„Ich bin einfach gespannt, was auf mich zukommt“, sagt Stefan Jordan auf der Zugfahrt nach Sonneberg. Sonneberg? Da war doch was? Richtig – der erste deutsche Landkreis mit einem Landrat von der AfD. Grüne Kommunalpolitiker aus Neustadt, Scheinfeld und Uffenheim, Gallmersgarten und Sugenheim reisten genau dorthin.
Stefan Jordan ist Vorstandsmitglied der Grünen im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim und hat den Kontakt zu Heidi Büttner (ehemals grüne Kreisrätin) in Sonneberg hergestellt. Was auf Jordan und vier seiner Kreisvorstandskollegen zukommt, ist schwer absehbar.
Die Neustädter Grünen wollen im Thüringer Landtagswahlkampf ihre Parteifreunde unterstützen – im bislang einzigen Landkreis mit AfD-Landrat. Aus Grünen-Sicht bitter notwendig – laut aktuellen Umfragen dümpelt die Partei dort bei 2,8 Prozent. Zum Vergleich: Für die AfD werden über 29 Prozent prognostiziert.
Christian Köhler aus Sugenheim, ebenfalls im Grünen-Vorstand des Landkreises Neustadt/Aisch-Bad Windsheim, erzählt, dass es auf der Bundesdelegiertenkonferenz einen Unterstützungs-Aufruf seitens der ostdeutschen Kollegen gegeben habe. Diesen Impuls habe er weitergegeben, und die fünfköpfige Reisegruppe mit journalistischer Begleitung hat sich formiert.
In Sonneberg angekommen wird die West-Delegation von Kristin Blume und Petra Schreiber empfangen. Die AfD-Aussteigerin Daniela Mahler ist auf der letzten Bahn-Etappe dazugekommen. Man hatte sich am Bahnhof verabredet. Gemeinsam gehen sie zum Kreisbüro in der Bettelhecker Straße: Kaffee, Tee, Kuchen und erstes Beschnuppern. Heidi Büttner ist da. Sie war viele Jahre für die Grünen in Sonneberg im Kreistag und ist seit 1990, also seit der Wende, Parteimitglied.
Büttner wohnt im benachbarten Schalkau und ist in den kommenden Tagen Gastgeberin für Martin Weidt aus Uffenheim, einen der beiden Grünen-Sprecher des Kreisverbands, mitsamt Familie. Abenteuerurlaub für Weidts kleine Mädchen, Ehrenamtsarbeit für den Papa. Im büttnerschen Hof gibt es Kaninchen, eine kleine Voliere mit Zwergpapageien, eine junge Katze und viele, viele Bühnenstrahler, die Büttners Lebensgefährte für seinen Nebenjob als Bühnentechniker benötigt. Außerdem im Garten: das Pavillon-Zelt zum Übernachten.
Die Neustädter Kreisgrünen sind am Abend mit dabei, als Hendrik Cremer vom Deutschen Institut für Menschenrechte im katholischen Gemeindesaal in Sonneberg sein Buch „Je länger wir schweigen, desto mehr Mut werden wir brauchen“ zur Diskussion stellt. Der Saal ist gut gefüllt. Über 80 Interessierte sind gekommen. Gemeindereferent Christian Beck moderiert.
Daniela Mahler, der zuvor einige Nervosität anzumerken war, sitzt in der ersten Reihe. Gegen Ende der Veranstaltung hat sie ihren ersten öffentlichen Auftritt als AfD-Aussteigerin. Die nun fraktionslose Schweinfurter Stadträtin spricht von der „Sekte, in der ich war“, von den Methoden der Partei, spricht davon, wie sie sich selbst acht Jahre lang habe täuschen lassen, spricht über die Radikalisierung der AfD.
Am anderen Tag: Häuserwahlkampf. Martin Weidt begleitet Karl-Heinz Stammberger in Hönbach, einem Sonneberger Ortsteil. Ein Neubaugebiet, wie es viele gibt in Deutschland. In einem Gartenteich schwimmen Koi-Karpfen, sicherlich kein sozialer Brennpunkt. Weidt klingelt. Manchmal ist niemand zu Hause – vielleicht auf Wocheneinkauf.
Wo eine Tür aufgeht, sagt Weidt, dass er von den Grünen kommt, dass er für soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz eintritt. Niemand knallt ihm die Tür vor der Nase zu. Weidts „Haben-Sie-Fragen-an-uns?“ wird regelmäßig ergänzt von Stammbergers „oder-Kritik?“. Eine Frau, die mit ihrem Mann die Hecke schneidet, sagt: „Ich habe euch früher gewählt. Aber ihr macht ja nichts mehr für den Tierschutz.“
Nur einmal halten sich die beiden Wahlkämpfer länger auf. Ein Mann in den Siebzigern sitzt auf dem Balkon und erzählt seine Geschichte. Wie er in den 1950er Jahren von seiner Mutter aus Sonneberg in den Ruhrpott „verschleppt“ wurde. Wie er jetzt im Alter zurückgekehrt ist. Wie er die politische Lage 14 Tage vor der Landtagswahl sieht. Er hat viel zu erzählen, ein freundlicher Mann.
Es geht in den Ortskern. Dort hat Stammberger seine eigene Geschichte. In Haus Nummer 13 hat seine Oma gewohnt. Der Enkel wuchs allerdings im Westen auf. Dann – in all der Idylle zwischen Neubau-Wohlstand und gepflegten Gärten mit Teich, freilebenden Hausgänsen und Hühnern – tauchen zwei junge Männer in schwarzen T-Shirts auf. „Hier ist noch Deutschland“ ist auf einem Shirt hinten aufgedruckt; zwei schlagringbewehrte Fäuste zeigen auf die 88 (zwei Achter auf Billardkugeln), eine szenebekannte Chiffre für „Heil Hitler“.
Am Nachmittag Wechsel in die Sonneberger Innenstadt. Unterwegs mit Kristin Blume und Stefan Klinger von Thüringer Seite sowie den „Wessis“ Benita Esch und dem Jüngsten in der Neustädter Delegation, Felix Gerstner. Die Schulstraße rauf, die Breite Straße wieder runter.
An einem mit den für die Region typischen dunklen Schieferplatten gekachelten Haus öffnet sich ein Fenster. Eine Seniorin schaut misstrauisch. „Wir kommen von den Grünen“, ruft Benita Esch hinauf. „Wegen der Wahlen am 1. September.“ Sie wolle daran erinnern, wählen zu gehen, demokratisch, sagt sie noch.
Die Antwort von oben: Sie werde wählen, aber die „richtigen Demokraten“. Wer die wohl sind? Auf der anderen Straßenseite suchen Blume und Gerstner nach Briefkästen für die Faltblätter, klingeln; oft macht keiner auf. Oft ist die Reaktion aber auch eher abweisend bis barsch. Überraschend tut sich eine Hinterhofidylle auf. Im liebevoll instandgehaltenen Treppenhaus geht es in den dritten Stock. Zwei ältere Frauen nehmen die Flyer erfreut entgegen.
Wahlkampflust, Wahlkampffrust – Stefan Jordan wird am Abend erzählen, wie ihn einer mit ausgestrecktem (linken) Arm vom Grundstück verwiesen hat: „Verlassen Sie meinen Privatgrund“. Im Neubaugebiet in Hönbach sei sogar jemand extra in seinen Kastenwagen gestiegen, um die verhasste Wahlwerbung, die eben in seinen Briefkasten gelegt wurde, den Austrägern zurückzubringen. „Nehmt das wieder mit!“
Und: „Ihr werdet schon sehen, wie weit wir bereits gekommen sind“, raunt es aus dem geöffneten Fenster des langsam davonfahrenden Autos. Jordan wird sich später freuen, wie schön die Aussicht in Neufang (einem weiteren Sonneberger Stadtteil) gewesen ist.
Auf der Rückfahrt im Zug irgendwo hinter Coburg folgt der Versuch, eine Bilanz zu ziehen. Matthias Weidt, von Beruf Mathematiklehrer, ist mit seiner Familie im Auto weitergefahren, Richtung Tschechien, Urlaub machen. Aber mit Christian Köhler haben die Neustädter Kreisgrünen zumindest einen weiteren Zahlenfreund in ihren Reihen. Auf der Hinfahrt hat er gesagt, „laut Statistik bringt hundert Mal klingeln eine Stimme“.
Nein, frustriert oder desillusioniert sind sie nicht, die Wahlkampfhelfer aus dem Fränkischen. Benita Esch – sie geht auf die 70 zu – ist zu lange dabei, um sich entmutigen zu lassen. Allerdings sehen alle die AfD als Bedrohung.
Der 26-jährige Felix Gerstner will weitermachen bei den Grünen. „Klimaerwärmung und der Rechtsruck“ haben ihn zur Politik gebracht. „Ich wollte nicht weiter nur zuschauen“, sagt er. Auch und gerade nicht in Sonneberg.