Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Viele Bettler und ein Fest für Reiche | FLZ.de

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Veröffentlicht am 06.02.2026 16:00

Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Viele Bettler und ein Fest für Reiche

Im sehr eleganten Hotel Zirkel (links) wird im Februar 1926 groß gefeiert. Nur gut betuchte Gäste kommen. Diese Postkarte ist einige Jahre älter, sie stammt von 1912. (Repro: Sammlung Martin Schuster)
Im sehr eleganten Hotel Zirkel (links) wird im Februar 1926 groß gefeiert. Nur gut betuchte Gäste kommen. Diese Postkarte ist einige Jahre älter, sie stammt von 1912. (Repro: Sammlung Martin Schuster)
Im sehr eleganten Hotel Zirkel (links) wird im Februar 1926 groß gefeiert. Nur gut betuchte Gäste kommen. Diese Postkarte ist einige Jahre älter, sie stammt von 1912. (Repro: Sammlung Martin Schuster)

In der Woche ab Montag, 1. Februar 1926, besucht ein Globetrotter die Redaktion der Fränkischen Zeitung. Detlefsen heißt er, und „er hat die ganze Welt zu Fuß durchwandert”. Aus Asien ist er nun nach Deutschland zurückgekehrt und hat in Ansbach Station gemacht, doch bald will er wieder in die Ferne aufbrechen.

„Besonders gut scheint er die Verhältnisse in Nordamerika zu kennen. Vor Südamerika warnt er Auswanderungslustige”, schreibt die Presse. „Detlefsen hält auf seiner Wanderschaft Vorträge über seine Reisen und sucht damit und durch den Vertrieb von Postkarten seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.”

Wer lieber mit der Eisenbahn reist als auf Schusters Rappen, kann sich freuen: „Die Ausbesserung der in der Kriegs- und Nachkriegszeit vernachlässigten Waschräume der D-Züge macht gute Fortschritte. Man ist insbesondere auch darauf bedacht, die Waschräume wieder wie früher mit Seife und Handtüchern zu versehen. Wünschenswert wäre nur, daß man nicht, wie dies geschieht, zuerst ausschließlich die beiden ersten Wagenklassen auffrischt, sondern gleichmäßig auch die Wagen 3. Klasse in Angriff nimmt. Das gleiche gilt von der Ausgestaltung der Abteilungen mit Vorhängen.”

Reizstromgeräte gegen vielerlei Leiden

An der Promenade eröffnet diese Woche das „Ansbacher Wohlmuth-Institut”. Dort können Wohlmuth-Apparate für den Gebrauch zu Hause entliehen oder gekauft werden. Die Reizstromgeräte haben laut einer Zeitungsannonce „schon Millionen Kranke” geheilt: „Glänzende überraschende Erfolge mit völlig schmerzloser Behandlung ohne Berufsstörung. Insbesondere bei Gicht, Ischias, Rheumatismus, fast allen Erkrankungen des Nerven- und Muskelsystems, der Gelenke, des Verdauungsapparates, der Organe, bei Störungen des Stoffwechsels und Blutkreislaufes etc. etc.”

Ein großer „Prämierungspferdemarkt” hat unzählige Schaulustige auch von auswärts in die Stadt gelockt. „Bei strahlendem Sonnenschein wurde ein Standkonzert von der Musikervereinigung Onoldia in vortrefflicher Weise durchgeführt. Während des Konzertes wurden die prämierten Pferde, durchweg sehr gutes, teilweise hervorragendes Material, vorgeführt”, berichtet die Zeitung. „Eine riesige Menschenmenge hatte sich eingefunden, die jeglichen Passantenverkehr in der Maximilianstraße unmöglich machte.”

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Nach der Präsentation von rund 200 Pferden nahmen die Eigentümer der ausgezeichneten Tiere „Preise und Glückwünsche vom Herrn Oberbürgermeister entgegen, der die Geldpreise in einem in den Stadtfarben gehaltenen geschmackvollen Stoffbeutelchen verwahrte”. Nicht nur die Straßen waren voll, sondern auch die Wirtshäuser. „Der Erfolg zeigt, daß die von der Stadt für den Pferdemarkt aufgewendeten nicht unerheblichen Mittel nicht umsonst ausgegeben waren.”

Apotheken dürfen mit Branntwein handeln

Am Ansbacher Landgericht muss sich der 29 Jahre alte Spezereihändler Eder aus Ornbau wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt in Person eines „pfändenden Gerichtsvollziehers” verantworten. Der Beschuldigte kommt mit einer Geldstrafe von 20 Mark davon, obwohl zunächst mehrere Tage Gefängnis gefordert waren. Der Grund für die Milde: „Der Mann ist infolge Kopf- und Bauchschußes, die er im Kriege erlitten hat, schwer kriegsbeschädigt und außerordentlich leicht erregbar.”

Milchhändler Dürr möchte nebenberuflich als Hilfsleichenträger arbeiten, was der Verwaltungs- und Polizeisenat genehmigt. Die Erlaubnis zum Kleinhandel mit Branntwein erhalten die Apotheken Buchta in der Kannenstraße und Sperr in der Endresstraße. „Schulranzen, Rucksäcke, Gamaschen, Peitschenstöcke empfiehlt billigst Sattlermeister Schroll.” Und „der Direktion des Café Schmidt ist es gelungen, den so sehr bekannten und beliebten Meister auf der Geige Erich Dörr für längere Zeit zu verpflichten”.

In ihrem Stammlokal, der Fränkischen Bauernstube, trifft sich die Ortsgruppe der NSDAP zur Generalversammlung: „Erscheinen Pflicht. Zutritt nur gegen Mitgliedskarte.” Wohin wird das noch führen? Wo geht es hin? So wird im übertragenen Sinne die berühmte lateinische „Quo vadis?”-Frage übersetzt.

„Quo vadis?” heißt auch der erfolgreiche, in Rom gedrehte Monumentalfilm, der Anfang Februar in die Schlosslichtspiele kommt. Emil Jannings gibt den Nero. Der deutsche Charakterdarsteller lebt und arbeitet ab 1926 in Hollywood, wo er 1929 bei der ersten Oscar-Verleihung als bester Schauspieler geehrt wird. Zurück in Deutschland, wirkt Jannings ab 1933 in NS-Propagandafilmen mit. Hitler und Goebbels bewundern ihn.

Ansbacher Wohnungen sind hart umkämpft

„In letzter Zeit mehren sich die Versuche, durch Schwarzbezug rasch in den Besitz einer Wohnung zu kommen. Freigewordene Wohnungen dürfen nur mit Genehmigung des Wohnungsamtes vermietet und bezogen werden”, warnt die Lokalredaktion. „Unrechtmäßig bezogene Wohnungen werden vom Wohnungsamt unter Ueberbürdung der Kosten auf den Schwarzmieter unnachsichtlich und ohne Beschaffung einer anderen Unterkunft geräumt, auch dann, wenn dem Schwarzmieter die Rückkehr in seine bisherige Behausung nicht mehr möglich ist. Schwarzmieter und Schwarzvermieter haben außerdem mit Geld- und Gefängnisstrafen zu rechnen.”

In der Sitzung des Stadtrats berichtet Herr Stinzing außerhalb der Tagesordnung vom „Straßenbettel, der in der letzten Zeit besonders in den äußeren Stadtteilen stark zugenommen” hat. „An einem Nachmittag kommen 14 oder 15 Bettler. Ich weiß, daß die Arbeitslosigkeit schuld ist, bin aber der Meinung, daß die Polizei eingreifen muß”, so Stinzing.

Überdies sei es „ein Skandal, wie abends das Herrieder Tor von jungen halbwüchsigen Burschen umlagert ist und dadurch der Verkehr behindert wird”, wettert das Ratsmitglied weiter. „Auch hier sollte die Polizei eingreifen und den Burschen, wenn sie sich wehren, eine richtige Ohrfeige geben.”

Ob sich die Bürgerinnen und Bürger, die am Sonntagabend zum opulenten Hausball im Hotel Zirkel in der Maximilianstraße eilen, an den herumlungernden Jugendlichen stören? Die Gäste haben, im Gegensatz zu vielen anderen Menschen, wohl keine finanziellen Sorgen. Sie freuen sich auf „die auswahlreiche Abendkarte und die 1a Weine” im Hotel. Für den Besuch gilt eine strikte Kleiderordnung. „Damen: Gesellschaftskleid. Herren: Dunkler Anzug.”

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Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

"I have never written a word that did not come from my heart. I never shall."
Nellie Bly
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