Bad Windsheim: Die verblüffenden Funde im Mittelalter-Klo | FLZ.de

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Veröffentlicht am 19.11.2023 12:47

Bad Windsheim: Die verblüffenden Funde im Mittelalter-Klo

Gerhard Bund wird einen Vortrag zum Thema „Funde aus heimlichen Gemächern: Die Latrinenfunde in Bad Windsheim“ halten. (Foto: Nina Daebel)
Gerhard Bund wird einen Vortrag zum Thema „Funde aus heimlichen Gemächern: Die Latrinenfunde in Bad Windsheim“ halten. (Foto: Nina Daebel)
Gerhard Bund wird einen Vortrag zum Thema „Funde aus heimlichen Gemächern: Die Latrinenfunde in Bad Windsheim“ halten. (Foto: Nina Daebel)

Historische Latrinen sind wahre Fundgruben. Diese mittelalterlichen Toiletten und Müllgruben verraten viel über die Menschen, die sie nutzten. Gerhard Bund hat sich mit den Bad Windsheimer Latrinenfunden beschäftigt und präsentiert seine Ergebnisse am Mittwoch ab 19 Uhr bei einem Vortrag im Reichsstadtmuseum im Ochsenhof.

Der Weg in die Tiefgarage an der Stellergasse ist trist. In einer der Ecken wurde ein kreisrundes Gitter in den Boden eingelassen. „Das Loch“ hat jemand in krakeligen Buchstaben an die Wand geschmiert. Doch der unter der Abdeckung verborgene sechs Meter tiefe Schacht ist mehr als das. Er war einst Brunnen, Latrine und wurde so zur archäologischen Fundstätte.

Insgesamt acht solcher Latrinen gab es im Stadtkern von Bad Windsheim. Sie wurden zufällig entdeckt, als Neues gebaut werden sollte und die Bagger angerückt waren. Was die Schächte viele Jahrhunderte lang bewahrt hatten, war geborgen worden. Vor allem Ehrenamtliche hatten sich der Aufgabe damals angenommen. Erhalten geblieben ist nur die eine Latrine in der Tiefgarage. Die anderen wurden weggebaggert oder zugeschüttet.

Informationstafel für den Schacht

Dieser einen historischen Müllgrube aber soll nun zu mehr Aufmerksamkeit verholfen werden. Der Historische Verein Bad Windsheim plant, den Schacht zu beleuchten und eine Info-Tafel aufzustellen. Denn kaum einer weiß, was unter dem Gitter verborgen ist. Der von Gerhard Bund ausgearbeitete Vortrag wird als Grundlage für die wissenschaftlichen Details dienen, die Interessierten an der Latrine vermittelt werden sollen.

Gerhard Bund steht auf dem Gitter. „Ich bin da runter gestiegen. Auf einer Leiter, die auf Styropor stand, damit sie nicht plötzlich einsinkt“, erzählt der 67-Jährige. Er war einer derjenigen, die sich im Jahr 1999 maßgeblich an den archäologischen Notgrabungen im Stadtkern von Bad Windsheim beteiligt hatten. Was davon geblieben ist, sind die „Archäologischen Fenster“ auf dem Marktplatz. Außerdem unzählige Einzelfunde. Glasscherben, große und kleine Gefäße sowie Scherben von Kacheln.

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Ein Großteil der Funde lagert im Depot des Fränkischen Freilandmuseums in Bad Windsheim. Einige wenige Stücke verwahrt Bund selbst. „Ihr monetärer Wert lässt sich kaum bemessen, weil es den eigentlich nicht gibt. Ihr kultureller hingegen ist unermesslich“, sagt Bund und wiegt eines der Gefäße in den Händen hin und her. Es ist ein mittelalterliches Kochgefäß mit deutlichen Gebrauchsspuren.

Auch einen Henkelkrug zeigt der 67-Jährige, außerdem verschiedene Ofenkacheln und Miniaturgefäße. Ein besonderes Stück ist der Bartmann-Krug. „Ein solcher Krug war in der Herstellung teuer. Deswegen darf man davon ausgehen, dass die Latrinen im Stadtkern von Bad Windsheim wohl von den wohlhabenden Bürgern genutzt worden sind“, sagt Bund. Darauf weise auch ein geborgenes Wachstafelbuch hin, eine Schreibtafel.

Dreibeintopf in der Vitrine

Gerhard Bund öffnet seine Vitrine und zeigt auf einen kleinen Dreibeintopf. Auch er ist ein Fund aus einer der Latrinen. „Es ist eine Miniatur und vermutlich ein Kinderspielzeug“, sagt der 67-Jährige, in dessen Leben es eine Zeit gegeben hat, in der die Archäologie zu seinem Beruf hatte machen wollen. Nach seinem Lehramtsstudium in Würzburg und während er auf eine Festanstellung im Staatsdienst wartete, schrieb er sich an der Universität in Tübingen für Archäologie ein. Zehn Semester studierte er das Fach und hatte schon das Thema für seine Magisterarbeit, als er einen Brief des Schulamtes erhielt und dazu aufgefordert wurde, als Lehrer tätig zu werden. „Ich musste mich entscheiden und war schließlich 30 Jahre lang im Schuldienst tätig.“

An der Grund- und Mittelschule Burgbernheim-Marktbergel gründete er die „Arbeitsgemeinschaft Archäologie“. Gemeinsam mit interessierten Schülern war Bund über Jahre hinweg auf dem jungsteinzeitlichen Siedlungsplatz nördlich der Bundesstraße 470 an der Straße nach Hilpertshof unterwegs. Dort suchten sie nach ausgepflügten Überresten aus längst vergangenen Epochen. Zahlreiche Kleinfunde wurden zusammengetragen, für die sich auch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege interessierte.

Bierbecher als Weizenglas-Vorläufer

Seinen Vortrag über die Latrinenfunde hat Bund intensiv vorbereitet. Innerhalb von einer Stunde will er über das Wesentliche informieren. Und vielleicht auch das ein oder andere Fundstück zeigen. Zum Beispiel Windsheims wohl ältesten Bierbecher. Er hebt ihn empor, dreht ihn und sinniert: „Man erkennt deutlich die Form, die dem heutigen Weizenglas doch sehr ähnlich ist.“

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