Als ich damals als Studentin neben meinem Geschichtsstudium Führungen zur Geschichte der Juden in Fürth machte, hätte ich mir das nicht träumen lassen: die Gelegenheit, ein Interview mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland führen zu dürfen. Doch gut drei Jahrzehnte später war es so weit.
Am 15. Oktober 2023 war Dr. Josef Schuster Ehrengast und Festredner bei der Einweihung der Synagoge aus Allersheim im Fränkischen Freilandmuseum in Bad Windsheim. Ich erhielt diese besondere Chance, als Berichterstatterin für die Fränkische Landeszeitung dabei zu sein. Seit November 2014 ist Schuster Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland. Außerdem ist er Vizepräsident des World Jewish Congress und des European Jewish Congress.
Doch ein schreckliches Ereignis legte sich über die Feststimmung im Freilandmuseum: Nur wenige Tage vor der lange geplanten Einweihung fand am 7. Oktober 2023 das Attentat der Hamas auf Israel statt, bei dem mehr als 1200 Menschen starben. Rund 5000 Menschen wurden verletzt, mehr als 200 Menschen als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Der Angriff der radikalislamischen Hamas bedeutete den Beginn eines weiteren Kriegs im Nahen Osten.
Der Terrorangriff veränderte auch für mich meine Vorbereitung auf den Termin im Bad Windsheimer Museum. So ein einschneidendes Ereignis konnte nicht einfach übergangen werden, obwohl globale Ereignisse sonst nicht oder nur am Rande in die lokale Berichterstattung einfließen.
Statt also nur im Vorfeld noch einmal alle Informationen zur Landsynagoge aus Allersheim nachzurecherchieren, alle veröffentlichten Artikel zum Wiederaufbau der Synagoge nachzulesen und die wichtigsten personellen Hintergrundinformationen zu Schuster zusammenzutragen, saß ich auch über verschiedene Zeitungsberichte vom Terroranschlag und verfolgte die Nachrichten. Ich grübelte lange, welche Fragen ich im Interview stellen würde. „Inwiefern sind Fragen zur globalen Situation angemessen?“, fragte ich mich. „Soll ich den Terroranschlag ausblenden und nur Fragen zur Synagoge stellen?”
Bedrohungslage und Unsicherheit wirkten sich auch beim Einweihungstermin im Freilandmuseum aus. Verstärkte Sicherheitsmaßnahmen und Polizeipräsenz waren an diesem Sonntag auch auf dem Museumsgelände sicht- und spürbar. Rund 300 Gäste fanden sich im Zelt neben der Synagoge ein, darunter zahlreiche Politiker, Vertreter des Bezirks Mittelfranken, Ehrengäste sowie Beteiligte an der Finanzierung, am Bau und am pädagogischen Konzept der Ausstellung.
Für mich war es das erste Mal, dass ich bei einem Termin ein mulmiges Gefühl hatte. Denn nach dem Aufruf der Hamas zur Gewalt gegen Juden wurden auch in Deutschland antisemitische Angriffe befürchtet. So war auch eine meiner Fragen, die ich im persönlichen Interview an Josef Schuster richtete, ob er eine Gefährdungslage für Veranstaltungen wie diese sieht. „Ich hoffe nicht“, lautete damals seine Antwort.
Er zeigte sich bestürzt, dass viele jüdische Familien auch in Deutschland nun Sorge hatten, ihre Kinder in die Schulen zu schicken. Schuster, der in Haifa in Israel geboren wurde, zeigte sich sehr betroffen vom Anschlag. Im Interview sagte er, dass er selbst Verwandte und Bekannte in Israel hat. Fast jeder kenne jemanden, der akut betroffen sei, der selbst in der betroffenen Region vor Ort sei oder war oder Verwandte oder Bekannte dort habe,.
Nicht ganz so leicht fiel es mir bei diesem Termin, nicht mein eigentliches Thema aus den Augen zu verlieren und den Bogen von den schrecklichen Ereignissen in Israel zurück zum Lokaljournalismus zu spannen. Doch selbstverständlich sollte an diesem Tag die fertiggestellte Synagoge im Mittelpunkt stehen.
Das Gebäude aus Allersheim im Landkreis Würzburg kannte Schuster, der selbst in Würzburg lebt, noch in seinem baufälligen Zustand, wie er mir berichtete. Die Synagoge war 1742/43 erbaut worden und diente mehr als 100 Jahre lang als Wohnhaus des Rabbiners und als Versammlungsort für Gottesdienste. Im Gebäude befand sich auch eine Mikwe, ein jüdisches Ritualbad. Die Mikwe kann heute im Museum besichtigt werden, ebenso wie die Wohnung des Rabbiners und der Gebetsraum.
Vom Wiederaufbau des Gebäudes im Museum war Schuster begeistert, wie er in seiner Festrede unterstrich. Und spätestens bei der ersten Begehung der Synagoge im Anschluss an den Festakt fiel mir der Bogen zum lokalen Thema wieder leichter. Mein mulmiges Gefühl wurde zum Glück nicht bestätigt. Die Stimmung im Museum war ruhig und festlich, es gab keine Zwischenfälle.
Im Anschluss an den Festakt nahm sich Josef Schuster geduldig Zeit für die Fragen der Reporterinnen und Reporter. Vergessen werde ich diesen besonderen Termin sicher nie.
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