Ende nach 155 Jahren Tradition: Das Auber Textilhaus Freystätter schließt | FLZ.de

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Veröffentlicht am 07.12.2025 07:00

Ende nach 155 Jahren Tradition: Das Auber Textilhaus Freystätter schließt

Karin Smietana (links) und Sabine Nestler im Textilhaus Freytätter am Auber Marktplatz. Am 22.März des kommenden Jahres wird die mittlerwieile 155-jährige Ära dieses Geschäfts zu Ende sein - über 50 Jahre davon haben diese beiden Frauen geprägt.  (Foto: Alfred Gehring)
Karin Smietana (links) und Sabine Nestler im Textilhaus Freytätter am Auber Marktplatz. Am 22.März des kommenden Jahres wird die mittlerwieile 155-jährige Ära dieses Geschäfts zu Ende sein - über 50 Jahre davon haben diese beiden Frauen geprägt. (Foto: Alfred Gehring)
Karin Smietana (links) und Sabine Nestler im Textilhaus Freytätter am Auber Marktplatz. Am 22.März des kommenden Jahres wird die mittlerwieile 155-jährige Ära dieses Geschäfts zu Ende sein - über 50 Jahre davon haben diese beiden Frauen geprägt. (Foto: Alfred Gehring)

Dem Internethandel sei „Dank” – das Ladensterben in den Innenstädten geht ungebremst weiter. Das gilt auch für Textilhäuser, das gilt auch in Kleinstädten, das gilt auch für Aub. Dass an dessen Marktplatz ein Bekleidungsgeschäft überhaupt so lange durchgehalten hat, ist einer Hemmersheimerin zu verdanken.

Ein älteres Ehepaar betritt dasTextilgeschäft von Karin Smietana. Verkäuferin Sabine Nestler bietet der Frau, die sichtlich Problemen beim Gehen hat, sogleich einen Sitzplatz an. Noch ehe die Kundin ihre Wünsche nennen kann, zeigt ihr die Verkäuferin schon zwei Handvoll Strümpfe: „Ich habe alles schon mal herausgesucht,“ sagt Nestler. Sie kennt ihre Stammkunden, sie weiß um deren Wünsche.

Kaum Laufkundschaft

Laufkundschaft haben sie eher weniger, sagen Smietana und Nestler – die klare Mehrheit derer, die die Ladenklingel anschlagen lassen, sind Stammkunden. Die meisten von ihnen kann die Inhaberin mit dem Vornamen ansprechen, viele hat sie über die Jahre immer wieder gesehen, als zappelnde Kindergartengören, als unwillige Teenager, als junge Erwachsene und irgendwann als Eltern von zappelnden Vorschulkindern und betont coolen Jugendlichen. Da kennt man natürlich die Wünsche und die Vorlieben.

Auch sie selbst will lieber beim Vornamen genannt werden, sagt Karin Smietana, den Nachnamen der Hemmersheimerin kennen hier nur wenige. Sie habe ihr ganzes Berufs- und Geschäftsleben hier verbracht, erzählt sie, hat vor 53 Jahren hier ihre Lehre begonnen, hat vor 35 Jahren den Laden als Inhaberin und Geschäftsführerin übernommen, hat Höhen und Tiefen erlebt, hat mit Maßbändern hantiert, Hunderte von Abschlussballkleidern abgesteckt, erste Anzüge für pickelige Tanzschulabsolventen ausgesucht und schicke Rollkragenpullis und erste Abendgarderoben für die späteren Azubis.

Überrascht von der Auswahl

Verkäuferin Sabine Nestler ist ebenfalls schon seit 1972 hier, hat hier im Laden ihre Lehre begonnen und abgeschlossen, ist immer geblieben, kennt keinen anderen Arbeitsplatz. Nestler ist auch weniger eine Mitarbeiterin als vielmehr eine Vertraute und Freundin.

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Heute seien viele Kundinnen und Kunden, die den Laden zum ersten Mal betreten, überrascht von der Auswahl und der Qualität, sagt Karin Smietana. Die Stammkundschaft wisse das natürlich und schätze vor allem die sehr persönliche Beratung. Aktuell erleben die beiden Frauen sogar einen kleinen Boom, denn viele kämen jetzt in den Tagen vor Weihnachten noch einmal vorbei, um sich ein letztes Mal einzudecken und viele äußern sich beim Abschied von den beiden Frauen wehmütig.

Leicht fällt auch Karin Smietana der Abschied nicht, aber es geht eben nicht anders. 67 Jahre alt ist sie mittlerweile, es fällt nicht mehr alles so leicht wie früher und ein bisschen Ruhe wäre auch nicht schlecht. Zudem spürt sie in den vergangenen Jahren die Internet-Konkurrenz zunehmend: Es gebe immer wieder Fälle, bei denen sich Kunden im Laden beraten ließen und dann im Netz billig einkauften. Mit den Preisen, die dort aufgerufen werden, kann das kleine Marktplatzgeschäft natürlich nicht mithalten.

Eine Ära endet

Wenn Smietana und Nestler jetzt aufhören, dann endet nicht nur die Geschäfts-Ära der beiden Frauen, sondern auch jene des Geschäfts. Eine Urkunde an der Wand aus dem Jahr 2020 verweist auf die 150-jährige Geschichte des Hauses. Das habe man eigentlich feiern wollen, erzählen die beiden, doch dann kam ja bekanntlich die Pandemie. Wegen des Lockdowns hatte das Geschäft damals wochenlang schließen müssen und auch danach sei es längst nicht wieder so gut angelaufen wie zuvor. Ein Teil der Kunden sei nicht wieder gekommen und ein Teil der Stammkunden sei im Laufe der Jahre weggestorben.

Gegründet worden war das Geschäft im Jahre 1870 von Gustav Freystätter in der Auber Hauptstraße 3. Im Jahr 1919 hatte dann dessen Sohn Ernst den Laden übernommen, nach dessen Tod im Jahre 1949 führte wiederum sein Sohn Gustav das Geschäft weiter. Und dann kam Karin Smietana.

Ausverkauf startet

In diesen Tagen nun beginnt der Ausverkauf: Am 22. März des kommenden Jahres, dann, wenn in Aub der Frühlingsmarkt gefeiert wird, ist das Textilhaus Freystätter zum letzten Mal geöffnet. Ja, es wird ihr etwas fehlen, sagt die letzte Inhaberin, und die drei Kilometer vom Hemmersheimer Wohnhaus nach Aub seien ja nun auch wirklich kein langer Weg zur Arbeit gewesen.

Andererseits freue sie sich jetzt darauf, mehr Zeit mit der Familie, mit den Enkeltöchtern verbringen zu können und vielleicht die Welt ein wenig besser kennenzulernen. Ein paar Reisen könnte sie sich schon vorstellen – vom Auber Marktplatz hinaus in die Welt.


Von ALFRED GEHRING
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