Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in der Ansbacher Synagoge | FLZ.de

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Veröffentlicht am 13.11.2023 07:00

Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in der Ansbacher Synagoge

In der Ansbacher Synagoge wurde der Opfer der NS-Diktatur am 9. November 1938 gedacht.  (Foto: Jannic Hofmuth)
In der Ansbacher Synagoge wurde der Opfer der NS-Diktatur am 9. November 1938 gedacht. (Foto: Jannic Hofmuth)
In der Ansbacher Synagoge wurde der Opfer der NS-Diktatur am 9. November 1938 gedacht. (Foto: Jannic Hofmuth)

Um der Schandtaten der Reichspogromnacht wie bei vielen Veranstaltungen im ganzen Landkreis zu gedenken, versammelten sich am Samstag über 60 Bürger in der Ansbacher Synagoge. Oberbürgermeister Thomas Deffner und der Beauftragte für Antisemitismus des Freistaates, Ludwig Spaenle, nahmen Bezug auf die Lage in Nahost.

„Nie wieder ist jetzt” – dieser Ausspruch fällt seit dem Angriff der Terrorgruppe Hamas auf Israel oft. In Ansbach war „Nie wieder” am Samstag, als die Bänke der Synagoge in der Rosenbadstraße gefüllt waren mit Menschen, die an die Pogrome der NS-Diktatur am 9. November 1938 erinnerten.

Weit entfernt und doch so nah

Den Anfang der Veranstaltung, die von der katholischen und evangelischen Kirchengemeinde sowie dem Frankenbund organisiert wurde, machte der katholische Dekan Ansbachs, Harald Sassik. Nachdem eine musikalische Formation des Theresien-Gymnasiums nachdenkliche Klänge gespielt hatte, mahnte Sassik, nie die Gräueltaten der NS-Diktatur und vor allem die Zerstörungswut des 9. November zu vergessen.

Berührende Worte

Worte, die berührten. Die Bilder der Zerstörung waren angesichts des Anblicks des fein verzierten Baldachins im Zentrum der Synagoge kaum vorstellbar.

Die beiden Ereignisse scheinen so weit voneinander entfernt, zeitlich 85 Jahre und räumlich fast 3000 Kilometer Luftlinie. Trotzdem wurden sie in den Reden am Samstagabend im Licht der goldenen Kronleuchter unvermeidbar zu einer Einheit. Oberbürgermeister Deffner verurteilte die Taten der Hamas-Terroristen, deren Ziel „die Vernichtung Israels“ gewesen sei.

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Der 57-Jährige sah eine Verbindung zwischen den Verbrechen der NS-Diktatur und den Gewaltexzessen der Hamas-Milizen. So seien die Angriffe auf Israel „ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit”, ein Rechtsverstoß, der aus den Nürnberger Prozessen hervorging. Die Tatsache, dass diese Schreckenstaten auf deutschen Straßen bejubelt werden, sei erschütternd.

Klare Kante gegen Antisemitismus

Mehr denn je müsse klare Kante gegen Antisemitismus gezeigt werden. „Die Versprechen an die Jüdinnen und Juden dürfen kein Füllmaterial für Sonntagsreden bleiben”, sagte der OB. Es sei der Bevölkerung Palästinas zu wünschen, dass sie sich von der Hamas abwende, erklärte er mit ruhiger Stimme.

Weniger ruhig, dafür umso klarer waren die Worte, die der Antisemitismusbeauftragte für die aktuelle Lage fand. Nachdem sich Ludwig Spaenle beim Oberbürgermeister für seine Worte und bei allen Anwesenden dafür bedankt hatte, dass sie „hier und heute Gesicht zeigen”, betonte er, wie dramatisch die Lage sei.

Zeitpunkt nicht zufällig gewählt

„Antisemitismus war nie weg”, sagte Spaenle und erinnerte an die Ausgrenzungen der Juden in der jungen Bundesrepublik. Doch auch für den Münchner dauerte es nicht lange, bis sich in die Erinnerungen an die deutsche Geschichte die erschütternden Ereignisse des vergangenen Monats mischten. Bei dem Angriff auf Israel ginge es um „ein großes Ganzes” und der Zeitpunkt sei keineswegs zufällig gewählt.

Spaenle erinnerte an die Abraham-Abkommen, in denen sich die arabischen Staaten des Nahen Osten und Israel unter der Vermittlung des damaligen US-Präsidenten Trump 2020 auf eine Normalisierung der Beziehungen geeinigt hatten. Die Verträge vom 15. September 2020 wurden damals für ihre vagen Formulierungen kritisiert.

Ludwig Spaenle beklagte neben dem Verhalten der Bundesregierung, dass es ein „dröhnendes Schweigen” in Deutschland gebe. Kurz hielt er inne, dann bedankte er sich erneut bei den anwesenden Bürgerinnen und Bürgern, denn genau sie seien es, die diesem „dröhnenden Schweigen ein Ende setzen”.

Mit dem Ausspruch „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen”, zitierte der 62-Jährige den Theologen, Widerstandskämpfer und von den Nazis ermordeten Dietrich Bonhoeffer.

„Für die Juden schreit niemand“

Dieses Schreien sei jetzt wichtig. „Für die Juden schreit niemand”, wiederholte der Antisemitismusbeauftragte in seinem Wortbeitrag immer wieder. Es müsse klar verurteilt werden, wenn Menschen die Massaker der Hamas feierten und damit ihre Freiheitsrechte missbrauchten. Dies sei auch ein Dienst für die Menschen in Gaza.

Gleichzeitig sei es selbstverständlich, zu erlauben und zu erdulden, wenn Menschen in Deutschland die zivilen Opfer in Gaza betrauern und Mitleid aussprechen.

Zum Abschluss der Veranstaltung legten Oberbürgermeister Deffner und der Antisemitismusbeauftragte Spaenle einen Kranz für die Opfer der Reichspogromnacht und der NS-Diktatur nieder.


Florian Pöhlmann
Florian Pöhlmann
Nach der journalistischen Grundausbildung beim Fernsehen rief 1999 die große weite Welt des Sports, die ich in Nürnberg in nahezu allen Facetten kennenlernen und in verantwortlicher Position gestalten durfte. Erst der verlockende Ruf aus Ansbach und die Aussicht, im fortgeschrittenen Alter Neues zu wagen, sorgten ab 2021 für einen Neustart in der Lokalredaktion.
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