Ein Schock für das Ehepaar Rager, ein Schock für die Stammkunden: Da Chef und Chefin beide ernsthaft erkrankt sind, schließt die kleine Ansbacher Traditionsbäckerei ihre gläserne Tür. Doch Lorenz Rager zeigt sich vor allem dankbar – und will in der Zukunft vielleicht sogar wieder öffnen.
Die Stammkunden nutzten den Freitag, um ein letztes Mal die beliebten Brezen zu kaufen. „Viele sind heute gekommen, um sich zu bedanken, das rührt uns sehr“, sagt Lorenz Rager der FLZ. „Letzten Freitag, da sah alles noch ganz anders aus.“
Der 56 Jahre alte Bäckermeister hatte angekündigt, samstags schließen zu wollen, wegen der Krankheit seiner Frau. Vergangenes Wochenende war er dann aber selbst beim orthopädischen Notdienst, verrät er. Zeitgleich seien er und seine Frau nun an unterschiedlichen Leiden erkrankt. „Wenn die Chefin und der Chef ausfallen, geht es nicht mehr.“ Bei seiner Betriebsgröße bleibe ihm nichts anderes übrig, als zu schließen.
Die vier Frauen, die im Verkauf arbeiteten, musste er entlassen. Sie wuseln am letzten Tag in der Backstube herum, räumen die Theke ab. „Es sind sehr gute Mitarbeiterinnen, sie werden schnell etwas finden.“ Schließlich hat die Branche Personalmangel. Seinem aktuellen Auszubildenden konnte er eine Stelle in einem anderen Betrieb anbieten.
Seit über 100 Jahren gibt es die Ansbacher Bäckerei Rager. Die Familie stammt aus Augsburg. Seit dem 18. Jahrhundert sind sie eine Bäckerfamilie, erklärt Lorenz Rager. Als einer von zehn Söhnen lernte auch sein Großvater den Beruf. Die jungen Bäcker verteilten sich übers Land, Ragers Großvater verschlug es in die Feldbäckerei der damaligen Hindenburgkaserne in Ansbach. Dort traf er seine spätere Frau, die gegenüber als Haushälterin arbeitete. 1922 gründete er die Bäckerei.
1994 übernahmen dann Lorenz und seine Frau Elvira Rager (55) die Bäckerei von Lorenz' Vater. Elvira und er hatten sich mit 15 in der Realschule kennengelernt. „Jetzt müssen wir uns auf unsere Genesung konzentrieren.“
Viele schwörten auf Ragers Brezen als die besten der Stadt. „Alle Ansbacher Bäcker können backen, sonst gäbe es sie nicht mehr“, entgegnet er auf solches Lob. Stolz seien er und seine Frau eher auf einen anderen Höhepunkt: Die Verleihung des bayerischen Umweltpreises im Jahr 2011. Eine der ersten Photovoltaikanlagen der Stadt, das Kürzen der Energieausgaben um 45 Prozent seit 2008 oder auch nachhaltige Putzmittel hätten zur Prämierung geführt, erinnert er sich.
Am Platen-Gymnasium und der Realschule schmissen sie den Pausenverkauf, viele andere Geschäfte belieferte die Bäckerei. „Das alles ist nun vorbei“, sagt Lorenz Rager. Er ist gerührt, emotional, aber vor allem eins: „Sehr dankbar, dass unser Gesundheitssystem im Ernstfall gut funktioniert.“ Dankbar, in einem Land zu leben, in dem man gut versorgt sei. Und dankbar vor allem für die treuen Mitarbeiter und Stammkunden, auch in der Pandemie. „Das ging so weit, dass Kunden ihren Urlaub extra auf unseren Betriebsurlaub abgestimmt haben.“
Zwei Jahre, dann sind sie beide gesund, sagt Lorenz Rager hoffnungsvoll. Und dann will er möglichst wieder öffnen. „Ich bleibe optimistisch.“