bäuerin und das Tanzschwein im rosa Röckchen (Kostüme: Beatrix Cameron).
Am durchtriebenen Verkäufer Fidelius, Amalias Papa, lässt Thorsten Siebenhaar den Pantalone der italienischen Commedia dell'arte aufblitzen: den alten Geizkragen, der seinen Goldklumpen hätschelt wie ein Baby. Als singende Kuh, die nicht Lieselotte heißen möchte, sondern Chantal oder „Schakeline”, hat Siebenhaar die Lacher auf seiner Seite. Vor allem, wenn er kokett das Euter-Täschchen schwingt. Oder wenn er als schmieriger Bräutigam den vom Publikum herbeigesehnten Legger-und-feddich-Spruch raunt, das arme Schwein im Schlepptau.
Peter Huber trottet derweil im braun-beigen Rautenpulli als altes Pferd über die Bühne, früher stark und fleißig, jetzt nur noch auf der Suche nach Ruhe. Fürs Hufgetrappel und andere Geräusche wie Goldgeklimper, Gänseschnattern und Windböen sorgen live die Musikerin Ulrike Koch und ihre Kollegen Thomas Koch und Matthias Zippel. Natürlich auch für die stimmungsvolle bis schmissige Musik, die das Ehepaar Koch komponiert hat.
Der Text der Bühnenfassung stammt von Heiner Bomhard, für die Inszenierung zeichnet Katja Schumann verantwortlich. Auf Klamauk und Gags setzen weder der Autor noch die Regisseurin: eher auf einen leisen, weisen Humor. Und zum guten Schluss muss keiner mehr rennen, rennen und rennen, ohne wirklich voranzukommen. Das passt zur Vorweihnachtszeit, in der wir vor lauter Stress und auf der Suche nach Geschenken manchmal das Wesentliche vergessen.