„Ich war nie ein Lautsprecher“: Ex-Profi Kirschbaum blickt zurück | FLZ.de

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Veröffentlicht am 31.12.2024 12:00

„Ich war nie ein Lautsprecher“: Ex-Profi Kirschbaum blickt zurück

Kann es auch im Feld: Thorsten Kirschbaum (rechts) beim Hallenturnier in Obernzenn (links Emil Döhler vom FC Oberndorf). (Foto: Markus Zahn)
Kann es auch im Feld: Thorsten Kirschbaum (rechts) beim Hallenturnier in Obernzenn (links Emil Döhler vom FC Oberndorf). (Foto: Markus Zahn)
Kann es auch im Feld: Thorsten Kirschbaum (rechts) beim Hallenturnier in Obernzenn (links Emil Döhler vom FC Oberndorf). (Foto: Markus Zahn)

Gegenpressing oder Salatdressing? Thorsten Kirschbaum musste sich in Interviews schon manche seltsame Frage anhören. Die Zubereitung einer Vinaigrette ist hier kein Thema. Es soll Bilanz gezogen werden einer 17 Jahre währenden Profikarriere. Dabei wird es zwischendurch am Telefon sogar laut. Aber nur, weil Kirschbaum seinem Hund hinterherpfeifen muss.

Herr Kirschbaum, sammelt man als Profi eigentlich seine eigenen Autogrammkarten? Oder Trikots, Handschuhe?

So mit eineinhalb Jahren Abstand bekommt der Blick zurück tatsächlich langsam was Nostalgisches. Es gibt natürlich das eine oder andere schöne Andenken, die getauschten Trikots etwa. Aber wichtiger als materielle Dinge sind ja die Verbindungen zu den Menschen, die man in all den Jahren aufgebaut hat und mit denen man sich über gemeinsame Erlebnisse austauschen kann.

Ihre Karriere begann einst beim TSV Obernzenn. Jugendtrainer Rudi Müller brauchte damals einen Torwart und nahm einfach den Größten, der sich in der Mannschaft fand. Das waren Sie. So wird erzählt. Sie wollten aber gar nicht ins Tor, sondern lieber im Feld weiter Tore schießen.

Es war damals so, dass ich in der D7-Jugend im Feld gespielt habe und auch nie ins Tor wollte. Jetzt brauchte aber die D11 einen Torwart und da sind sie auf mich gekommen. Es war dann so, dass ich in meinem Jahrgang im Feld gespielt habe und bei den Älteren im Tor. Genau genommen hätte ich meine ganze Karriere lang lieber im Feld gespielt.


Ich war schon früh ein moderner Torwart.


Zu Ihrem Pech kamen ein paar Verträge bei Profivereinen als Torhüter dazwischen.

Dass ich auch mit dem Ball am Fuß was anfangen kann kam mir immer entgegen. In der Phase, in der ich Profi wurde, wurde der mitspielende Torhüter populär. Ich war also schon früh ein moderner Torwart. Wenn ich heute sehe, wie die Jungs beidfüßig die Bälle hinten raus spielen, mein lieber Mann, da hat sich noch einiges in diese Richtung entwickelt.

Wie ist denn aus dem eher unwilligen D-Junioren-Torwart ein Nachwuchs-Nationalkeeper geworden?

Spezielles Training hatte ich zunächst in der Fußballschule von Werner Rank und dann gab es ein Probetraining beim 1. FC Nürnberg, von dem mein Vater in der Zeitung gelesen hatte. Da war ich 13. Wir sind hin, die haben mich genommen und dann bin ich aus der Nummer ganz lange nicht mehr rausgekommen.

Was für ein Glück also, dass Sie jetzt wieder Tore schießen dürfen, in der A-Klasse für die SG Obernzenn/Unteraltenbernheim.

Ich habe tatsächlich schon ein paar Tore gemacht. Wenn es sich ergibt, spiele ich da gerne mit.

Und haben im Auswärtsspiel bei der SG Colmberg/Oberdachstetten heuer einen Elfmeter verschossen. Der gegnerische Torhüter war bestimmt mächtig stolz auf dieses Erfolgserlebnis gegen einen Ex-Profi.

Dafür hatte ich ja schon das 1:0 gemacht. Man muss sagen, er hat ihn tatsächlich gut gehalten.


Manchmal ist der Fußball in der A-Klasse nicht anders als in der Bundesliga.


Wie wären Sie also Profi mit so einem Patzer umgegangen?

In meiner Profilaufbahn habe ich tatsächlich keinen Elfmeter geschossen, aber in der A-Jugend-Bundesliga regelmäßig die Strafstöße bei der TSG Hoffenheim. Vier habe ich verwandelt und einen verschossen. Zur Strafe musste ich 90 Meter zurück in mein Tor sprinten, denn der Ball war ja im Spiel.

Die Frage bezog sich auf den Unterschied zwischen Bundesliga und A-Klasse.

In einem Bundesligaspiel wären die Folgen ja ganz andere, da hätte mich das viel mehr mitgenommen. Am Anfang dachte ich, da spielst Du in Obernzenn ganz locker mit, hast ein bisschen Spaß mit den Freunden. Aber wenn es hitzig wird, dann willst Du das Spiel mit deiner Mannschaft einfach unbedingt gewinnen. Da ist der Fußball in der A-Klasse nicht anders als in der Bundesliga.

Apropos Elfmeter: Beim Torwandschießen in einem Elektronikmarkt in Stuttgart vor Jahren haben Sie sich mit neuen Gerätschaften versorgt.

Das war eine Aktion zur Weltmeisterschaft, ich war gerade mal wieder umgezogen und brauchte neue Geräte. Es lief so, dass man die Sachen kaufte und dann an der Torwand mit einem Schuss die Chance bekam, den Kaufpreis erstattet zu bekommen. Als das mit der Waschmaschine geklappt hatte, meinte meine Frau, dass wir uns für das gesparte Geld gleich noch einen neuen Trockner holen. Auch den habe ich dann umsonst bekommen. Danach hat der Angestellte seinen Chef geholt und der meinte, ich dürfe nicht weitermachen. Zwei Wochen später hat mein Vater einen neuen Fernseher gebraucht und wir sind diesmal zum Markt nach Ansbach gefahren. Aber da ging der Schuss daneben.


Fehlentscheidung kostete das Pokalfinale.


In Obernzenn spendierten Sie Bier zum Einstand. Gab es in den Profivereinen auch Rituale für die Neulinge?

Also in der Hinsicht bin ich froh, nicht bei St. Pauli gelandet zu sein. Angeblich muss man dort zum Einstand einen Abend lang in einer Bar auf der Reeperbahn kellnern. Ich habe gelegentlich gesungen, meist Lemon Tree von Fools Garden. Das wurde meist im Hotel oder im Trainingslager erledigt. Aber ich glaube, der Trend, der wohl aus England rübergeschwappt ist, ist am Abklingen.

Als Wegmarken der Karriere gelten ja allgemein die ersten Male. Das erste Zweitligaspiel war im Dezember 2007 mit der TSG Hoffenheim bei der SpVgg Greuther Fürth, 0:4, der kicker gab Ihnen die Note 4,0…

... (lacht) da wurde meine Leistung wie häufig völlig falsch bewertet…

… der erste Bundesligaeinsatz war im September 2013 für den VfB Stuttgart bei Eintracht Braunschweig, der VfB gewann 4:0. Und dann gab es noch das erste internationale Spiel mit Bayer Leverkusen im Dezember 2018 in der Europa League bei AEK Larnaka, Bayer gewann 5:1.

Für mich gehören zur Liste der wichtigen Spiele auch noch die Jugend-Länderspiele dazu, besonders das mit der U21 gegen Schottland im Februar 2007, in dem ich für Manuel Neuer eingewechselt wurde. Ein anderes Spiel, das mir ewig in Erinnerung bleiben wird, war das Pokalhalbfinale mit Energie Cottbus 2011 gegen Duisburg. Hätte es damals schon einen Videoschiedsrichter gegeben, hätte ich wohl ein Pokalfinale gespielt. Der Kopfball zum 2:2-Ausgleich kurz vor Schluss war einen Meter hinter der Linie, aber das Tor wurde nicht gegeben. Die Verlängerung hätten wir gegen einen Gegner, der in Unterzahl war und nur noch Verteidiger auf dem Platz hatte, mit hoher Wahrscheinlichkeit gewonnen.


Beim Club war es schön, aber auch schwierig.


Der größte Erfolg war 2018 der Aufstieg mit dem 1. FC Nürnberg in die erste Liga?

Definitiv ein großer Erfolg und ein schöner Abschluss meiner Zeit beim Herzensverein, die schön, aber auch schwierig war.

Sie sollen aus der Zeitung erfahren haben, dass der Vertrag nicht verlängert wird.

Genau genommen war es ein Reporter, der mir das mitteilte. Ich habe ihm zunächst gar nicht geglaubt.

In all den Jahren haben Sie diverse Trainer erlebt. Darunter waren Hansi Flick, später Bundestrainer und aktuell beim FC Barcelona, und Uwe Wolf, derzeit beim Bayernligaaufsteiger TSV Grünwald.

Tatsächlich ist aus Wolf ein sehr guter Freund geworden, der auch auf meiner Hochzeit war. Unter ihm bin ich in Hoffenheim Jugend-Nationalspieler geworden. Er ist ein Vollblutfußballer, der nach außen oft etwas harsch wirkt, ein Trainer der alten Schule. Mein Eindruck ist, dass es manchen von den jungen Spielern heute gut tun würde, einen Trainer von diesem Schlag kennenzulernen. Pele Wollitz, unter dem ich in Cottbus Fuß gefasst habe im Profifußball, hatte ebenfalls großen Einfluss, wichtig waren auch die Torwarttrainer Michael Fuchs und Ronny Zeiß.


Der VfB wollte mich nicht gehen lassen.


Welche Entscheidung im Verlauf der Karriere hätten Sie aus heutiger Sicht lieber anders getroffen?

Ja, diese Frage stellt man sich schon. Vielleicht hätte ich damals das Angebot von RB Leipzig annehmen sollen, aber der VfB wollte mich nicht gehen lassen. Möglicherweise hätte ich mich da mehr auf die Hinterfüße stellen sollen.

Die Stuttgarter Nachrichten schrieben mal über Sie: Fängt viel und fordert nichts.

Ich war nie ein Lautsprecher, der in einer schwierigen Phase negative Dinge reinbringt, auch nicht wenn ich mich ungerecht behandelt fühlte. Ich habe mich immer als Teamplayer gesehen, der sein Ego zurückstellt. Und wenn ich sehe, wie ich heute wahrgenommen werde bei alten Vereinen und ehemaligen Kollegen, dann bin ich davon überzeugt, dass einen diese Art im Leben weiterbringt.

Beim VfB Stuttgart waren Sie mal einige Wochen lang Stammspieler in der ersten Liga, mussten dann wieder auf die Bank.

Trainer Armin Veh hat mich reingestellt, dann habe ich mich im Abschlusstraining verletzt und dann kam Huub Stevens als Trainer, der holte Sven Ulreich zurück ins Tor. Ich war angefressen und bin dann zum FCN gewechselt. Auch so ein Abzweig. Vielleicht hätte ich da geduldiger sein müssen.

Wer ihre Karriere so anschaut könnte zu dem Schluss kommen, dass das Jahr bei Bayer Leverkusen vor allem der Altersvorsorge diente. Gespielt haben Sie ja kaum.

(Lacht). Im Nachhinein habe ich mich geärgert, dass ich nur für ein Jahr unterschrieben habe. Ich kenne keinen anderen Verein, in dem einerseits so brutal professionell gearbeitet wird und der andererseits so familiär und hilfsbereit gegenüber seinen Angestellten ist. Das sportliche Niveau mit Kai Havertz, Julian Brandt, Jonathan Tah und vielen anderen klasse Spielern war sehr hoch dort.


20 Prozent vom Gehalt gehen in den Niederlanden weg.


Es gibt Untersuchungen, nach denen gar nicht so wenigen Fußballern nur wenige Jahre nach dem Ende auch einer sehr, sehr gut bezahlten Karriere das Geld ausgeht. Kennen Sie solche Fälle?

Nein, aber die Verlockungen durch das hohe Einkommen im jungen Alter sind groß. Auch auf mich kamen Leute zu, die davon profitieren wollten, da muss man schon aufpassen. Ich denke, ich habe das für mich ganz clever gelöst. Interessant ist, dass in den Niederlanden aus genau diesem Grund 20 Prozent vom Bruttogehalt gleich einbehalten werden. Man kann dieses Geld nach der Karriere für eine gewisse Zeitspanne als eine Art Rente abrufen. Dieses Modell könnte ich mir auch gut für die Bundesliga vorstellen.

Man weiß von Ihnen, dass Sie neben dem Fußball studiert haben und Obernzenner Kindern regelmäßig ein Zeltlager spendieren. Aber wie wird man Fan ausgerechnet der Houston Rockets, einem Basketballverein in der nordamerikanischen Profiliga?

Basketball ist wirklich voll mein Ding, ich habe in den letzten Jahren wohl mehr Basketballspiele als Fußballspiele geschaut und es gibt nur wenige Spiele der Rockets, die ich nicht in voller Länge gesehen habe. Meistens morgens zum Kaffee, im Re-Live, nur bei den Pausen spule ich vor. Das dauert dann so eineinhalb Stunden. Ich bin ein Riesenfan von James Harden. Dazu gibt es eine Anekdote: Beim Stopp auf dem Rückweg von den Flitterwochen auf Hawaii in New York habe ich mir ein Trikot von ihm gekauft, der damals für Oklahoma spielte. Und als ich daheim aus dem Flieger ausgestiegen bin, war er plötzlich bei Houston unter Vertrag. Harden spielt mittlerweile woanders, den Rockets bin ich treu geblieben und habe auch schon einige Spiele dort gesehen.

Welche Rolle spielt der Fußball künftig in Ihrem Leben?

Im neuen Jahr wahrscheinlich wieder eine größere. Ich habe die B-Lizenz erworben und kann mir sehr gut vorstellen, ins Trainergeschäft einzusteigen.

Zur Person

Thorsten Kirschbaum (37) stammt aus Obernzenn und lebt mittlerweile mit Frau und Tochter in Regensburg, wo er als Bid Manager (Gebotsverwaltung) in der IT-Branche arbeitet. Als Jugendlicher wechselte der 1,94 Meter große Torhüter vom Heimatverein TSV Obernzenn zum 1. FC Nürnberg, wurde Nachwuchs-Nationalspieler und spielte als Profi für Bayer 04 Leverkusen, VfB Stuttgart, TSG Hoffenheim, Energie Cottbus, 1. FC Nürnberg, SSV Jahn Regensburg, FC Vaduz und VVV Venlo. Dabei absolvierte er 144 Spiele in der zweiten Bundesliga und rund 80 in den ersten Ligen der verschiedenen Länder. Mittlerweile spielt Kirschbaum gelegentlich für seinen Heimatverein im Feld und strebt eine Trainerkarriere an.


Alexander Keck
Alexander Keck
Der noch in Vor-Internetzeiten der FLZ zugelaufene Schwarzwälder hat im Verlauf von fast drei Jahrzehnten die fränkischen Merkwürdigkeiten, die in Ohrmuscheln (Allmächd!) und auf Esstellern (Saure Zipfel!) landen schätzen gelernt. Nur die im Vergleich zu Spätzle stets zu breiigen Knödel mag der Schwabe nicht. Das Schreiben über Sport dagegen immer noch sehr - gerne auch abseits des Mainstreams.
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