Auf 3000 Höhenmetern eine Strecke von 57 Kilometern zu laufen, klingt schon hart. Wenn man dann noch Hindernisse überwinden und eine 50 Kilogramm schwere Betonkugel schleppen muss, wird es wild. Man muss schon ein wenig verrückt sein, um an einer Spartan-Race-Ultra-Weltmeisterschaft teilzunehmen.
Per Richter aus dem Gerhardshofener Ortsteil Göttelhöf ist so ein Unerschrockener. Er verbringt seine Wochenenden damit, Obstacle-Course-Races (OCR) zu absolvieren, und reist dafür durch die ganze Welt.
Die Extremhindernis-Wettkämpfe gibt es in unterschiedlichen Distanzen. „Beast“-Läufe umfassen 21 Kilometer, bei „Super“ sind es zehn Kilometer und bei „Sprint“ sind es fünf Kilometer. Kombiniert man alle drei, wird daraus ein „Trifecta“. Die Hindernisläuferinnen und -läufer müssen sich unterwegs Herausforderungen stellen. Sie robben durch schlammige Tümpel, schleppen 28 Kilogramm schwere Sandsäcke, tragen 32 Kilogramm schwere Ketten oder überwinden Hangelhindernisse. „Einmal nass werden, gehört immer dazu”, sagt Per Richter und lacht. Sein persönliches Kryptonit: der Atlas-Stein – eine rund 50 Kilogramm schwere Betonkugel. „Ich hasse sie.”
Sein Pensum im Jahr 2024 waren 18 Triftecas. Lohn der Mühen war ein Spartan-Schild, das an den wichtigsten Ausrüstungsgegenstand der antiken spartanischen Krieger erinnert. Um die 18 Kilogramm schwere Auszeichnung zu erhalten, braucht man mindestens 13 Triftecas. Richters Jahreshighlights waren die Trifteca-WM in Griechenland und die Weltmeisterschaft in Abu Dhabi. Die Erfahrung in der Wüste, sei krass gewesen. Laufen und Hindernisse schleppen im Sand. Die Dünen rauf und runter. „Nicht ein bisschen Schatten”, so der 38-Jährige.
Dabei war Per Richter noch vor wenigen Jahren ein Sportmuffel. Ein Kollege hatte ihn 2019 überredet, sich für den OCR in Zirndorf anzumelden. Ohne Vorbereitung bewältigte er zehn Kilometer mit 50 Hindernissen. Drei Tage Muskelkater. Dann war die Lust, sich selbst herauszufordern, geweckt. Seither plant er sein ganzes Leben nach dem Sport. Er besitzt einen Weltpass des Sportveranstalters Spartan Race – so kann er an allen Wettkämpfen auf fünf Kontinenten teilnehmen.
2025 plante er, es ruhiger angehen zu lassen. Richters Vorstellung von einem ruhigen Jahr: „Nur” zehn Triftecas und ein Ultra-OCR. Warum nicht gleich an der Ultra-WM teilnehmen, dachte er sich, und reiste am 3. Juli 2025 nach Morzine in den französischen Alpen. 50plus-Kilometer, 73 Hindernisse, rund 3000 Höhenmeter und – um es noch ein wenig spannender zu machen – ein Zeitlimit von 15,5 Stunden. „Ich hatte vorher meine Zweifel, ob ich es schaffe.” Mehr als 35 Kilometer war er nie gelaufen – noch dazu in den Bergen mit Zeitlimit. „Probierst es halt, im schlimmsten Fall scheidest du aus”, hat er sich gedacht.
Um 7.30 Uhr stand er im kleinen, französischen Bergdorf Monzine an der Startlinie. Verschiedene Wegpunkte auf der Strecke mussten zu bestimmten Zeiten erreicht werden. Den ersten Checkpoint erreichte er um 15 Uhr, bis 17 Uhr hätte er Zeit gehabt. Im Rucksack: Wasser, Schokosticks und Chips. Am Tag vorher hatte er noch einmal richtig reingehauen. Manche Teilnehmer essen zwei Menüs, um ausreichend Energie für den Lauf zu haben, so Richter.
Doch bei 42 Kilometern kam der Punkt, an dem er ans Aufgeben dachte: „Ich hatte die Schnauze voll!” Doch durch Zufall kamen genau zu diesem Zeitpunkt zwei befreundete Mitläufer vorbei. „Wir sind zusammen weitergelaufen und haben uns motiviert.” Ab 44 Kilometern war der Gedanke ans Aufgeben überwunden.
„Man darf nie stehen bleiben, sonst setzt der mentale Breakpoint ein”, weiß der Göttelhöfer. Überhaupt sei der Wettkampf eine mentale Herausforderung. „Ich habe erwachsene Männer weinen sehen, weil sie ihr Zeitlimit wegen vier Minuten überschritten haben.” Dann kommt nämlich die Schere zum Einsatz und den Teilnehmenden wird das Band am Handgelenk abgeschnitten – Richters persönlicher Albtraum.
Jener Albtraum wurde in den französischen Alpen zum Glück nicht zur Realität. Nach 57 Kilometern, 73 Hindernissen und 14 Stunden und vier Minuten ist er im Dunkeln über die Linie gesprungen. „Ich war unglaublich glücklich.”
Für 2026 hat sich der Spartan-Läufer neue Ziele gesetzt. Er will die „Life-Time-Trifteca X 50” machen. Dazu muss man 50 Triftecas im Laufe seines Lebens absolvieren. Für Richter ein Klacks. 33 hat er schon. Außerdem will er drei Ultras laufen, darunter noch einmal den in Frankreich. „Meine größte Angst ist es, den heuer nicht zu schaffen”, sagt er. Zudem will er sich „das zweite Schild besorgen”.
Die Flugtickets hat er glücklicherweise schon gebucht, über die erhöhten Flugpreise muss er sich also keine Gedanken machen. Im Sommer ist er fast jedes Wochenende unterwegs, seine Urlaubstage sind komplett verplant.
Seit 2023 nimmt er an den Spartan-Race-Wettkämpfen teil und hat seitdem 16 verschiedene Länder bereist. Seine Freunde kommen aus der ganzen Welt. „Manche sieht man bei jedem Rennen.” Seine Lieblingsstrecke ist das Rennen auf der kroatischen Insel Hvar, zwischen Klippen und der Burg. „Zweimal muss man durch den Hafen schwimmen”, schwärmt er.
Gibt es noch eine Steigerung? Die Ultrafecta wäre noch eine. Während bei den normalen Trifectas die drei Distanzen auf zwei Tage verteilt werden, läuft man bei der Ultrafecta den Ultra und am nächsten Tag noch den Super und den Sprint. Hier setzt Richter aber die Grenze: „Das mach’ ich nicht!” Obwohl?