Nachhaltige Arbeitsweisen liegen Burgbernheims Stadtgärtner Ernst Grefig und seinem Team am Herzen. Deshalb laufen in den Streuobstwiesen derzeit Versuche. Bäume mit Pfahlwurzeln sollen dort wachsen, diese machen sie resilienter gegen Trockenphasen.
Äpfel- und Birnenblüten brauchen in der Regel die Bestäubung durch eine andere Sorte, um Kerne zu bilden, die vermehrungsfähig sind. Die Gene der „Mutter”- und der „Vater”-Sorte vermischen sich dabei. Aus genetischer Sicht entstehen bei der Aussaat von Apfel- und Birnenkernen neue Sorten. Jeder Kern entwickelt sich zu einem Baum mit eigener genetischer Ausstattung. Die Früchte wiederum können Ähnlichkeiten mit denen des ursprünglichen Baums aufweisen, sind aber nie identisch, erklärt Ernst Grefig.
Das Aussäen eigener Kerne ist vorteilhaft, da man so Unterlagen mit genetischer Vielfalt erhält. Eine Unterlage bezeichnet den unteren Teil eines veredelten Obstbaums. Früher war es gängig, Kerne auszusäen, um solche Unterlagen zu gewinnen. Für neue Bäume wurden dann die Sämlinge mit dem besten Wuchs ausgewählt. Teils ließ man die Bäume vor der Veredelung Früchte tragen, was mitunter zur Entstehung neuer Sorten führte.
Darf ein Sämling an Ort und Stelle wachsen, bildet er eine Pfahlwurzel, erklärt der Stadtgärtner. Beim Verpflanzen wird diese zerstört, der Baum bekommt danach ein flacheres Wurzelwerk. So geschieht es in Baumschulen. Die Pfahlwurzel macht den Baum allerdings resilienter gegen Trockenphasen. Um sie zu erhalten, muss man dort aussäen, wo der Baum später auch stehen soll. Direktsaat wird dieses Verfahren genannt, an ihr wird sich in den Burgbernheimer Streuobstwiesen versucht.
Im November trug Ernst Grefig mit einem Mini-Bagger das Gras für mehrere Pflanzfelder ab. Dann brachte er ein Substrat auf. Anschließend wurde der Treber, auch Trester genannt – also der Rückstand, der beim Saftpressen entsteht – ausgesät. Teils stammte er von Kieffers Sämling Birnen, Bittenfelder Äpfeln oder auch gemischten Streuobst-Äpfeln. Dann wurde abgesandet und Lindenblätter wurden darauf verteilt. Abgemulcht wurde mit Schafwolle, so der Stadtgärtner. Die Beete mussten vor Verbiss durch Hasen, Rehe, Weidetiere oder Rotwild geschützt werden. Vier Pfähle und ein Drahtgeflecht in entsprechender Höhe wurden jeweils aufgestellt.
Zu sehen sind mittlerweile kleine Pflänzchen. „Das sind die Kerne, die gekommen sind.” Besonders zu erwähnen: Die Bäumchen wurden nie gegossen, betont Grefig. Während man „wurzelnackte Pflanzen” pflegen und gießen müsse, streben die Pfahlwurzeln dieser Bäume in die Tiefe, wo mehr Wasser zur Verfügung steht. „Man sieht also, wie zäh die sind.”
Mehrere Felder wurden im Abstand von zehn Metern bepflanzt. Fünf bis sieben Jahre wird dieser Versuch nun vom Stadtgärtnerei-Team rund um Jörg Petzold und Manuel Seeg – sie sind Grefigs Nachfolger, wenn dieser in wenigen Monaten in den Ruhestand geht – noch begleitet. Dann kann entschieden werden, was mit den Bäumen passiert. Bis auf einen werden dann alle weichen. „Der König bleibt”, erklärt Grefig. Das gehöre zur natürlichen Selektion. Der Sämling mit dem besten Wuchs kann dann mit der gewünschten Sorte veredelt werden. Oder aber man wartet ab und schaut, welche Früchte der Baum trägt.
Grefig ist es wichtig, dass solche alten Praktiken und Kulturen nicht verloren gehen. Zudem liegt ihm viel daran, andere Kulturen auszuprobieren, was Bestand hat. Deshalb liest der Stadtgärtner viel oder tauscht sich mit Gleichgesinnten aus. Zudem mischt er auch bei der „Wurzel-AG” mit, einem Online-Portal. Beim Burgbernheimer Versuch heißt es nun aber erstmal abwarten. Schon jetzt ist Grefig höchst gespannt, wie sich die Bäumchen weiterentwickeln werden.