Tino Laux und Tim Willer setzen bei der Waldarbeit zuweilen auf echte Pferdestärken. Mit Rückepferd Elli werden Baumstämme umweltfreundlich aus dem Wald transportiert. Beide Männer wollen Waldbesitzerinnen und -besitzer für diese traditionelle Art der Holzernte begeistern. Die FLZ hat sie beim Arbeitseinsatz begleitet.
Elli ist Österreicherin, sieben Jahre alt und noch mitten in der Ausbildung. Als Noriker gehört die braune Stute einer Kaltblutrasse an, die sich durch Kraft, Ausdauer und Trittsicherheit auszeichnet – perfekte Voraussetzungen für eine Karriere als Rückepferd. Geduldig wartet sie in ihrem Anhänger, bis es losgeht an diesem warmen Frühlingstag.
„Ich habe zwei Pferde, mit denen ich aktiv im Wald unterwegs bin”, erzählt ihr Besitzer Tino Laux (30) aus dem Wolframs-Eschenbacher Ortsteil Selgenstadt. Neben Elli gibt es da noch Torres, der schon mehr Erfahrung hat. Laux trainiert seine Pferde selbst. Zum Holzrücken kam er über die Interessengemeinschaft Zugpferde, die sich die Erhaltung des Arbeitspferds in der Land- und Forstwirtschaft auf die Fahnen geschrieben hat. „Mich fasziniert Holz schon immer”, sagt der gelernte Schreiner. Seine Dienste bietet er nebenberuflich an – und arbeitet dabei auch mit seinem Chef Tim Willer (35) von der gleichnamigen Forst- und Transportfirma aus dem Lichtenauer Ortsteil Rückersdorf zusammen.
Diesmal sind sie in einem Mischwald beim Sachsener Ortsteil Milmersdorf im Einsatz. Das Waldstück gehört dem Lichtenauer Günter Kroner. Mit seiner Frau ist er extra zum Zuschauen gekommen. Beide interessiert, wie das Holzrücken auf traditionelle Weise funktioniert. Früher habe er das Holz selbst aus dem Wald geholt, erzählt Günter Kroner. Aber die Arbeit ist kräftezehrend. Auf der Suche nach Hilfe kam er mit Tim Willer in Kontakt. Als dieser ihm vorgeschlagen habe, die Stämme mit dem Rückepferd aus dem Forst zu ziehen, sei er gleich „Feuer und Flamme” gewesen.
Ebenso wie in der Landwirtschaft war es früher gang und gäbe, die Waldarbeit mit Hilfe von Pferden zu verrichten. Später wurden die Tiere durch Maschinen ersetzt, mit denen effizienter gearbeitet werden konnte. Auch Holzvollernter, Harvester genannt, kamen zum Einsatz. Die schweren Maschinen verdichten jedoch den Waldboden.
Das Rücken mit Pferd sei die schonendste Methode, versichern Laux und Willer. Außerdem fördere sie den Aufwuchs junger Bäume. „Indem ich die Stämme über den Boden ziehe, ziehe ich die oberste Humusschicht auf”, erklärt Tino Laux. Auch die Pferdehufe wühlen die Erde auf. „So gelangen die Samen leichter in den Mutterboden.”
Tino Laux führt Elli aus dem Anhänger. Bevor sie das Geschirr übergestreift bekommt, wird die Stute gründlich geputzt. Seelenruhig steht sie da, entlastet ein Bein und genießt die Massage mit dem Striegel. „Genau das ist es, was wir im Holz brauchen: Ruhe, Entspanntheit, Gelassenheit”, freut sich ihr Besitzer. Dann befestigt er Trense, Brustgeschirr und Überwurf sowie das Ortscheit, einen beweglichen Balken aus Holz, an dem die Rückekette hängt. Zum Abschluss krault er Elli die Ohren. So lässt es sich tiefenentspannt in den Arbeitstag starten.
Ein nervöses Pferd, das herumtänzelt oder gar durchgeht, ist bei der Waldarbeit fehl am Platz. „Wenn ich im Wald stolpere und hinfalle, darf sie nicht erschrecken”, bemerkt Laux. Ein Pferd, das durchgeht, bringt sich und andere in Gefahr, besonders wenn es einen Baumstamm hinter sich herzieht. Deshalb erteilt Laux seine Kommandos mit ruhiger Stimme. „Ich schreie das Pferd nie an. Nur wenn es einen groben Fehler macht, wird meine Stimme lauter.”
Elli ist abmarschbereit. Als Laux sie den Feldweg zum Waldrand hochführt, geht sie motiviert vor ihm her. Im Alter von drei bis vier Jahren beginnt für ein künftiges Rückepferd die Ausbildung. Aktiv im Wald ist es erst mit etwa sechs Jahren. Beim Training wird das Kaltblut zunächst an den Druck auf der Brust gewöhnt, der beim Ziehen eines schweren Gegenstands entsteht. Es lernt, vor dem Widerstand nicht zurückzuschrecken, sondern weiterzulaufen. Von heute auf morgen geht das nicht, das Training braucht viel Geduld – auch Rückschläge gibt es immer wieder, berichtet Laux. „Die einen lernen schneller, die anderen brauchen länger.”
Im Wald angekommen, beginnt die Arbeit. Tino Laux legt die Rückekette um den ersten Baumstamm, Elli läuft los und legt gleich ein ordentliches Tempo vor – Zuschauende sollten lieber die Bahn freimachen. Scheinbar mühelos zieht das Pferd die schweren Stämme zwischen den Bäumen durch. Etwa zehn Kubikmeter gilt es, an diesem Nachmittag aus dem Wald zu holen.
Forstwirt Tim Willer hat die Bäume bereits vor einigen Wochen gefällt. In der Umgebung stoße das traditionelle Verfahren noch auf wenig Akzeptanz, bedauert er. Früher hat er selbst nur mit Seilwinde und Schlepper gearbeitet. Aber in ein Waldstück mit sehr dicht stehenden Bäumen kommt er mit dem Traktor nicht hinein und das Seil hat nur eine begrenzte Länge. Während der Schlepper bei zu weichem Boden einsinkt, stellt das für ein Pferd kein Hindernis dar. Außerdem ist es flexibel. Steht ein junger Baum im Weg, führt Tino seine Elli einfach um ihn herum, damit so wenig wie möglich beschädigt wird. Eine Seilwinde müsste erst umgesetzt werden.
Über das Waldgebiet fliegt ein Hubschrauber. Was wird jetzt wohl passieren? Die Blicke der Zuschauenden wandern zwischen Himmel und Elli hin und her. Doch: Alles geht gut – die Stute zuckt nicht einmal. Auch nicht, als Tim Willer die Motorsäge anwirft und einen langen Stamm durchsägt. An Lärm musste Elli aber erst gewöhnt werden. So auch an das Geräusch, das entsteht, wenn ein Stamm über den Schotter schleift. „Man darf nie vergessen: Ein Pferd ist ein Fluchttier”, erinnert Laux. Bei einem Geräusch, das von hinten kommt, sagt ihm sein Instinkt: Ab durch die Mitte. „Wir müssen es deshalb so trainieren, dass es weiß, es muss keine Angst haben.”
Trotz der noch milden Märzsonne wird es Zwei- und Vierbeinern nach einer Weile ganz schön warm. „Ich glaube, wir schwitzen gleich viel”, meint Laux und lacht. Die ideale Jahreszeit fürs Holzrücken ist der Winter, deshalb ist er hauptsächlich zwischen Oktober und März unterwegs. „Am schönsten ist es, wenn der Boden komplett gefroren ist, weil der Reibungswiderstand dann weniger ist.” Im Sommer ist es dagegen oft zu heiß für die schwere körperliche Arbeit und die Fliegen nehmen überhand. „Da macht es dem Menschen keinen Spaß mehr und dem Pferd genauso wenig.”
Die Arbeit ist aber nicht nur körperlich, sondern auch mental anstrengend für das Pferd. Schließlich muss es sich konzentrieren und immerzu auf den Weg achten. Tino Laux gönnt sich und seiner Elli daher bisweilen eine Verschnaufpause. Die Stute nutzt die Gelegenheit für einen Snack und knuspert an ein paar Ästchen herum. Auch das braune Laub mundet offenbar. „In der Steppe hat man auch nichts anderes”, kommentiert Laux und grinst.
Am Waldrand wartet Tim Willer in seinem Schlepper. Von oben steuert er konzentriert den Greifer und wuchtet die Baumstämme auf den Rückewagen. Bis alle gefällten Bäume aus dem Wald geholt sind, sollte es vier bis sechs Stunden dauern. Danach wird Willer die Stämme zum Anwesen des Ehepaars Kroner bringen, wo sie als Brennholz im Kachelofen enden. Derweil geht es für Tino Laux und seine Stute mit dem Anhänger in Richtung Stall. Dort bekommt Elli dann ihren wohlverdienten Rückelohn: ganz viel feines Heu.